Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

RAD: «Ich bin keine grosse Nummer»

Der Chamer Grégory Rast (36) steht im Spätherbst seiner Profikarriere. Im Interview erzählt er, wie er sich seine Zukunft vorstellt – und wann er in Interviews lügt.
Interview Raphael Biermayr
Grégory Rast (Mitte März in Cham) will kein Promi sein – er schätzt das Unerkanntbleiben. (Bild Stefan Kaiser)

Grégory Rast (Mitte März in Cham) will kein Promi sein – er schätzt das Unerkanntbleiben. (Bild Stefan Kaiser)

Am heutigen frühlingshaften Tag startet die 100. Flandern-Rundfahrt. Im radsportverrückten Belgien werden eine Million Zuschauer an diesem Kopfstein-Klassiker erwartet. Fabian Cancellara strebt seinen vierten Sieg an. Dazu verhelfen soll ihm sein Team Trek-Segafredo, dem auch Grégory Rast angehört.

Gut zwei Wochen zuvor an einem Regentag in Cham: Rast erscheint verspätet zum Gespräch. Dafür hat er einen triftigen Grund. Cancellara hat an diesem Nachmittag das abschliessende Zeitfahren der Rundfahrt Tirreno–Adriatico gewonnen, das wollte sich Rast zu Hause vor dem Fernseher nicht entgehen lassen. Der 36-Jährige spricht anschliessend in einem Café über sich, seine Karriere und seine Ehe, ganz wie man ihn kennt: offen, direkt und einfach. Das macht ihn für die Journalisten zu einem beliebten Interviewpartner und für die Fans und die Hobbyradfahrer zu einem nahbaren Idol.

Grégory Rast, wie haben Sie sich in den 15 Jahren als Profi verändert?

Grégory Rast: Ich bin viel relaxter als am Anfang. Zum Beispiel nehme ich mir mehr Zeit für die Regeneration. Bei gutem Wetter wie gestern hätte ich früher noch ein kurzes Training gemacht, obwohl ich ein hartes Rennen in den Beinen habe. Jetzt habe ich stattdessen gewaschen und ferngesehen.

Woran denken Sie eigentlich während des Trainings im Sattel?

Rast: Wenn wir mehrere sind, tauschen wir uns über unsere Rennerlebnisse oder Sonstiges aus. Wenn du allein bist, schaust du auf den Computer und erfüllst die Vorgaben der Coaches.

Der Auftakt zur Tour de Suisse ist dieses Jahr in Baar. 2017 wird er in Ihrem Wohnort Cham sein. Wird das gleichzeitig der Start zu Ihrer letzten Saison sein?

Rast: Von meiner Seite her nicht. Ich will aus heutiger Sicht noch mindestens zwei Jahre fahren. Wir nehmen nächstens Verhandlungen auf und schauen, ob wir uns finden. Wenn nicht, muss ich mich halt nach einem anderen Team umschauen.

Haben Sie sich in Ihrer Karriere schon mal verpokert?

Rast: Nein, nie.

Weil Sie nachgaben oder das Team?

Rast: Es wurde nur einmal knapp, als ich von Phonak zu Astana wechselte (2007, Anm. d. Red.). Vielleicht hatte Andi Rihs (der ehemalige Phonax-Besitzer) das im Hintergrund eingefädelt, ich weiss es nicht genau. Über alles gesehen habe ich ja selten das Team gewechselt. Deshalb brauche ich auch keinen Manager mehr – die 6 Prozent Provision konnte ich mir sparen.

Also sind die Verhandlungswege kurz im Radsport?

Rast: Bei mir schon, ich bin keine grosse Nummer. Wenn es um Millionen und Punkteprämien ginge, wäre ich vielleicht froh um einen Manager. Aber ich habe einen Fixlohn und sonst gar nichts.

Fabian Cancellara hört Ende Saison auf. Was sagen Sie als sein Helfer dazu?

