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Rafael Nadal: Von der Hölle in den Himmel – in nur sechs Monaten

Nach seinem vierten Triumph bei den US Open ist Roger Federers Rekordmarke von 20 Grand-Slam-Titeln für Roger Federer zum Greifen nah und die Diskussion, wer als Bester in die Annalen eingeht, neu entfacht: Federer, Nadal, oder Novak Djokovic. Dabei stellte sich Nadal vor einem halben Jahr noch die Sinnfrage.
Simon Häring
Rafael Nadal gewinnt zum vierten Mal die US Open (AP Photo/Charles Krupa).

Rafael Nadal gewinnt zum vierten Mal die US Open (AP Photo/Charles Krupa).

Fast schon ungläubig staunend, Nostalgie im Blick, Tränen in den Augen, blickte er in dieser Nacht nach oben, dort, wo wie ein Mond am Sternenhimmel über dem Arthur-Ashe-Stadion ein Videowürfel hängt. Immer wieder vergrub Rafael Nadal sein Gesicht in den von Blasen geschundenen Händen. Noch bevor er den Pokal für seinen vierten Sieg bei den US Open in Empfang nehmen konnte, flackerten Bilder aus der Vergangenheit über diese Leinwand. 19 Sequenzen – für jeden seiner nun 19 Grand-Slam-Titel eine. Millionen Menschen sahen sie. Was sie nicht sahen, sind die Bilder und Emotionen, die sich in diesen Sekunden vor dem geistigen Auge des Spaniers abspielten.

Der Final war ein Spiegelbild der Karriere Nadals. Gegen den Russen Daniil Medwedew hatte er mit 2:0 Sätzen und Break geführt. Sein härtester Gegner war lange er selbst. Immer wieder geriet er in Probleme mit der Shot Clock, der Uhr, die den Spielern 25 Sekunden Zeit für den ersten Aufschlag lässt. Bereits im ersten Aufschlagspiel erhielt Nadal von Schiedsrichter Ali Nili eine Verwarnung, weil er die Zeit überschritten hatte. Im dritten Satz verlor er deswegen zwei Mal seinen ersten Aufschlag. Beim zweiten Mal führte das zum Doppelfehler. Als sein Gegner aufkam und im fünften Anlauf erstmals ein Spiel über fünf Sätze zu gewinnen schien, überwand Nadal auch diesen Widerstand.

Nadal beschützt die Familie, wie sie ihn beschützt

Rafael Nadal wurde mit traditionell spanischen Werten erzogen, nach denen er noch heute, als Weltstar lebt. Die Familie steht über allem. Sie beschützt er, wie sie ihn beschützt. Sein Onkel Toni betreute ihn seit seiner frühsten Kindheit. Auch nachdem er sein Amt niedergelegt hatte, blieb er eine wichtige Bezugsperson. Rafael Nadal ist in den knapp zwei Jahrzehnten im Tennis-Wanderzirkus der Junge aus Manacor geblieben, der sich am liebsten mit seiner Familie umgibt und niemanden an sich heranlässt. Er lebt in seiner eigenen, abgeschirmten Welt. Wann immer es ihm möglich ist, zieht er sich zurück. Selbst das Datum, an dem er Jugendfreundin Xisca heiratet, hätte er am liebsten geheim gehalten.

So selbstsicher und entschlossen er auf dem Platz wirkt, so unsicher und zweifelnd ist Rafael Nadal zuweilen daneben. Wer verstehen will, weshalb einer der Besten nur selten mit jenem Selbstverständnis auftritt, das Roger Federer oder Novak Djokovic auszeichnet, der findet Antworten in der Verletzungshistorie Nadals. Einmal war es der Fuss, dann die Knie, der Rücken, das Handgelenk, oder die Schulter. Die Liste der Verletzungen, die Rafael Nadal ausser Gefecht gesetzt haben, umfassen praktisch das gesamte Spektrum der Anatomie. Mit jeder neuen Verletzung, jeder früheren, die wieder aufbrach und ihn zu einer erneuten Pause zwang, wuchsen die Selbstzweifel. Nadal sieht sich in Endlosschleife mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert.

