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RAD: Sprintzüge auf dem Nebengleis

In den bisherigen Massensprints herrscht an der Tour de France 2017 ein heilloses Durcheinander. Formationen zu bilden, wird aufgrund des höheren Tempos im Feld immer schwieriger.
Tom Mustroph
Chaotische Sprintankünfte: Mark Cavendish (links) stürzte in der gestrigen vierten Etappe wegen einer Ell­bogenattacke durch Peter Sagan. (Bild: Yoan Valat/EPA (Vittel, 4. Juli 2017))

Chaotische Sprintankünfte: Mark Cavendish (links) stürzte in der gestrigen vierten Etappe wegen einer Ell­bogenattacke durch Peter Sagan. (Bild: Yoan Valat/EPA (Vittel, 4. Juli 2017))

Tom Mustroph

sport@luzernerzeitung.ch

Der Laie staunte, und auch der Fachmann wunderte sich. Beim ersten grossen Massensprint der Tour de France 2017 wollte sich das über Jahre gewohnte Bild einfach nicht einstellen: Fünf, sechs Mann in den gleichen Farben ­reihen sich hintereinander auf, treten im gleichen Takt in die Pedalen und geben dem Peloton das Tempo vor. Zwei, drei ähnliche Zusammenstellungen bilden sich ebenfalls. Sie stossen parallel vor und versuchen das in Führung liegende Team abzulösen. Das war das Spiel der Sprintzüge, eingeführt einst von Mario Cipollini und Saison für Saison verfeinert.

Anno 2017 entdeckte man aber vor allem gescheiterte Zugversuche. Mannschaften versuchten sich zu formieren, wurden aber auseinandergerissen. Anfahrer blickten sich nach ihren Captains um, Sunwebs Nikias Arndt etwa nach Michael Mat­thews, den er verloren hatte. Sprinter, die ihres Zugs verlustig gegangen waren, sprangen von Hinterrad zu Hinterrad, in der Hoffnung, den richtigen Luftstrom zu erwischen und daraus später mit der eigenen Beschleunigung herauszutreten. Die Sprintzüge auf dem Nebengleis sozusagen. Das aber ist eine Art Velolotto, denn meist kommt dann doch jemand anderes in die Quere. Der Franzose Nacert Bouhanni etwa beschwerte sich, dass Peter Sagan seinen Lead-out-Mann ausgebremst hatte. Der Slowake seinerseits sah sich vom Italiener Sonny Colbrelli blockiert.

Formationen wurden 2016 um ihre Arbeit gebracht

All diese Episoden sind das Resultat einer Veränderung im Radsport. «Es gibt einfach zu viel Power im Peloton. Da schafft es keine Mannschaft mehr, über 5 oder 10 Kilometer an der Spitze zu bleiben und allein das Tempo hochzuhalten», bilanziert Rolf Aldag. Als Aktiver war er selbst eine Komponente des Sprintzugs für Erik Zabel, als sportlicher Leiter baute er bei den Teams High Road und Quick Step die Züge für Mark Cavendish. Beim aktuellen Team Dimension Data hat er die Taktik geändert. Statt eines Zuges gibt es zwei, drei Mann, die im Rückenwind der anderen Teams surfen und eine gute Position für ihren Topmann zu finden versuchen. Ist er dort abgeliefert, muss er selber seinen Weg ­suchen. Er – das ist weiter Mark Cavendish.

Dimension Data hätte mit einem Kerl wie Edvald Boasson Hagen zwar durchaus die Power für einen guten Zug für «Cav». Das Team versucht es aber gar nicht mehr. Auch klassische Sprinterteams wie Quick Step ­haben umgestellt. «Die haben im letzten Jahr gemerkt, dass sie die ganze Arbeit machen, früh die Führung übernehmen, dadurch aber Kräfte lassen und am Ende um den Erfolg kommen», meint Aldag mit einem Blick auf seinen früheren Arbeitgeber. «Also rech­net man rückwärts und bestimmt den Punkt, an dem man spätestens vorn sein sollte, um nicht an Kraft zu verlieren, aber trotzdem noch gut positioniert zu sein», beschreibt er die Veränderung. «Weil das dann aber alle machen, hat man auf dem letzten Kilometer plötzlich jede Menge Züge, für die die Breite der Strasse aber nicht ganz ausreicht», lautet seine Bilanz.

Mehr Ordnung, wenn die Kräfte schwinden?

Ewig wird das nicht so weiter­gehen. Die Tour wird Tribut fordern. Fahrer steigen aus, die Kräfte schwinden. «Dann wird sich wieder das normale Bild einstellen, und einige wenige Züge bestimmen das Geschehen», prognostiziert Katjuschas sportlicher Leiter Torsten Schmidt, der mit dem Norweger Alexander Kristoff selbst einen starken Mann im Sprintgetümmel hat.

Es kann aber auch sein, dass Schmidt danebenliegt und der Kraftverlust sich über alle Teams gleichmässig verteilt. Dann wird sich die wilde, ungeordnete Jagd fortsetzen, bis ein Rennstall wieder einmal eine brillante Idee entwickelt – eine Idee von der Art, wie sie vor zwei Jahrzehnten Mario Cipollini hatte. Dann könnte ein neuer Zyklus im Massensprint beginnen.

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