Rast: Es ist schade, weil er im Moment fährt wie der Teufel! Doch ich verstehe seinen Entscheid, er hat alles gewonnen, was es auf seinem Niveau zu gewinnen gibt. Für mich ändert sich nicht viel. Es wird ein neuer Leader kommen, dem ich helfen werde.

Haben Sie bislang alles erreicht, was Sie wollten?

Rast: Als U-23-Fahrer gehörte ich zur Weltspitze. Da hatte ich schon die Hoffnung, mal ein ganz Grosser zu werden. Aber nach drei, vier Jahren bei Phonak merkte ich, wo ich wirklich stehe bei den Profis. So gesehen ist es nicht schlecht für mich gelaufen, ich bin zufrieden.

Nachdem Sie eine Etappe an der Tour de Suisse 2013 gewonnen hatten, applaudierten Ihnen die Leute an der Pressekonferenz. Wie haben Sie das erlebt?

Rast: Es war meine zehnte Tour de Suisse, und ich kannte die meisten Journalisten. Da freuten sie sich natürlich für mich. Aber es bedeutete mir schon etwas, klar. Auch die vielen Reaktionen von Freunden und Bekannten freuten mich. Da dachte ich mir, dass ich eigentlich auch häufiger gewinnen könnte ...

Sie spielten Fussball im SC Cham. Hätten Sie auch Fussballprofi werden können?

Rast: Definitiv nicht! Wir haben uns im Kollegenkreis oft lustig darüber gemacht, dass ich im Training sehr gut war, im Match aber gar nicht. Ich war linker Verteidiger und schoss mal zwei Eigentore in einem Spiel – darüber lachen wir heute noch.

Sie bewohnen mit Ihrer Frau eine Wohnung in Ihrem Elternhaus. Wollten Sie nie ausziehen?

Rast: Ich war mit einem Freund für zwei Jahre in einer WG, auch in Cham. Aber nachdem meine Grossmutter gestorben war, stand ihre Wohnung in unserem Haus leer. Da lag es für mich auf der Hand zurückzugehen. Dort habe ich meine Ruhe, Platz für meine Velos und immer Zugriff auf eine Waschmaschine. Als Velofahrer ist das sehr wichtig. Und zum Glück hatte meine Frau nichts dagegen, im gleichen Haus wie meine Eltern zu wohnen.

Ist genug Platz vorhanden für Kinder?

Rast: Kinder sind im Moment kein Thema. Ich bin sowieso der Meinung, dass man sie nicht planen sollte – wenn es passt, dann passt es.

Sie sehen viel von Europa. Wollten Sie nie mal ganz woanders wohnen?

Rast: Nein. Ich bin in Cham geboren und spiele jetzt mit dem Gedanken, Chamer Bürger zu werden. Sehen Sie, ich bin 220 Tage im Jahr nicht zu Hause wegen Trainingslagern, Rennen und Ferien. Die Rückkehr nach Hause ist deshalb immer besonders schön für mich. Darüber hinaus wohnen viele meiner Freunde in Cham oder sind dahin zurückgekehrt. Mir ist der Kontakt zu ihnen sehr wichtig.

Würden Sie einem Jugendlichen raten, Radprofi zu werden?

Rast: Ich weiss nicht, ob die heutigen Jungen noch bereit sind, diese Opfer zu bringen. Raten würde ich es aber jedem, es ist ein toller Job, man kommt auf der ganzen Welt herum und macht sein eigenes Ding. Aber ich habe festgestellt, dass die Popularität abgenommen hat im Vergleich zu meiner Anfangszeit.

Auch Fernsehübertragungen verlieren Zuschauer.

Rast: Das stimmt, aber nicht extrem viel. Die einmaligen Bilder sind immer noch eine super Plattform, um Touristen für sein Land oder seine Gegend zu gewinnen. Darüber hinaus bewährt sich das neue Konzept mit den Hubs an der Tour de Suisse (mehrtägiger Auftakt an einem Ort) meines Erachtens sehr gut. Das begeistert die Leute spürbar.

