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Dieses Krienser Karate-Team will den WM-Titel

An den Weltmeisterschaften in Holland treten für die Schweiz acht Karatekas im Team-Kata an. Darunter sind auch zwei Frauen und zwei Männer aus Kriens. Die Luzerner wurden schon an internationalen Wettbewerben gesperrt – weil sie zu gut waren.

Roger Rüegger
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André Emmenegger, Dolores Emmenegger-Jaros und Simon Birrer (von links) trainieren im Dojo in Kriens eine Kata. Bild: Philipp Schmidli (Kriens, 26. März 2019)

André Emmenegger, Dolores Emmenegger-Jaros und Simon Birrer (von links) trainieren im Dojo in Kriens eine Kata. Bild: Philipp Schmidli (Kriens, 26. März 2019)

Drei Karatekas warten mit geschlossenen Augen, bewegungslos und hoch konzentriert auf ihr Kommando. Mit dem Befehl «Hashime» gibt Dojo-Leiterin Sihan Ruth Näpflin (68) den Ring im übertragenen Sinn frei. Das Trio beginnt die Kata «Sushiho» mit einer bemerkenswert hörbaren Atemtechnik, dem Ibuki.

Dann geht alles blitzschnell: Das Team führt eine Abwehrtechnik mit der flachen Hand, ein Faustschlag und eine gleichzeitige Schrittabfolge aus. Immer wieder unterbrechen sie die Übung. Kurze Absprache, dann wiederholen sie dieselbe Passage mehrere Male, bis jede Bewegung sitzt. Mit Präzision und Kraft laufen Dolores Emmenegger-Jaros (41), André Emmenegger (39) und Simon Birrer (40) die Kata, deren Ablauf mit 54 Techniken vorgegeben ist.

Das Team, zu dem auch die 20-jährige Chiara Marbacher gehört, trainiert in der Kyokushinkai Karateschule an der Obernauerstrasse in Kriens für die Kata Weltmeisterschaften des Verbands IFK (International Federation of Karate). Das Turnier findet vom 24. bis 26. April 2019 in Papendal (Holland) statt. Wettkämpfer aus 28 Nationen nehmen daran teil.

Schweizer sind in den technischen Disziplinen Spitze

Sihan Ruth Näpflin, die während rund 20 Jahren das Nationalkader des IFK-Schweiz trainierte, attestiert den Luzernern gute Chancen auf einen Podestplatz und sogar auf den Titel. «Mit den Russen und den Engländern sind wir in den technischen Disziplinen Spitze», versichert die Krienserin, die als Trägerin des 6. Dan eine der höchst dotierten Frauen im Kyokushinkai-Karate weltweit ist. Durch ihre Erfahrung als Wettkämpferin und Schiedsrichterin, weiss sie, dass neben dem Können und der Tagesform noch weitere Punkte über Erfolg und Niederlage entscheiden.

«Im Kata ist alles möglich, denn die eigene Nervosität ist der grösste Feind auf der Kampfmatte.»

Sie weiss, was ihre Clubkollegen können. Mit ihrer Erfahrung hat sie ein Auge auch für kleinste Details und korrigiert beim Training da und dort leichte Abweichungen in den Ständen oder dem Timing. Worauf es in dieser Disziplin ankommt, ist ihr bestens bekannt. Denn sie wird an den WM als Schiedsrichter eingesetzt. Die Wettkämpfer trainieren jedoch meistens ohne Trainerin, sondern als Team oder auch alleine. Alle sind langjährige Karate-Kämpfer. Sensei Dolores leitet ihren eigenen Karate-Club im Aargauischen Strengelbach, wo sie aufgewachsen ist. Ehemann André und Simon Birrer haben mit 11 Jahren in Kriens mit Karate angefangen und sind seit vielen Jahren Schwarzgurt-Träger. Apropos Kampf. In der Disziplin Kumite wird im Kyokushinkai-Karate ohne Schutzausrüstung gekämpft.

Andre Emmenegger, Dolores Emmenegger-Jaros und Simon Birrer (L-R). (Bild: Philipp Schmidli, Kriens, 26. März 2019)

Andre Emmenegger, Dolores Emmenegger-Jaros und Simon Birrer (L-R). (Bild: Philipp Schmidli, Kriens, 26. März 2019)

Krienser gewannen den englischen Titel

Seine Qualität bewies das Krienser Team schon etliche Male. Unter anderem 2008 in England. «Wir hatten an der englischen Verbands-Meisterschaft teilgenommen. Es lief fantastisch und wir gewannen als Schweizer Team den englischen Titel», sagt Sensei Dolores, die den 4. Dan trägt. Die Stimmung im Dojo wird merklich heiterer als Dolores die Erinnerung bei den anderen hervorruft. Noch mehr als Ruth Näpflin ergänzt: «Das hat den Briten gar nicht gefallen. Seither dürfen die Schweizer an der englischen Meisterschaft nicht mehr teilnehmen.»

Dolores Emmenegger gewann mehr als 20 Landestitel im IFK Kyokushinkai-Karate. Sowohl in der Disziplin Kata wie auch im Kampf ist sie eine der überragenden Figuren in der Schweiz. Wobei sie seit einigen Jahren nicht mehr an Kumite-Wettkämpfen teilnimmt und sich auf die Einzel- und Team-Kata-Wettkämpfe konzentriert. Auf die Frage nach ihrem Ziel in Holland sagte sie: «An den letzten WM wurden wir Dritte. Wir wollen uns selbstverständlich steigern.»

