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RAD: Gut geölte Geldmaschine

An der Tour de France rollt auch der Rubel mit: Das grösste Radrennen der Welt beruht auf einem sehr speziellen Geschäftsmodell, über das die private Organisatorin ASO gerne Stillschweigen bewahrt.
Stefan Brändle, Paris
Die Zuschauer verfolgen die Tour de France primär wegen der schönen Landschaften. (Bild: Bryn Lennon/Getty (Lüttich, 2. Juli 2017))

Die Zuschauer verfolgen die Tour de France primär wegen der schönen Landschaften. (Bild: Bryn Lennon/Getty (Lüttich, 2. Juli 2017))

Stefan Brändle, Paris

«Le Tour», wie Radfahrer kurz sagen, ist ein einzigartiger Sportevent: Zwölf Millionen Zaungäste verfolgen die Frankreich-Rundfahrt jedes Jahr vom Strassenrand aus, dazu kommen eine Milliarde Zuschauer am Bildschirm. Die Tour de France ist nach den Olympischen Spielen und der Fussball-WM die drittgrösste Sportveranstaltung.

Einzigartig ist aber auch das Geschäftsmodell. Organisiert wird das mythische Radrennen nicht etwa von einem nationalen Sportverband, sondern seit 1947 von einem privaten Anbieter, der sich nicht gerne in die Karten schauen lässt: Amaury Sport Organisation (ASO) gehört zum Familienkonzern Amaury, der von der Witwe Marie-Odile Amaury (77) geführt wird und unter anderem die Sportzeitung «L’Equipe» herausgibt. Weder ASO noch Amaury publizieren Zahlen. Der Umsatz der Tour de France wurde bei der 100. Ausgabe 2013 auf 150 Millionen Euro geschätzt und dürfte heute klar darüber liegen.

ASO organisiert auch Radrennen in China und Katar, oder in Frankreich die legendäre Kopfsteinpflaster-Tortur Paris–Roubaix. Drei Viertel des ASO-Umsatzes entfallen aber auf die Tour de France. Deren Gewinnmarge wird auf 15 Prozent geschätzt. Denn bei den Amaurys schaut man aufs Geld. Sie zahlen insgesamt nur 2,3 Millionen Euro an Preisgeldern – 500 000 Euro für den Tour-Gewinner 2017, 11 000 Euro für Etappensieger und 1000 Euro für die Letzten, die das Ziel am 23. Juli erreichen. Das sind Brosamen im Vergleich zu den 36 Millionen Euro, die zum Beispiel das Pariser Tennisturnier Roland-Garros an Preisgeldern auszahlt. ASO hält dagegen, dass die Tour-Fahrer von ihren Teams entlöhnt würden.

Fernsehrechte bringen am meisten Geld

Da an einem Radrennen kein Eintritt verlangt wird, müssen sich die Organisatoren anderweitig schadlos halten. Am meisten verdient ASO mit den Fernsehrechten. 190 TV-Sender in aller Welt bringen Bilder von der Tour, 60 bei Direktsendungen. Und bei den stundenlangen Übertragungen mit Luftbildern von der Côte d’Azur über die Alpenpässe bis in die Bretagne interessieren sich die Zuschauer, wie Studien ergeben haben, nur zweitrangig für das sportliche Geschehen. «Wenn man die TV-Zuschauer befragt, warum sie die Tour verfolgen, nennen sie als Erstes die schönen Landschaften und dann erst den Rennwettbewerb», sagt Gilles Dumas vom Marketingunternehmen Sportlab. Deshalb zieht ASO 60 Prozent der Einnahmen aus den Fernsehrechten.

Den Rest bilden die Beiträge der Sponsoren (30 Prozent) und der Etappenorte (10 Prozent). Die Sponsoren – vom «offiziellen Zeitmesser» bis zu den fünf zahlungskräftigen «Partnern» – erhalten millimetergenau kalkulierte Rechte und Ansprüche. Dazu gehört ein genau bestimmter Platz in der 12 Kilometer langen Karawane aus 170 Fahrzeugen, die den Radfahrern vorausgeht. 18 Millionen Gegenstände werden der Menge während einer Tour zugeworfen – Wimpel und Gutscheine, Mützen und Schlüsselanhänger, Bonbons und Würstchen. Alles nach präzisem ASO-Drehbuch.

Einzelne Werber und Sponsoren waren in ausgesprochenen «Dopingjahren» zwar versucht, von der kommerziellen Karawane abzuspringen. Die meisten aber sind geblieben oder zurückgekommen. Die sportlichen Negativschlagzeilen, dazu auch die jüngste Absenz von Megastars wie Merckx, Poulidor oder Ullrich, wiegen letztlich weniger als der Werbevorteil. Am Fernsehen betrachtet, ist die Tour de France ein mehrstündiger Reisefilm für ein Millionenpublikum. Mit einer Produktplatzierung, deren Dosierung mindestens so gekonnt ist wie das Doping.

Grosser Imagegewinn und Werbeeffekt

Die Etappenorte müssen ihrerseits rund 100000 Euro an Grundgebühren hinblättern. Da der Zielort Paris mit den Champs-Elysées fix ist, zahlt der Ausgangspunkt umso mehr. Düsseldorf soll in diesem Jahr laut «Kölner Stadtanzeiger» 4,5 Millionen Euro hingeblättert haben.

Klagen sind nicht zu hören. Bei jeder Ausgabe der Tour de France bewerben sich über hundert Orte, um entweder Start oder – noch besser – Ziel einer Etappe zu werden. Nur jeder vierte Kandidat wird berücksichtigt. Alle wissen: Der Imagegewinn und der Werbeeffekt eines auch nur mehrstündigen Halts sind gross; und dazu kommt die Übernachtung von 4000 Rennfahrern, Begleitern, Sponsoren und Medienleuten.

Deshalb meinte ein Vertreter des Klosterfelsens Mont Saint-Michel in der Normandie, Teil der Jubiläumstour von 2013: «Man kann sich nur schwer ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis vorstellen.»

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