Kellers Rückkehr an die Weltspitze

Die Nidwaldnerin Alessandra Keller will an der sonntäglichen Mountainbike-EM im Tessin mindestens Fünfte werden.

Martin Platter
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Mit vollem Einsatz: Alessandra Keller an der Bike-WM im österreichischen Leogang.

Mit vollem Einsatz: Alessandra Keller an der Bike-WM im österreichischen Leogang.

Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (10. Oktober 2020)

«Die letzten eineinhalb Runden des WM-Rennens habe ich grausam gelitten», sagt Alessandra Keller mit sanfter Stimme. Man würde es der jungen Nidwaldnerin nicht geben, dass sie auf dem Mountainbike zur Furie werden kann. An der Weltmeisterschaft letzte Woche in Leogang war das allerdings auch nötig. Es galt nach dem Start loszupreschen, als ob es kein Morgen gibt. Denn die anspruchsvolle Rundstrecke besass zahlreiche Passagen, an denen sich die Athletinnen auf den hinteren Rängen stauten. Die 24-Jährige nutzte ihre Talente als Schnellstarterin und schaffte es, bis auf die fünfte Position vorzufahren. Doch dann liessen ihre Kräfte nach und sie fiel auf den zehnten Platz zurück. Derweil die französische Titelhalterin Pauline Ferrand-Prévaud alleine an der Spitze ihre Runden drehte und schliesslich ihren dritten WM-Titel im Cross-Country gewann.

Der Werdegang von Prévot und Keller weist Parallelen auf. Wie Prévot, die nach ihren einzigartigen WM-Erfolgen 2014 und 2015 von Verletzungen und psychischen Problemen heimgesucht wurde, lotete auch Keller nach ihrem U23-Goldmedaillengewinn 2018 in Lenzerheide die Tiefen des Spitzensportlerdaseins aus. Im Mai 2019 stürzte sie am Swiss Cup in Solothurn nach einer Kollision mit Jolanda Neff kurz vor dem ersten Weltcuprennen und brach sich beide Hände. Damit verpasste sie nicht nur die ersten drei Läufe der Weltserie und die Schweizer Meisterschaft. Der Wiedereinstieg in den Wettkampfbetrieb gestaltete sich schwieriger als erhofft und nagte am Selbstvertrauen der jungen Frau. Sie sagt: «Meinem Trainer und mir fehlte es schlicht an Erfahrung mit Verletzungen. Das führte dazu, dass ich zu viel trainierte.» Weder physisch noch psychisch vermochte Keller ihre frühere Konstanz auf hohem Niveau zu erreichen.

Eine längere Pause und Geduld zahlten sich aus

Nach einem ersten Lichtblick bei ihrem Comeback im Juli 2019 am Weltcup-Shortrace in Andorra, wo sie überraschend Zweite wurde, folgte in den Hauptrennen regelmässig ein Absturz in die Tiefen des Klassements. «Ich habe in dieser Zeit viel über mich selber, aber auch über mein Umfeld gelernt. Man darf die Alarmsignale des Körpers nicht ignorieren. Eine längere Pause kann selbst als Spitzensportler hilfreich sein.» In dieser schwierigen Zeit habe sie es wieder schätzen gelernt, dass es keineswegs selbstverständlich ist, Spitzenleistungen erbringen zu können.

Rückhalt fand sie vor allem in ihrer Familie und im «Thömus»-Rennteam von Ralph Näf, der aus eigener Erfahrung als Spitzenbiker die schwierige Phase kannte, die seine Fahrerin durchlebte. Er übte Geduld, die sich auszahlte. Erste Anzeichen, dass das «Resetten» klappt, erhielt Keller im November 2019. Am olympischen Testrennen in Tokio fand sie erstmals wieder über längere Zeit einen guten Rhythmus und fuhr von einer der letzten Startpositionen auf Rang vier in einem Wettkampf über die olympische Distanz.

Mit dem überlegenen Sieg am Dreietappenrennen «Engadin Bike Giro» startete Keller Mitte Juli in die stark verkürzte Coronasaison und überraschte sich selber damit am meisten. Die gute Kondition konnte sie an der Schweizer Meisterschaft aber nicht in eine Medaille ummünzen: Nach einem Startgerangel blieb ihr nur der vierte Platz. Auch der Weltcup-Einstand in Nove Mesto, wo coronabedingt die einzigen beiden Läufe der Weltserie ausgetragen wurden, gestaltete sich schwierig. Weil der Radweltverband bestimmt hatte, dass für die Teilnahme am Shortrace die Weltrangliste vom 3. März zählt, erhielt Keller keine Starterlaubnis fürs Kurzrennen, das ihr eine vordere Startposition im Cross-Country ermöglicht hätte. Dennoch schaffte sie es, sich im Cross-Country vom 69. Startplatz auf Rang 10 vorzukämpfen. Damit war sie fürs Shortrace des zweiten Laufs wieder zugelassen. Vom 13. Startplatz aus verbesserte sie sich im Hauptrennen auf den neunten Rang.

Zuversichtlich blickt die Ennetbürgerin nun auf die Europameisterschaft am Samstag in Monte Tamarao. Auf der Strecke, auf der sie im April 2019 bereits den Swiss-Cup-Auftakt gewonnen hatte, rechnet sich Keller Chancen auf einen Platz unter den besten fünf aus. Immer vorausgesetzt, dass sie nicht wieder von einem Startgerangel ausgebremst wird.