Die Schötzer Karateka Selin Bagderelli wird Europameisterin mit dem U18-Team

Enttäuschung, Exploit, Überraschung – für die 17-jährige Schötzerin Selin Bagderelli war an der Nachwuchs-EM in Cádiz alles dabei.

Stephan Santschi
Hören
Drucken
Teilen
Wenn der richtige Moment kommt, schlägt die Schötzerin Selin Bagderelli gnadenlos zu.

Wenn der richtige Moment kommt, schlägt die Schötzerin Selin Bagderelli gnadenlos zu.

Bild: Jakob Ineichen (Schötz, 30. November 2019)

«Selin ist unglaublich schnell und kämpft sehr genau. Sie lässt die Gegnerin warten, bis sie zappelig wird, dann macht es ‹päng› und der Kampf ist zu Ende.» Mit diesen Worten umschrieb Trainerin Marcia Dokter ihre Schülerin Selin Bagderelli im letzten September, damals gewann die 17-jährige Schötzerin an der U18-WM in Lissabon die Bronzemedaille. «Päng» machte es auch vor zweieinhalb Wochen wieder, und zwar an der EM im spanischen Cádiz. Bagderelli gewann zwei Medaillen, Gold im U18-Teamwettkampf und Bronze im Einzel der U21-Juniorinnen. Zunächst hatte die Athletin der Karateschule Schötz-Wauwil aber einen Rückschlag wegzustecken, deshalb resümieren wir ihre Auftritte der Reihe nach:

Die Enttäuschung. Als Erstes stand in Cádiz das U18-Einzelturnier auf dem Programm und da durfte sich Bagderelli zu den Titelanwärterinnen zählen. Irgendwie passte aber nicht viel zusammen. Das Hotelzimmer in der Nacht davor war ungemütlich kalt, die Nase lief, der Kopf schmerzte und auch der Fuss tat nach dem Tritt an einen gegnerischen Ellbogen weh. Zwei Runden überstand sie zwar, dann scheiterte sie im Viertelfinal an der Polin Olga Zminczuk. «Das war Kopfsache. Das ist es in unserer Sportart meistens», sagt Selin Bagderelli. Am Ende belegte sie den enttäuschenden fünften Platz. «Sie erwischte keinen guten Tag», hält Trainerin Marcia Dokter fest.

Der Exploit. Gleichentags fand auch der Teamwettkampf der U18-Juniorinnen statt und da trafen die Schweizerinnen schon im Halbfinal auf den wohl stärksten Kontrahenten Russland. Ausgetragen werden jeweils drei Duelle, neben Bagderelli standen die Baslerinnen Laura Mitello und Zora Schöpflin im Aufgebot. Auch dank einem Sieg von Bagderelli siegte die Schweiz mit 2:1 und zog in den Final gegen Portugal ein. Was da geschah, schildert die Schötzerin später so: «Es herrschte Spannung pur, ich war noch nie so aufgeregt.» Zöpflin verlor das Startduell, Bagderelli glich mit einem Blitzsieg aus. Mitello lag in Führung, liess sich dann aber zum dritten Mal von der Matte drängen, was die Disqualifikation bedeutete. Oder besser gesagt: bedeutet hätte. Nur den Bruchteil einer Sekunde vorher war die Kampfzeit abgelaufen – die Schweizer U18-Juniorinnen waren Europameisterinnen. «Und überglücklich», wie Bagderelli berichtet.

Die Überraschung. Am folgenden Tag ging der U21-Wettkampf über die Bühne, für den die 1,57 Meter grosse und 61 Kilo schwere Kampfsportlerin ebenfalls startberechtigt war. Die Schlappe vom Vortag wollte sie nicht einfach so hinnehmen, ihr Ehrgeiz war geweckt. Nach einem klaren Startsieg gegen die Waliserin Bethany Nelson, bekam sie es mit der Tschechin Alice Anderlova zu. «Sie war einen Kopf grösser als ich und dafür bekannt, dass sie hart und ohne Rücksicht schlägt», erzählt die Luzernerin und fügt mit einem Schmunzeln an: «Sie hat sich nicht immer unter Kontrolle.» Nun kam Bagderellis besondere Stärke zum Vorzug – ihre Ruhe, ihre Geduld. Während die Tschechin die Nerven verlor, wartete Bagderelli auf ihre Chance und schlug im richtigen Moment zu. Im Viertelfinal räumte sie anschliessend die Engländerin Libby Bayley aus dem Weg, ehe ihr im Halbfinal ein Fehlentscheid des Schiedsrichters zum Verhängnis wurde. Anstatt die Gegnerin für einen zu harten Schlag zu verwarnen, wurde ihr der Sieg zugesprochen – Bagderelli verlor in der Verlängerung und beendete das Turnier auf Platz drei. «So auszuscheiden, das nervt», kommentiert Marcia Dokter.

Vier Einzel-Medaillen an vier Grossanlässen

Mit Gold im U18-Teamwettkampf und Bronze im Einzel der U21-Juniorinnen konnte Selin Bagderelli letztlich aber eine zufriedenstellende EM-Bilanz ziehen. «Es war ein mega Wochenende», hält die KV-Auszubildende aus Schötz strahlend fest. Nach Silber an der U16-EM 2017, Bronze an der U18-EM 2018 und Bronze an der U18-WM 2019 sicherte sie sich die vierte Einzelmedaille an einem Grossanlass. Was fehlt ihr dabei noch zum Platz zuoberst auf dem Podest? «Das Mentale», antwortet sie sofort. «Manchmal bin ich zu lieb. Ich prahle nicht gerne und habe mitunter vielleicht noch etwas zu viel Respekt vor den Gegnerinnen.»