Was bedeutet es Ihnen, dass der Hub im Jahr 2017 in Cham ist?

Rast: Viel natürlich – auch wenn es sehr lang gedauert hat. Martin Elmiger und ich haben schon oft darüber gesprochen, dass es fast am Ende unserer Karriere doch noch so weit gekommen ist. Dort zu gewinnen, wird schwierig, vielleicht kann Martin etwas im Prolog reissen. Aber wir sind halt schon langsam alt (grinst).

Wie äussert sich das?

Rast: Wir beide sagten uns nach dem vergangenen Jahr, dass wir nie wieder an der Tour de France starten würden. In der ersten Woche war es brutal hart im Feld – das brauchten wir nicht mehr. Aber dieses Jahr kommt sie nach Bern, da ist der Reiz natürlich wieder da.

Was wollen Sie nach der Sport- karriere machen?

Rast: Die Aufgabe des sportlichen Leiters in einem Team reizt mich, ich könnte mir aber auch vorstellen, beim Verband im Nachwuchsbereich zu helfen. Ich habe deshalb den Grundleiterkurs 1 von Jugend + Sport gemacht. Es würde mich auch reizen, ein Velogeschäft zu führen – allerdings kann ich nicht mechen (lacht).

Dabei sind Sie ja ein Handwerker als gelernter Spengler. Wie kam es dazu?

Rast: Ich war nicht gerade ein Musterschüler und wusste nicht, was ich tun sollte. Ein Freund fand, ich sollte doch mal bei seinem Vater fragen, der eine Spenglerbude hätte. So schrieb ich meine erste und bisher einzige Bewerbung an Paul Gisler und wurde als Lehrling genommen. Paul war sehr grosszügig und hatte immer Verständnis für den Sport. Wir haben heute noch Kontakt.

Ist es eine Option für Sie, später in Ihren Lehrberuf zurückzukehren?

Rast: Peti Gisler, der das Geschäft von seinem Vater übernahm, sagte, dass ich problemlos zu ihm spenglern gehen könne. Ich wehre mich nicht gegen diese Möglichkeit, allerdings würde ich wieder bei null anfangen. Darüber hinaus fällt es mir schwer, Neues zu lernen, das habe ich beim J + S-Leiterkurs gemerkt. Ich bin 15 Jahre lang nur Velo gefahren, in diesem Bereich weiss ich Bescheid. Aber für die Prüfung zum Grundleiter 1 habe ich zwei Abende so hart gebüffelt, dass ich nicht mehr schlafen konnte. Das war eine krasse Situation – meine Frau hätte das wahrscheinlich in zwei Minuten gelernt.

Und, haben Sie bestanden?

Rast: Ja. Die Prüfung war auch sehr leicht. Aber es war mein Ehrgeiz, nicht zu den Verlierern zu gehören.

Manchmal trifft man Sie bei Anlässen an, wo Sie ungehemmt bis in die Morgenstunden feiern. Wie verträgt sich das mit Ihrer Aussendarstellung als Profisportler?

Rast: Man kann diesbezüglich in Interviews nicht immer die Wahrheit sagen. Aber es ist ja nicht so, dass ich kurz vor oder während einer grossen Rundfahrt lang in den Ausgang gehe. Man muss das timen können. Für mich ist es wie erwähnt sehr wichtig, meine Freunde sehen zu können, das geht oft am einfachsten im Ausgang. Andere Profis leben wie Klosterfrauen, das wäre nichts für mich. Ich will auch ein Leben neben dem Velofahren haben.

Haben Sie als bekannter Sportler Privilegien?

Rast: Nein. In der Schweiz ist Canci der Velosuperstar, was grundsätzlich in Ordnung ist. Aber dahinter ist so gut wie kein Platz mehr. Nehmen Sie Michael Albasini: Der hat extrem viel erreicht und ist trotzdem fast unbekannt, das ist schade. Ich hingegen will kein Promi sein – weder ein A- noch ein B-, noch ein Cervelat-Promi.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.