Radsport

Olivier Senn: «Wir brauchen keine künstlichen Helden»

Mit einem Prologzeitfahren startet die 79. Tour de Suisse am Samstag in Risch-Rotkreuz. Der Aargauer Olivier Senn ist nach dem Wechsel des Veranstalters von IMG zu Infront-Ringier erstmals als Generaldirektor für die Rundfahrt verantwortlich.

Simon Steiner und Marcel Kuchta
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Olivier Senn: «Ich wurde schon kritisiert, wir würden die Schweizer Werte verraten.»

Olivier Senn: «Ich wurde schon kritisiert, wir würden die Schweizer Werte verraten.»

Mario Heller

Der Felssturz am Gotthard wenige Wochen vor dem Tourstart mit der Strassensperrung in der Schöllenenschlucht hat Ihnen schon die erste böse Überraschung beschert.

Olivier Senn: Solche Herausforderungen haben auch ihren Reiz. Eigentlich haben wir im OK-Team Spass an unvorhergesehenen Übungen. Der Zeitpunkt so kurz vor der Tour de Suisse war jedoch sicher nicht ideal, da wir auch sonst noch genug zu tun haben. Aber es bringt nichts, in einer solchen Situation nervös zu werden. Wir sind der Natur und den Behörden ausgeliefert und können den Felssturz nicht rückgängig machen.

Fühlt man sich da nicht machtlos?

Nein, ich habe gestaunt, wie gross in dieser Situation die Hilfsbereitschaft von allen Seiten war. Bei der normalen Streckenplanung stösst man in Sachen Bewilligungen nicht immer auf offene Ohren. In diesem Fall haben sich aber alle dafür eingesetzt, eine Lösung zu finden.

Kaum hatten Sie mit dem Autotransfer durch den Gotthardtunnel eine Lösung gefunden, mussten Sie den Plan nochmals ändern, weil sich der vorgesehene Etappen-Startort Brunnen zurückzog.

Das war eine grosse Überraschung. Die Reaktion aus Brunnen ist für mich unverständlich. Schliesslich hatte uns das lokale OK signalisiert, dass sie gern ein Radsportfest feiern möchten, und wir taten alles, um dies trotz des Felssturzes zu ermöglichen.

Was waren die grössten Herausforderungen im vergangenen Jahr?

Wir mussten in vielerlei Hinsicht bei null anfangen. Wir haben zwar viele Leute im Team, die schon vorher an der Tour-de-Suisse-Organisation beteiligt waren. Nach dem Wechsel IMG zu InfrontRingier mussten wir aber beispielsweise alle Verträge mit Sponsoren und anderen Partnern neu abschliessen. Normalerweise laufen jedes Jahr einzelne Verträge aus, diesmal alle auf einmal.

Was zeichnet einen guten Tour-de-Suisse-Direktor aus?

Primär sollte er gut mit Leuten umgehen können und etwas Herzblut für den Radsport haben. Und dann geht es darum, einen guten Kompromiss zu finden zwischen den Ansprüchen von Fahrern, Zuschauern, Sponsoren und Infront-Ringier.

Muss man ein wenig Politiker sein?

Ja, in gewisser Hinsicht sicher. Wenn man etwas Positives bewegen will, hat immer jemand das Gefühl, zu kurz zu kommen. Der grösste Teil meiner Arbeit besteht deshalb darin, mit Leuten zu reden.

Stösst man mit der Tour de Suisse bei den Leuten auf offene Ohren?

Die Tour de Suisse ist das genialste Produkt, das man in der Schweiz haben kann. Die Tour de Suisse kennt jeder, und jeder hat eine Beziehung zu ihr. Das macht vieles einfacher.

Der Radsport als Volkssport?

Ja, wobei das in der Geschichte schon ausgeprägter war. Auf alten Fotos sieht man, wie die Tour de Suisse früher die Massen bewegt hat wie höchstens noch der Fussball. Davon ist schon ein Stück verloren gegangen. Das möchten wir wieder stärker beleben mit Aktivitäten rund um die Etappen.

Ihre Ausgangslage ist nicht so einfach: Die Tour de Suisse hat sich unter IMG zu einem rentablen, erfolgreichen Sportevent entwickelt. Im Prinzip können Sie kaum mehr schaffen ...

Die Tour de Suisse ist anerkannterweise die bestorganisierte Rundfahrt der Welt. Das ist das Verdienst von IMG. Es ist eine gewisse Herausforderung, dieses Niveau zu halten. Dazu möchten wir den Volksfestcharakter wieder mehr reinbringen. In den letzten Jahren wurde das Drumherum neben dem Rennen etwas vernachlässigt.

Ohne dass die Tour zum Zirkus wird?

Das soll sie absolut nicht werden. Das Rennen soll weiterhin im Zentrum stehen. Mein Ziel ist es, dass die Leute in ein paar Jahren wieder hingehen, wenn die Tour de Suisse einige Dörfer weiter vorbeirollt. Heute gehen sie dafür vielleicht noch vors eigene Haus. Ein erster Schritt ist unser Hub-Konzept: Am Start- und am Abschlusswochenende gibt es ein klares Zentrum mit diversen Aktivitäten.

Haben Sie sich Tipps beim früheren Tourdirektor und heutigen InfrontRingier-Chef Armin Meier geholt?

Das neue Konzept trägt stark seine Handschrift, das begann, bevor ich selber dabei war. Er bringt seine Ideen in Diskussionen immer wieder ein. Da wir ganz unterschiedliche Typen sind, ergänzen wir uns in dieser Hinsicht gut.