Noch fehlt ihr in der Offensive etwas der Mut zum Risiko

Ihre Trainerin an der Karateschule Schötz-Wauwil, Marcia Dokter, bestätigt dies: «Wenn der Gegner grösser und vielleicht auch stärker ist als Selin, dann kommt ihr die Kontertaktik zu Gute. Gegen schwächere Konkurrentinnen müsste sie aber selber vermehrt angreifen.» Dabei hätte Bagderelli eine gewisse Risikobereitschaft durchaus im Blut, wie jüngst ihr Ausflug zum Bungee-Jumping im Verzascatal zeigte. «Ich wäre am liebsten gleich nochmals gesprungen», erzählt sie lachend. Im traditionellen Karate, dem Ippon-Shobu, wo ein einziger Treffer den Wettkampf vorzeitig beenden kann, kommt ihr die vorsichtige Taktik entgegen – so wie in diesem Jahr bei ihren Erfolgen an WM und EM. Im Shobu, das nächstes Jahr Teil der Olympischen Spiele in Tokio sein wird, können während einer vorgegebenen Kampfzeit allerdings mehrere Punkte gesammelt werden, und da ist etwas mehr Offensivgeist gefragt. «Kämpfe, in denen ein 7:0 oder 8:0 drinliegen würde, gewinnt sie nur 1:0 oder 2:0», berichtet Dokter.

Vielleicht sei dies der Grund, weshalb sie es im Shobu noch nicht ins Nationalkader geschafft habe, obwohl sie mit Blick auf die Leistungen längstens dorthin gehören würde. «Die Selektionsvorgänge sind etwas undurchsichtig», sagt Dokter und hält fest: «Ende Jahr werden sie aber nicht mehr um Selin herumkommen.» Neben zwei Podestplätzen an internationalen Turnieren hat Bagderelli auch am Finalturnier der Swiss Karate League mit Platz zwei überzeugt. «Ich möchte Shobu und Ippon-Shobu kämpfen», sagt Bagderelli. «Ich mache beides gerne.» Grenzen nach oben hat sie sich ohnehin keine gesetzt, Selin Bagderelli träumt von Erfolgen an K1-Turnieren und Elite-Weltmeisterschaften. Seit sie fünfjährig ist, betreibt sie Karate. «Ich habe dank diesem Sport zu mehr Selbstvertrauen gefunden», erklärt die schweizerisch-türkische Doppelbürgerin, deren Eltern aus Lüleburgaz ganz im Westen der Türkei stammen.

Selin Bagderelli wehrt sich gegen eine blöde Anmache

Und dann weiss sie sogar von einem Moment im Alltag zu berichten, als ihr Karate der Selbstverteidigung diente und damit seinen ursprünglichen Zweck erfüllte. «An einer Party machte mich ein Junge blöd an und wollte mich küssen. Als ich ablehnte, packte er mich. Und ich schlug zu.» Daraufhin sei er erschrocken von ihr gewichen. «Ich würde nie einfach schlagen, ich nutze Karate auf respektvolle Art», betont sie. Doch sie habe gelernt, sich zu wehren, wenn es nötig sei.

Geschwisterpaar setzt Ausrufezeichen bei den Eliten

Neben der Goldmedaille im U18-Teamwettkampf und Bronze im Einzel der U21-Juniorinnen von Selin Bagderelli (siehe Haupttext) hat die Karateschule Schötz-Wauwil an der Europameisterschaft in Cádiz ein weiteres Ausrufezeichen gesetzt. Im Eliteturnier erreichte die Schweiz mit den Geschwistern Drenusha (21) und Diellza Sejdijaj (18) den dritten Platz. Sogar der Finaleinzug war möglich, doch eine unglückliche Aktion im Halbfinal gegen Schweden wurde den Schweizerinnen zum Verhängnis. «Wir waren besser als die Schwedinnen», erzählt Trainerin Marcia Dokter. Dann ging die Gegnerin von Drenusha Sejdijaj ungeschützt in den Angriff über und wurde von der Schweizerin mit ausgestrecktem Arm auf die Matte geschickt. «Treffer sind erlaubt, doch wenn sie zu hart sind, gibt es eine Verwarnung. Da die Gegnerin nicht mehr aufstehen konnte, kam es sogar zu einer Disqualifikation», erklärt Dokter. Da diese gemäss Reglement schwerer wiegt, als der regulär gewonnene Kampf von Diellza Sejdijaj und weil die dritte Schweizerin im Bunde, die Bernerin Leoni Isenegger, nicht über ein Unentschieden hinauskam, schied die Schweiz bei einem Skore von 1:1 gegen Schweden aus. Die Bronzemedaille war ihnen allerdings nicht mehr zu nehmen. In den Einzelwettkämpfen klassierten sich Drenusha (Elite) und Diellza (U21) Sejdijaj jeweils auf Rang fünf. «Beide haben gut gekämpft», lobt Marcia Dokter das Geschwisterpaar. (ss)