RADSPORT: 300 000 Franken für eine gute Werbung

Die heute beginnende Tour de Suisse ist mehr als nur ein Velorennen: Etappenorte wie Buochs investieren viel, um sich als reizvolles Ferienziel in Szene zu setzen. Doch lohnt sich der Aufwand?

Stefan Klingerstefan Klinger
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Die Radprofis der Tour de Suisse unterwegs durch Zug. Das Bild stammt von der letztjährigen Austragung. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Die Radprofis der Tour de Suisse unterwegs durch Zug. Das Bild stammt von der letztjährigen Austragung. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Es ist ein imposantes Spektakel im Rausch der Geschwindigkeit. Erst die Kolonne des Sicherheitsdienstes, dann ein Polizeimotorrad nach dem anderen, gefolgt vom 167 Fahrer umfassenden Peloton. Die vielen Teamfahrzeuge, die mit viel Gehupe dem Fahrerfeld hinterherhetzen und sich dabei immer wieder auf engstem Raum mit waghalsigen Manövern gegenseitig überholen. Ambulanz, Besenwagen. Binnen weniger Minuten preschen bei der Tour de Suisse zig Fahrzeuge und Athleten an den Fans und Schaulustigen am Strassenrand vorbei. Garniert wird das Ganze mit dem lauten Brummen der Rotorblätter der für die TV-Übertragung eingesetzten Helikopter. Und damit längst nicht genug: Das Erlebnis Tour de Suisse beginnt stets schon eine Stunde bevor das Peloton vorbeirauscht – wenn sich die Werbekolonne nähert. Wenn 40 Minuten lang die Hostessen der Sponsoren mit lauter Musik und verrückten Outfits so viele Werbeartikel verteilen, wie es in der Kürze der Zeit nur geht. Süssigkeiten, T-Shirts, Kappen und, und, und. Keine Frage, die Tour de Suisse ist für die Fans ein einmaliges Erlebnis.

Tour-Bilder in 118 Ländern gezeigt

Doch was bleibt wirklich, wenn das Spektakel vorbei und die Karawane weitergezogen ist? Lohnen sich all die finanziellen und personellen Anstrengungen, die die Etappenorte in der Hoffnung auf eine gute Werbung für ihren Tourismusstandort vollbringen?

Auf jeden Fall, meint Carolina Rüegg, die Tourismusdirektorin von Sörenberg, wo letztes Jahr im Juni die Schweiz-Rundfahrt endete. «Ich habe seither nicht eine Sekunde lang gedacht, dass sich die Tour de Suisse nicht bezahlt gemacht hat», sagt sie, «dieser Tag damals hat unserer Region ohne Wenn und Aber gute Werbung beschert.» Eine «gerade so sechsstellige Summe» musste das Bergdorf im Entlebuch, das für die Eintagesveranstaltung ein Budget von 350 000 Franken hatte, damals allein für die Austragungsrechte an den Veranstalter bezahlen. Im Gegenzug dafür gab es mehr als drei Stunden Livebilder aus dem Entlebuch im Schweizer Fernsehen und zahlreiche Ausschnitte von der Etappe in 117 weiteren Ländern. Angesichts des perfekten Sommertages, der jener 17. Juni 2012 war, war das eine Werbung, wie sie besser kaum inszeniert hätte werden können. «Weil wir auch mit dem Wetter Glück hatten, gab es damals richtig tolle Bilder aus dem Entlebuch», sagt Rüegg, «die ganze Region hatte eine unglaubliche Ausstrahlung.»

Und das macht sich bezahlt. Zwar verfügen die Verantwortlichen in Sörenberg derzeit noch nicht über gesicherte Zahlen, inwiefern der Tourismus dank der Tour de Suisse angezogen hat. Denn die Wintertouristen sind ein anderes Publikum als die Sommerurlauber. Und im Sommertourismus ist es noch zu früh für eine Zwischenbilanz, weil das zuletzt über längere Zeit anhaltende schlechte Wetter das Bild verzerrt.

Lizenz kostet 80 000 Franken

Dennoch gibt es laut Rüegg schon jetzt die ersten Beweise dafür, dass die Austragung des Radrennens den Tourismus in der Region angekurbelt hat. «Wenn wir durch das Verhalten der Leute gemerkt haben, dass sie zum ersten Mal in Sörenberg sind, haben wir sie seither immer gefragt, wie sie auf uns als Ziel gekommen sind», verdeutlicht Rüegg, «vor allem die Touristen aus der Schweiz sagen uns dann meistens, dass sie bei der Tour de Suisse die tollen Bilder gesehen haben. Daher bin ich mir sicher, dass wir dadurch zu mehr Aufmerksamkeit gekommen sind.»

Eine Aussage, die die Strategen in Buochs, wo am Dienstag die vierte Etappe endet und am Mittwoch die fünfte beginnt, gerne hören. Zwar werden sie weniger Live-Sendezeit erhalten, weil diesmal im Gegensatz zur in Sörenberg endenden Etappe keine Zusatzschleife durch die Region eingebaut ist, der Zielort nur einmal angefahren wird und am Mittwoch das SRF zur Startzeit noch gar nicht auf Sendung ist. Dafür müssen sie in Nidwalden, wo 150 freiwillige Helfer im Einsatz sind, auch nur 80 000 Franken für die Lizenz berappen.

800 Übernachtungen durch Tross

Ein Betrag, der in dem von Gemeinde und Sponsoren getragenen Budget von 300 000 Franken enthalten ist. Vor allem aber ein Betrag, der sich für den hiesigen Tourismus auszahlen soll. Zwar führt die Route nach Buochs nun nicht wie vom lokalen Organisationskomitee gewünscht über den landschaftlich reizvollen Bürgenstock, weil die Strasse für den Begleittross zu eng ist und zu viele Risiken birgt. Dennoch versprechen sie sich in Buochs einen nachhaltigen Werbeeffekt. «Das Schweizer Fernsehen hat uns zugesagt, dass es touristisch, landschaftlich schöne Bilder von hier während der Übertragung zeigt», sagt Sepp Barmettler, Vertreter von Tourismus ­Buochs-Ennetbürgen, «daher bin ich überzeugt, dass die Tour de Suisse der ganzen Region etwas bringt.»

Langfristig wie auch am Dienstag und Mittwoch. Immerhin beschert der Tour-Tross den Hotels von Nottwil bis Erstfeld allein durch Sportler, Funktionäre, Journalisten, Hostessen und Helfer über 800 Übernachtungsgäste. Zudem hoffen sie in Buochs auf bis zu 10 000 Radsportfans, die sich das bunte Treiben am Dienstag bei der Zielankunft und am Mittwoch vor dem Start im Etappenort aus nächster Nähe anschauen wollen.

Am heutigen Samstag bekommen die Organisatoren beim Auftakt in Quinto die Möglichkeit, mit einem Stand im Start- und Zielbereich für Buochs und Umgebung zu werben. Es ist für sie der erste Auftritt im Rampenlicht der Tour de Suisse – und der Startschuss zu einer möglichst nachhaltigen Werbetour in mehreren Etappen.