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RAD: Giro d'Italia startet im «Heiligen Land»

Der Giro d’Italia wagt einen historischen Auslandsstart in Jerusalem. Das Unterfangen ist auch aus politischen Gründen sehr heikel.
Tom Mustroph
Das Team der Israel Cycling Academy beim Training im Heimatland. (Bild: Sebastian Scheiner/Keystone (Tel Azeka, 1. Mai 2018))

Das Team der Israel Cycling Academy beim Training im Heimatland. (Bild: Sebastian Scheiner/Keystone (Tel Azeka, 1. Mai 2018))

Tom Mustroph

sport@luzernerzeitung.ch

Ein Glück, dass es Gino Bartali gibt. Die italienische Radsportlegende, zweifacher Tour- und dreifacher Giro-Sieger, war während der Nazi-Zeit für die italienischen Partisanen tätig und schützte dabei auch Juden vor der Verfolgung. Im Rahmen seines Rennrads schmuggelte er Ausweisdokumente, und in seinem Keller versteckte er Menschen. Dafür wurde er als «Gerechter unter den Völkern» von der Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem geehrt. Kurz vor dem Giro-Start wurde ihm schliesslich die Ehrenbürgerschaft Israels verliehen. Anwesend war neben Bartalis Enkelin Gioia auch das Profiteam der Israel Cycling Academy.

Acht Männer des Teams, darunter zwei Israelis, nehmen am Giro teil, der am heutigen Freitag mit einem Zeitfahren in Jerusalem beginnt. Die Rennfahrer waren zuvor mehrfach in Italien unterwegs, auf der Strecke von Florenz nach Assisi, die Bartali bei seinen Kurierdiensten häufig befuhr. «Ich bin zweimal den Spuren von Bartali auf dem Weg nach Assisi gefolgt. Jedes Mal war es für mich, als würde ich einen kleinen Anteil daran haben, die Erinnerung an diesen grossen Mann wachzuhalten. Jetzt in Yad Vashem an der Zeremonie kurz vor dem Giro-Start teilzunehmen, war zutiefst symbolisch für mich», sagte Guy Niv, einer der beiden israelischen Giro-Debütanten.

Radsport soll in Israel stärker verankert werden

Bartali, der Heros auf dem Rad und zugleich der moralische Held, ist das symbolische Band, das den Giro und Israel verbindet. Er macht es möglich, dass die zweitwichtigste Landesrundfahrt des Strassenradsports zum allerersten Mal für einen Grand Depart Europa verlässt und Station macht in einem Land, das nicht gerade für Radsporttradition bekannt ist.

Ein paar israelische Profis hat es schon gegeben. Yehuda Gershoni etwa fuhr in den 80er-Jahren. Er nahm sogar einmal an einer Tour de Suisse teil. 2012 war Ran Margaliot für die Farben von Bjarne Riis’ Saxo Bank unterwegs, unter anderem bei der Bayernrundfahrt und Rund um Köln. Margaliot hatte damals selbst das hohe Ziel, der erste Israeli bei der Tour de France zu sein. «Ich war aber einfach nicht gut genug», schätzte er beim Giro-Auftakt ein, jetzt in der Rolle des Teammanagers der Israel Cycling Academy. Margaliot sieht den Giro als Chance, Radsport in Israel stärker zu verankern. «Ursprünglich wollten wir mit dem Team vor allem israelische Fahrer ausbilden. Dann aber optierten wir für eine grössere Vision. Wenn die Leute sehen, dass unsere Fahrer bei den grössten Sportevents teilnehmen, wird unser Sport in Israel auch an Bedeutung gewinnen», meinte er.

Entscheidender Mann für den Visionswechsel war Sylvan Adams, ein jüdisch-kanadischer Immobilienmilliardär. Er kaufte sich nicht nur ins Team ein, sondern steckte auch Geld und Überzeugungskraft in den Giro-Start. Ein Treffen von ihm mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu räumte letzte Zweifel ob der Realisierungsmöglichkeiten aus.

Jetzt sichern nach Meldungen israelischer Medien 4000 Polizisten den Giro-Start – das grösste Polizeiaufgebot jemals für einen Sportevent im Lande, heisst es. Immer noch wenig allerdings im Vergleich zur Tour de France, die bei einzelnen Etappen schon mal 2000 Polizisten aufbot und für die gesamten drei Wochen im letzten Jahr 23000 Mann in Uniform an die Strecke schickte.

Gegnerschaft ruft zu Protesten auf

Der Radsport-Event zieht in der Krisenregion selbstverständlich Gegnerschaft an. Unter dem Hashtag #RelocateThe­Race rufen Organisationen, die auch Kulturveranstaltungen und wissenschaftliche Konferenzen in Israel verhindern wollen, zu Protesten auf. Wegen der Besatzerpolitik auf palästinensischen Territorien werden Vergleiche zum einstigen Apartheid-Regime in Südafrika gezogen. Der Parcours des Prologs in Jerusalem vermeidet es, jenseits der Demarkationslinie in den arabischen Osten der Stadt vorzudringen. Als die Giro-Organisatoren deshalb von einem Start in «West-Jerusalem» sprachen, brach auf israelischer Seite ein Sturm der Entrüstung los. Die Stadt wird als komplett zu Israel gehörig betrachtet.

Weil die dritte Etappe von Beersheeba nach Eilat nahe an der mehrfach zerstörten palästinensischen Siedlung Al Araqib in der Negev-Wüste vorbeiführt, dringt die politische Konfliktlage auch in diesen Sport-Event ein. Selbst eine grosse Figur wie Gino Bartali kann diese Risse aus der Zeit nach seinen Heldentaten nicht kitten.

Im Schatten von Bartali wird dessen Nachfolger als Rundfahrtsieger Chris Froome noch ein wenig kleiner. Denn der erweist sich als unerreichbar für moralische Erwägungen und nimmt trotz laufendem Disziplinarverfahren wegen Überschreitung des Grenzwertes des Asthmamittels Salbutamol am Rennen teil.

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