Kata ist die Seele des Karate

Auch André Emmenegger tritt nicht mehr zum Vollkontakt-Kumite an. «Wer mit bald 40 Jahren einer Arbeit nachgeht und nicht täglich mit grossem Aufwand professionell trainieren kann, der hat auf dem internationalen Parkett keine Chance. Ausserdem wird die Erholungszeit mit jedem Jahr länger. Die Russen treten mit jungen Profis an, die machen nichts anderes als Karate, die sind schwer zu schlagen», sagt Emmenegger, der 1999 die Schwarzgurtprüfung machte und seit 2014 den 4. Dan trägt.

Simon Birrer lässt den Vollkontakt-Kampf inzwischen ebenfalls sein. «Mir gefallen sowohl das Kumite wie auch die Kata. Disziplin und Genauigkeit sind in beiden Wettkampfformen gefordert», sagt Birrer, der zusammen mit André Emmenegger 1989 in der Schulsportwoche Kriens mit Karate begonnen hat. Die Prüfung zum 3. Dan hat er 2017 erfolgreich abgelegt. Beim Kata werden Kampftechniken demonstriert, ohne dass ein Gegner im Spiel ist. Es ist eine Choreografie, vergleichbar mit einem Tanz. Wobei jede Kleinigkeit definiert ist. Die Körperhaltung, die Stände und sogar die Gewichtsverteilung. Auch die Hände müssen bei jeder Figur in einer bestimmten Form präsentiert werden, sei es in der Abwehr oder im Angriff. Jede traditionelle Kampfkunst hat ihre Katas. Kata ist die Seele des Karate.

(Bild: Philipp Schmidli, Kriens, 26. März 2019)

(Bild: Philipp Schmidli, Kriens, 26. März 2019)

Fehlende Kraft und Ausdauer werden im Wettbewerb bestraft

Die Trainings des WM-Teams gestalten sich vielfältig. Die vier Sportler sind nicht nur im Dojo am Arbeiten, sondern auch im Fitnesscenter beim Krafttraining oder auf der Laufstrecke. «Kata erfordert viel Kondition. Es ist wichtig, die Kata vom Beginn bis zum Schluss kraftvoll zu absolvieren. Fehlt gegen Ende der Übung die Ausdauer, verliert man an Genauigkeit, Tempo und Ausdruck, was die Schiedsrichter gnadenlos mit einem Punktabzug bestrafen», sagt Birrer.

Dass die Schweizer im Kata an der Weltspitze ein gewichtiges Wort mitreden, ist laut Birrer logisch. «Wenn man uns Bünzlischweizer sagt, dann liegt es sicher auch daran, weil wir Wert auf Disziplin, Genauigkeit und Liebe zum Detail legen. Genau diese Tugenden zählen beim Kata.»

Bevor das Team nach Holland an die WM fährt, treten die vier Luzerner aber zuerst zu Hause auf: Am kommenden Samstag organisiert die Karateschule Kriens in der Krauerhalle die Schweizer Meisterschaften. Die Krienser verteidigen bei ihrem Heimspiel übrigens ihren Meistertitel. «Das ist ihre Generalprobe für Holland», sagt Shihan Ruth Näpflin.

Kampf gegen imaginären Gegner

Die Kata wird auch als Scheinkampf oder Kür bezeichnet. Kata bedeutet soviel wie Übung gegen einen imaginären Gegner. Denn Karate ist nicht nur ein Kampf zwischen zwei Personen. An den IFK-Kata-Schweizer-Meisterschaften am Samstag, 13. April, in Kriens, werden über 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus zehn Dojos erwartet. Fünf Schiedsrichter bewerten die Wettkämpfer nach ihrer vorgetragenen Kür. Der Fokus wird dabei auf Kraft, Ausdruck, Dynamik, korrekte Techniken und den richtigen Ablauf gelegt. Wer sich noch nie mit Karate befasst hat, bekommt hier einen Einblick in die Vielseitigkeit des Sports.

Karatesport auf hohem Niveau hautnah erleben

Sihan Ruth Näpflin, die zusammen mit ihrem Mann Shihan Beat Näpflin (6. Dan) die Karateschule Kriens leitet und Gastgeber des SM-Turniers ist, empfiehlt: «Wer Karate-Sport auf hohem Niveau hautnah erleben möchte, ist herzlich willkommen.» Für die Zuschauer sei der Teamwettkampf am spannendsten. In dieser Kategorie wird neben den üblichen Kriterien auch die Synchronität und die Harmonie der Dreier-Teams bewertet. Die Elite, der Schwarz- und Braungurt-Träger, eröffnen um 10 Uhr die Schweizer Meisterschaften in der Krauerhalle. In der Schweiz trainieren Frauen und Männer in 16 Dojos der International Federation of Karate (IFK). Diesem Verband sind Weltweit 53 Nationen mit rund 150 000 Mitgliedern angeschlossen.

Hinweis Informationen über Kyokushinkai Karate unter: www.karateschule-kriens.ch