Martin Elmiger: «Ich verspüre eine riesige Genugtuung»

Martin Elmiger (36) will auch heute beim Amstel Gold Race etwas reissen. Der Zuger redet über seine grosse Form, eine Bahnschranke und über den Dopingmissbrauch eines langjährigen Teamkollegen.

Interview Stefan Klinger
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Martin Elmiger in der Zuger Altstadt mit dem Zytturm im Hintergrund – seine grosse Zeit scheint in dieser Saison angebrochen zu sein. (Bild Pius Amrein)

Martin Elmiger in der Zuger Altstadt mit dem Zytturm im Hintergrund – seine grosse Zeit scheint in dieser Saison angebrochen zu sein. (Bild Pius Amrein)

Martin Elmiger, Ihr Händedruck bei unserer Begrüssung ist schon wieder ganz normal. Wie lange hat es denn gedauert, bis Sie sich von den Strapazen bei Paris–Roubaix am vergangenen Sonntag körperlich erholt ­hatten?

Martin Elmiger: Das hat schon ein bisschen gedauert. Paris–Roubaix ist von der Belastung her für den Körper wie ein Marathon. Wenn man uns im Fernsehen fahren sieht, denkt man: Es schüttelt. Aber in Wirklichkeit schüttelt es richtig. Ein Beispiel: Ich hatte immer wieder im Rennen nichts mehr zu trinken, weil es so extrem geschüttelt hat, dass mir die Bidons aus der Halterung gefallen sind. Bei diesem Rennen musst du über Stunden den Lenker so fest halten, dass sich am Abend meine Hände immer wieder verkrampft haben und ich die Finger der einen Hand mit der anderen Hand gerade biegen musste. Daher habe ich in der Nacht auf Montag schlecht geschlafen.

Aber vermutlich nicht nur wegen der physischen Belastung.

Elmiger: Auch mental ist Paris–Roubaix viel anstrengender als andere Rennen. Da ist die Anspannung, die Nervosität meist grösser. Und wenn es dann so läuft wie bei mir in diesem Jahr, beschäftigt dich das hinterher natürlich schon noch eine Zeit lang. Immerhin fahre ich nicht jeden Tag um einen Sieg in einem grossen Rennen. Daher habe ich mich in der Nacht noch ein paar Mal gefragt, ob ich mich in dieser oder jener Situation nicht anders hätte verhalten sollen.

Gedanken, die einen auf Dauer zermürben können.

Elmiger: Klar, aber ich habe das Rennen inzwischen verarbeitet. Ich sehe es nun so: Zweimal in den Top 10 bei einem Klassiker innerhalb einer Woche (Anmerkung: Zehnter bei der Flandern-Rundfahrt, Fünfter bei Paris–Roubaix) ist Weltklasse. Ich war zwar schon mal bei der Flandern-Rundfahrt Neunter, aber wirklich mitgefahren auf Augenhöhe mit der Weltspitze bin ich dort noch nie. Gerade von Paris–Roubaix bin ich so oft heimgekommen und war frustriert, weil ich Pech mit dem Material oder einen Sturz hatte, zu weit hinten in die Kopfsteinpflasterpassagen gefahren bin oder zu wenig mit den Ellbogen um eine gute Position gekämpft habe. Aber diesmal bin ich heimgekommen und habe eine innere Genugtuung gespürt, dass sich meine gute Leistung endlich auch mal im Resultat zeigt.

In diesen Tagen und Wochen liefern Sie ein tolles Resultat nach dem anderen ab, sind quasi DER Schweizer Radprofi des ersten Saisonteils. Warum läuft es Ihnen so gut?

Elmiger: In diesem Jahr habe ich eine ganz andere Vorbereitung gehabt und ein paar Rennen im Frühjahr bewusst ausgelassen. Stattdessen habe ich erstmals einen sauberen Aufbau mit Intervalltrainings gemacht. Bei der Katalonien-Rundfahrt Ende März hat dann alles gestimmt, ich hatte richtig Watt auf dem Pedal und war auch nicht gross kaputt, als ich danach heimgekommen bin. Dadurch war ich in den nächsten Rennen mit viel mehr Selbstvertrauen am Start. In den letzten Jahren war meine Form nicht schlecht, aber da hatte ich die letzten paar Prozent Moral und Selbstvertrauen nicht.