Als Nadal sich die Sinnfrage stellte

Im Frühling gingen die Selbstzweifel so weit, dass sich Nadal erstmals die Sinnfrage stellte. Wer Nadal bei den US Open hat spielen sehen, der vergisst schnell, welch beschwerlichen Weg der 33-Jährige im letzten Halbjahr gegangen war. Er erreichte auf seiner bevorzugten Unterlage Sand weder in Monte Carlo noch in Barcelona noch in Madrid den Final. Das provozierte die berechtigte Frage nach seiner Unantastbarkeit. Nadal wirkte ausgelaugt, ihm mangelte es an Energie, Intensität und Willen - und damit eigentlich an allem, was ihn auf dem Tennis-Platz ausgemacht hatte. Den Tiefpunkt erreichte er im Frühling in Indian Wells, als er nicht zum Viertelfinal gegen Roger Federer antreten konnte. Rafael Nadal haderte mit sich und dem Schicksal.

Es war der Grund, weshalb im Mai sein Onkel und früherer Trainer Toni in Rom weilte. Es ging bei den Gespräche nicht darum, an Vor- und Rückhand zu arbeiten, sondern darum, das Feuer bei seinem Neffen wieder zu entfachen. Es gelang. Mit dem Turniersieg in Rom beendete Nadal eine fast neunmonatige Durststrecke. Es wirkte wie ein Brandbeschleuniger: zwölfter Titel in Roland Garros, Wimbledon-Halbfinal, Turniersieg in Montreal und nun – nach einem Fünfsatzsieg gegen den 23-jährigen Russen Daniil Medwedew – der vierte Sieg bei den US Open. Von der Hölle in den Himmel – in nur sechs Monaten. Es ist eine Eigenschaft unserer Zeit, dass schnell vergessen wird, was einmal war, dass es der letzte Eindruck ist, der haften bleibt. Denn wer Nadal bei den US Open hat spielen sehen, der vergisst, welch beschwerlichen Weg der 33-Jährige im letzten Halbjahr gegangen ist.

Djokovic ist der Beste des Jahrzehnts

Mit seinem vierten Erfolg bei den US Open nach 2011, 2013 und 2017 entfacht Nadal auch die Diskussionen neu, wer nun als bester Spieler der Geschichte in die Annalen eingehen soll: Er, Roger Federer, oder Novak Djokovic. Seit 2003 gewann das Trio 54 von 65 Grand-Slam-Turnieren. Federer gewann das Gros seiner 20 Titel zwischen 2003 und 2010 (16). Nadal war 19, als er 2004 erstmals in Paris triumphierte. Seither beendete er nur zwei Saisons (2015 und 2016) ohne Triumph bei einem Major-Turnier. Der dominante Spieler der letzten Dekade ist aber der Serbe Novak Djokovic. Er gewann 15 der letzten 36 Grand-Slam-Turniere, Nadal 10, Federer nur deren 4. Zudem hat er gegen beide Antipoden die Mehrzahl der Duelle gewonnen und ist mit seinen 32 Jahren auch der Jüngste der drei Kontrahenten.

Und nun? Jetzt, wo Nadal wohl zum fünften Mal ein Jahr als Nummer 1 beenden wird und der wichtigste Rekord, jener der meisten Grand-Slam-Titel, zum Greifen nah ist – ist nun er der Beste? Für Nadal ist diese Frage völlig unerheblich. Er sagt: «Es würde mir viel bedeuten, derjenige Spieler zu sein, der am meisten grosse Turniere gewonnen hat. Aber das ist nicht, was mich antreibt. Ich trainiere und versuche, jeden Tag, mein Bestes zu geben, weil ich Tennis liebe. Ich spiele, um glücklich zu sein.» Sein Glück hängen nicht von der Anzahl Titel ab. Man glaubt es ihm, wenn man ihn auf diesem Stuhl sitzen sieht, den Blick zum Himmel gerichtet, auf diesen Videowürfel. Darauf angesprochen, sagte er: «Alle diese Dinge zu sehen, durch sie auch daran erinnert worden zu sein, was sie mich gekostet haben, macht den Moment speziell. Ich habe durch schwierige Phasen gehen müssen, physisch, aber auch mental.»

Für Rafael Nadal sind es nicht die für alle sichtbaren Sequenzen, die seine Karriere definieren. Sondern die Bilder und Emotionen, die sie in ihm auslösen. An diesem Abend sind sie himmlisch. Gerade wegen der Widerstände, die er überwunden hat.

Meiste Grand-Slam-Siege

1. Roger Federer (Schweiz) 20
2. Rafael Nadal (Spanien) 19
3. Novak Djokovic (Serbien) 16
4. Pete Sampras (USA) 14
5. Roy Emerson (Australien) 12

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