Im Hinblick auf das Jahr 2017 will der Weltverband UCI den Radsportkalender neu strukturieren. Inwiefern ist die Tour de Suisse davon betroffen?

Das wissen wir noch nicht genau. Kommende Woche treffen sich die Vertreter der verschiedenen Interessengruppen, dann sollte die UCI ihren Vorschlag zu präsentieren. Ich gehe aber davon aus, dass sich für die Tour de Suisse nur wenig ändern wird.

Nach dem ursprünglichen Plan der UCI hätte die Tour de Suisse eines der beiden Wochenenden verloren.

Das wäre für uns eine Katastrophe gewesen, da unser Hub-Konzept stark auf die Wochenenden setzt. Ich habe aber keine Bedenken mehr. Dieser Plan ist nicht mehr aktuell.

Die Anwärter auf den Tour-de-France-Sieg meiden die Tour de Suisse, weil sie den Formaufbau stört. Ärgert Sie das?

Ein Stück weit schon. Natürlich wäre es schön, einmal die Top-Rundfahrtenspezialisten am Start zu haben. Aber viel ändern können wir daran nicht: Neben der Dauphiné-Rundfahrt, die vom gleichen Veranstalter organisiert wird wie die Tour de France und teilweise die gleichen Etappen beinhaltet, haben wir da einen schweren Stand. Gleichzeitig versuchen wir, mit unseren Vorzügen – einer guten Organisation, guten Hotels und etwas weniger Rummel als in Frankreich – jedes Jahr einige gute Fahrer anzulocken.

Mit Mathias Frank fehlt der beste Schweizer Rundfahrer und letztjährige Gesamtzweite. Ein Wermutstropfen?

Natürlich ist das schade, aber wir können den Teams nicht vorschreiben, mit welchen Fahrern sie an den Start gehen. Wir können nur unsere Arbeit gut machen, dann werden wir immer wieder grosse Namen am Start haben. Ebenso wichtig ist mir, dass wir ein spannendes Rennen haben, und ich bin zuversichtlich, dass der Parcours in diesem Jahr dazu führen wird.

Fabian Cancellara, der von InfrontRingier gemanagt wird, ist mit dabei. Durfte er seine Wünsche bei der Streckenplanung einbringen?

Nein, gar nicht. Wir haben auf ihn auch nicht speziell Rücksicht genommen. Aber er wird nach seiner Verletzung sicher motiviert sein, an der Tour de Suisse etwas zu zeigen.

Ist die Versuchung nicht gross, die Rundfahrt auf ihn zuzuschneiden? So wie 2009, als er den Gesamtsieg holte.

Ich bin kein Fan solcher Geschichten. Die Helden der Tour de Suisse wird es sowieso geben, da müssen wir nicht künstlich Helden zu kreieren versuchen. Ich habe lieber eine Rundfahrt, die als Ganzes für Spannung sorgt, als alles auf einen Fahrer auszurichten.

Die Königsetappe führt nach Österreich zum Rettenbachgletscher bei Sölden. Sind Ihnen die Schweizer Berge nicht gut genug?

Die Schweiz hat gar keine so hohen Berge, die mit dem Rennvelo befahrbar sind ... Aber im Ernst: Die Schweizer Berge sind uns sehr wohl gut genug. Ich muss aber ehrlich sagen, dass sich der österreichische Tourismus sehr stark um die Tour de Suisse bemüht, während der Schweizer Tourismus zurückhaltender ist. Ich wurde schon kritisiert, wir würden damit die Schweizer Werte verraten. Aber warum sollen wir unsere Schweizer Werte nicht auch in Österreich zeigen?

Schweizer Bewerber stehen also nicht um Etappenankünfte Schlange?

Wir haben relativ viele Bewerber, aber das Puzzle muss am Schluss auch zusammenpassen. Es bringt nichts, wenn wir 20 Etappenorte haben, die alle um den Bodensee herum liegen. Klar ist, dass wir im nächsten Jahr eher eine anspruchsvollere Tour planen.

Gehen Sie gezielt auf Orte zu?

Ja, wir suchen in der gewünschten Region gezielt nach einem Ort.

Was hat eine Stadt davon, wenn sie Tour de Suisse empfängt?

Wir sprechen von zwei Stossrichtungen. Das eine ist die Kommunikation nach aussen, die vor allem bei touristischen Destinationen im Vordergrund steht. Schliesslich hat die Tour de Suisse eine gute TV-Präsenz, vor allem auch im Ausland. Der andere Punkt ist die Kommunikation gegen innen: Die Tour de Suisse als Anlass für oder Teil eines Volksfestes.

Das polnische Team CCC Sprandi Polkowice hat eine Wild Card erhalten, obwohl es ehemalige Dopingsünder in seinen Reihen hat. Setzt die Tour de Suisse nicht ein falsches Zeichen?

Das ist ein grundsätzliches Thema. Wer Velorennen fahren darf, entscheidet die UCI und nicht wir als Veranstalter. Diese Fahrer haben eine Lizenz und ihr Team hat das Recht, sie bei der Tour de Suisse einzusetzen.

Aber Sie haben es in der Hand, welchen Teams Sie neben den gesetzten World-Tour-Mannschaften eine Wild Card geben.

Ich kann nicht gleichzeitig Veranstalter und Gesetzgeber sein. Wir halten uns als Veranstalter ans Reglement und haben nicht den Anspruch, im Alleingang die Radsportwelt zu reformieren.