Sie sagen, dass am Anfang dieser positiven Spirale ein neues Intervalltraining stand. Können Sie das bitte mal etwas näher ausführen?

Elmiger: Bei mir ist der Diesel immer hochtourig gelaufen, aber ich habe nie die Übungen gemacht, die ich wohl hätte machen sollen. Das sind die Intervalltrainings – die Einheiten, die dort sind, wo es wehtut. Die brauchst du im Rennen. Zum Beispiel 30 Sekunden voll, 30 Sekunden langsam und wieder von vorne. Oder eine Minute Vollgas, dann warten, bis der Puls wieder normal ist, und wieder von vorne. Die Intervalltrainings sind der Schlüssel zum Erfolg. Und sie werden mir auch für das Amstel Gold Race an diesem Sonntag helfen. Dort hat es zwar ein paar Berge, die haben aber nur kurze Anstiege. Meine Form ist gut, die letzten zwei Rennen haben mir Vertrauen gegeben – ich fühle mich gerüstet für dieses Rennen.

Wie sehr nervt es Sie, dass Sie Marcello Albasini, der Ihnen die Intervalltrainings verordnet hat, nicht schon viel früher als Trainer hatten?

Elmiger: Ich habe da keine negativen Gedanken. Es ist gut, so wie es jetzt ist – vielleicht wäre ich sonst ja auch verheizt worden. Es war spät, dass ich damit angefangen habe, aber es ist nie zu spät. Wer weiss, vielleicht kommen ja die besten Tage meiner Karriere noch. Aber ich weiss auch, wie es auf dieser Welt ist und dass jetzt manche sagen: «Oh, der Elmiger nimmt jetzt auch etwas. Bis jetzt war er noch nie konstant so gut.»

Was entgegnen Sie diesen Leuten?

Elmiger: Ich verspüre momentan eine riesige Genugtuung. Es ist einfach ein super Gefühl, wenn du siehst, was sauber möglich ist und dass du sauber um den Sieg bei einem ganz grossen Rennen mitfahren kannst. Wenn einer bescheisst und gewinnt, ist das vielleicht für ihn okay. Aber ich glaube nicht, dass er sich dann so fühlt wie ich mich zurzeit. Es ist eine Einstellungssache. Du kannst bescheissen oder dir ehrlich sagen: Ich habe alles gegeben. Bei mir kamen nie Gedanken auf, ob ich mal bescheissen soll.

Zeugt es nicht auch vom Wandel im Peloton, wenn im Jahr 2015 Sie als sauberer Fahrer um den Sieg in einem grossen Rennen mitfahren können?

Elmiger: Grosse Rundfahrten sind ein anderes Thema als Eintagesrennen. Bei Eintagesrennen konntest du auch vor zehn Jahren schon sauber gewinnen. Wenn ich mich beispielsweise an der WM 2007 in Stuttgart taktisch ein wenig anders verhalten hätte, wäre ich um einen Podestplatz gefahren. Daher denke ich nicht, dass ich jetzt vorne dabei bin, weil alles sauberer ist – sondern weil ich mich gesteigert habe. Ganz wichtig ist auch, dass ich das Vertrauen vom Team habe.

Wie meinen Sie das?

Elmiger: Bei IAM Cycling ziehen alle am gleichen Strick. Ich hatte das vorher nie, dass alle für den Teamleader fahren, dass andere für mich fahren, ihre Ellbogen für mich einsetzen, um mich sicher übers Kopfsteinpflaster zu bringen. Bei Ag2r hat der Teamleiter auch eine Taktik vorgegeben, aber am Ende ist jeder für sich gefahren. Da wird in meinem aktuellen Team mehr darauf geschaut, da hätte ein Fehlverhalten Konsequenzen. Grundsätzlich fühle ich mich bei IAM Cycling so wohl wie noch nie in meiner Karriere, nicht zuletzt auch, weil mir die Ethik des Teams sehr gefällt – das ist definitiv auch ein Grund für meinen aktuellen Erfolg.

