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Leichtathletin Silke Lemmens: Je müder der Kopf, desto schneller die Beine

Die Zugerin Silke Lemmens (18) hat trotz Prüfungsstress bereits einen Schweizer Rekord egalisiert und kurz darauf einen Zuger Rekord aufgestellt. Vor wenigen Wochen wäre das nur halb so interessant gewesen.
Raphael Biermayr
Zunächst sah es so aus, als ob Silke Lemmens nur vorübergehend in Zug bleiben würde. Mittlerweile sind ihre Familie und sie hier sesshaft geworden.

Zunächst sah es so aus, als ob Silke Lemmens nur vorübergehend in Zug bleiben würde. Mittlerweile sind ihre Familie und sie hier sesshaft geworden.

Silke Lemmens war während der letzten Monate im Tunnel. Nicht im Lauftunnel, wie ihn Leichtathleten nutzen, sondern im mentalen Tunnel. Die 18-Jährige lebte nach der Devise lernen und laufen. Vor kurzem hat sie ihre letzte Maturaprüfung geschrieben. Nun kann sie sich vier Monate lang auf den Sport konzentrieren, bevor das Wirtschaftsstudium beginnen wird.

Nur: Ist Entspannung ihrer Leistungsentwicklung überhaupt zuträglich? Diese Frage ist nicht ganz ernst gemeint. Wenn man aber betrachtet, was sie während der vergangenen Wochen unter Stress geleistet hat, darf man sie durchaus stellen. Die grossgewachsene Zugerin mit den langen Schritten hat den drei Jahre alten Schweizer Rekord über 150 Meter binnen sieben Tagen gleich zweimal egalisiert und ist beim zweiten Meeting die 300 Meter erstmals unter 39 Sekunden gelaufen.

Diese Zwischendistanzen sind zwar im internationalen Vergleich nicht sehr aussagekräftig. Aber dass Lemmens zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Saison und in einer Phase der mentalen Müdigkeit erzielt wurden, zeugt von einer vielversprechenden Form. Die Sprinterin hat sich die Teilnahme an der U20-WM Mitte Juli über 200 Meter und mit der Staffel über 4 x 100 Meter zum Ziel gesetzt.

Die Limite des Schweizer Verbands für die Selektion als Einzelathletin liegt bei 24,20 Sekunden. Lemmens’ Bestzeit beträgt 24,24 Sekunden, aufgestellt am vergangenen Samstag in Bern in ihrem ersten 200-Meter-Lauf der Saison überhaupt. Damit hat Silke Lemmens einen Zuger Rekord aufgestellt. Die vormalige Bestmarke hatte Patricia Nadler inne (24,38 Sekunden), aufgestellt im Jahr 1996 – also über drei Jahr vor der Geburt von Silke Lemmens. In der U20-Allzeit-Bestenliste des Schweizer Verbands liegt Lemmens derzeit an 16. Stelle. Im vergangenen Jahr entschied sie die Schweizer Nachwuchsmeisterschaften für sich.

Expatgeschichte mit unerwartetem Ausgang

Vor wenigen Wochen waren das vor allem gute Nachrichten für sie und ihren Verein, den LK Zug – aus Schweizer Optik nicht mehr. Denn die Sprinterin ist in Belgien geboren und im Alter von 9 Jahren mit der Familie hierher gezogen. Im April hat sie aber den Schweizer Pass erhalten. Der Verband habe ihre schnelle Einbürgerung unterstützt, sagt Lemmens. Das half, die Wartezeit kürzer zu gestalten.

Sie hatte aber den üblichen Weg zu beschreiten, bei der Bürgergemeinde in Zug vorgesprochen und dargelegt, dass sie integriert ist. Und sie hat das Auswendiglernen in Schweizer Politik und Geschichte ernst genug genommen, um problemlos durch den Einbürgerungstest zu kommen.

Dass Silke Lemmens möglicherweise bald die Schweiz an Nachwuchs-Weltmeisterschaften vertreten wird, ist gleichwohl überraschend. Denn es hatte sich für ihre Familie eigentlich die klassische Expatgeschichte abgezeichnet, wie es sie im Kanton Zug oft gibt: Ein Elternteil – in diesem Fall die Mutter – nimmt einen hohen Posten in einer internationalen Firma am Schweizer Standort an.

Die Familie zieht ins steuergünstige Walchwil, die Kinder werden an der International School in Hünenberg angemeldet. Entsprechend gering sind die Berührungspunkte mit der neuen Umgebung, was angesichts des erwarteten baldigen Weiterziehens in Kauf genommen wird.

«Zunächst hiess es, nach drei bis maximal sechs Jahren würden wir in ein anderes Land ziehen», erinnert sich Silke Lemmens. Die Familie zog 2013 tatsächlich um – aber nur wenige Kilometer nordwärts, nach Zug. Hier wollen die Lemmens bleiben. «Uns gefällt es total in der Schweiz und in Zug. Für mich ist hier meine Heimat. An die Zeit in Belgien habe ich kaum noch Erinnerungen», sagt Silke Lemmens.

Sie ist froh über die Entscheidung der Eltern, zu bleiben. Damals als Neunjährige sei es schwierig gewesen, in der unbekannten neuen Welt Fuss zu fassen. Zumal sie nur Flämisch sprach, was ihr weder auf der Strasse noch im Unterricht, der auf Englisch abgehalten wurde, half.

Doch sie biss sich durch und fand dank ihrer Sportbegeisterung Freunde: Lemmens, die bereits in Belgien Leichtathletik betrieben hatte, trat dem STV Küssnacht bei. Sie ist ein Beweis, dass die These von der integrativen Kraft von Vereinen stimmen kann.

Neugierig auf sich selbst

Die Erfahrung, zunächst auf sich gestellt zu sein und über Leistung auf sich aufmerksam zu machen, hat vermutlich ihren Ehrgeiz ausgebildet. Sie stelle hohe Anforderungen an sich, höhere als die Eltern, sagt sie. «Wenn ich meine Leistung nicht abrufen kann, egal ob in der Schule oder im Sport, will ich wissen, warum. Das lässt mir sonst keine Ruhe.»

Verbissen wirkt sie beim Sagen dieser Sätzen nicht, eher neugierig. Sie ist bereit, sich besser kennen zu lernen – wenngleich ihr das nicht immer leicht fällt: In den eingangs erwähnten, entbehrungsreichen letzten Monaten wurde ihr aufgezeigt, dass ihre Energie endlich ist. Sie stiess an ihre Belastungsgrenzen und musste feststellen, dass deshalb nicht jede Prüfung, nicht jeder Wettkampf optimal verlief. «Das ist nicht leicht zu akzeptieren, aber das muss ich wohl», weiss sie nun.

Unter dem Strich stehen die Matura und ein Schweizer Rekord – keine schlechten Argumente, um einen Kompromiss mit sich selbst zu akzeptieren.

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