Was macht die Ethik bei IAM Cycling so besonders?

Elmiger: Als es kürzlich ein paar von uns nicht so lief, hat Teambesitzer Michel Thétaz ein Mail an alle geschrieben, dass wir uns nicht zu viel Druck machen und weiter an uns glauben sollen, dann käme automatisch alles gut. Für ihn ist es sehr wichtig, dass keiner auf die Idee kommt, einen Scheiss zu machen, weil er denkt, er muss jetzt Resultate liefern. Diese Einstellung lebt er auch – das finde ich super.

Hand aufs Herz: Glauben Sie an einen sauberen Radsport?

Elmiger: Ich glaube blauäugig an einen sauberen Radsport und werde zwischendurch immer wieder enttäuscht von gewissen Fällen. Der Dopingfall von Lloyd Mondory im März hat mich sehr beschäftigt. Immerhin war ich sechs Jahre mit ihm in einem Team und hätte nie gedacht, dass er so etwas macht. Wir haben ja früher diejenigen, die so etwas gemacht haben, immer gehasst. Jetzt ist er 32 Jahre alt, hat Familie daheim und einen Vertrag bis Ende 2016. An dem hätte sich auch nichts geändert, wenn er ein Rennen gewinnt. Da verstehe ich überhaupt nicht, warum er so etwas macht. Es gibt mir zu denken, wenn du solche Leute um dich herum hast, bei denen du glaubst, dass sie sauber sind – und sie sind es doch nicht.

Kommen wir nochmal zum Rennen Paris–Roubaix. Es gibt Leute, die sagen, dass Sie der wahre Sieger sind, weil alle vor Ihnen Platzierten über einen geschlossenen Bahnübergang gefahren sind und disqualifiziert gehört hätten.

Elmiger: Ich sehe es nicht so, weil die ja nicht matchentscheidend beschissen haben, sie haben später auf uns gewartet. Wenn ich die Minute Rückstand aber unter Rennbedingungen zufahren hätte müssen, wäre es etwas anderes gewesen. Aber um ganz ehrlich zu sein: Als der Zug vorbei war, bin ich auch ein, zwei Sekunden, bevor die Schranke wieder hoch ist, drübergefahren. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich ja nicht, dass die vorne warten werden.

Was ging in Ihnen eigentlich vor, als Sie an den geschlossenen Bahnübergang kamen und die vor Ihnen fahrenden Konkurrenten einfach drüberfuhren?

Elmiger: Ich habe natürlich auch kurz gezuckt. Du siehst, wie die anderen drüberfahren und willst eigentlich auch. Du bist voll im Rennen, hast über 180 Kilometer hinter dir, hast die Schneise von Arenberg überlebt, bist noch immer voll dabei – und riskierst dann, dass du nicht mehr an die Spitze zurückkommst. Da ist es schwer, dem Herdentrieb, den es im Peloton gibt, zu widerstehen.

Aus welchem Grund haben Sie dann angehalten?

Elmiger: Ich habe mir irgendwie gedacht: Die Barriere ist unten, es ist verboten, und es hat überall Kameras und Komissäre. Ich habe das Reglement gesehen und mich erinnert, dass vor ein paar Jahren mal ein paar Fahrer genau deswegen disqualifiziert wurden. Ich möchte aber eines auch noch sagen: Klar waren die, die drüber sind, kein gutes Vorbild. Im Fernsehen sah das aber auch viel krasser aus, als es war. Als ich an den Bahnübergang kam, hat man gut gesehen, dass auf beiden Seiten noch lange kein Zug kommt. Man muss wissen, wie bei uns immer bis aufs Blut um jede Position gekämpft wird, um zu verstehen, warum manche trotz geschlossener Schranke drübergefahren sind.

Interview Stefan Klinger