Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Weltklasseschützin Nina Christen: «Es kam extrem viel zusammen»

Die Nidwaldner Schützin Nina Christen (25) spricht über den Aufstieg in die Weltklasse und Aufruhr an Flughäfen.
Interview Stephan Santschi
Eines der Highlights für Nina Christen: Die Nidwaldnerin erringt in Indien ihren ersten Weltcupsieg mit dem Kleinkaliber-Gewehr. Bild: Getty Images (Neu Delhi, 26. Februar 2019)

Eines der Highlights für Nina Christen: Die Nidwaldnerin erringt in Indien ihren ersten Weltcupsieg mit dem Kleinkaliber-Gewehr. Bild: Getty Images (Neu Delhi, 26. Februar 2019)

Gold an der Europameisterschaft und erster Weltcup-Sieg mit dem Kleinkaliber-Gewehr. Silber an der Luftgewehr-EM. Gold und Silber an den Europa-Spielen – das Jahr 2019 ist brillant. Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Noch ist die Saison nicht zu Ende, deshalb habe ich sie bisher nicht im Detail analysiert. Trotzdem kann ich sagen: Es ist mein bestes Jahr, es kam extrem viel zusammen. Ich bin selber überrascht, wie gut die Vorbereitungen auf die Wettkämpfe jeweils gepasst haben. Das gibt mir Sicherheit und das Bewusstsein: Ich kann das, ich weiss, was zu tun ist.

Welcher Erfolg ragt dabei heraus?

Den EM-Titel im Dreistellungskampf über 50 Meter in Bologna werte ich am höchsten, auch wegen dem Drum und Dran. Die Konkurrenz war hart und Bologna ist bekannt für spezielle Bedingungen. Es hat viel Wind und die Fläche vor dem Schiessstand ist nicht flach, sondern wellig. Auf den Kuppen kann die sogenannte Mirage entstehen, das Hitzeflimmern. Das Zielbild erscheint dadurch verschwommen.

Trotzdem verpassten Sie in der Qualifikation den Weltrekord mit 1184 Punkten nur um einen Zähler. Wie bereiten Sie sich auf solch schwierige Umstände vor?

Das ist nicht ganz so einfach. In Sachen Wind kann man im Training einiges ausprobieren, verstehen kann ich ihn in Bologna aber nur zu etwa 85 Prozent. Bei Mirage empfiehlt es sich, nicht zu lange zu zielen.

Weshalb?

Weil mich das Hirn täuschen kann. Meine Aufgabe ist es, einen runden Punkt in ein rundes Ziel zu bringen. Mein Hirn hat sich dieses Bild bald einmal eingeprägt und lässt mich glauben, dass ich immer noch richtig ziele, auch wenn dies nicht mehr der Fall ist. Zudem verschwimmt das Ziel immer mehr, je länger ich es anschaue.

Welches sind die Erfolgsfaktoren in diesem Jahr?

Sehr wichtig ist die Balance zwischen Training und Erholung – die ist mir heuer besonders gut gelungen. Der Schwerpunkt im Training liegt auf dem mentalen Bereich. Auf meinem Niveau als Schützin ist es wichtiger, mich mental mit dem Wettkampf zu beschäftigen, als im Schiessstand zu üben. Ich muss den Wettkampf in allen möglichen Variationen verstehen können.

Was heisst das konkret?

Was mache ich, wenn ich ganz gut oder ganz schlecht starte? Was tue ich bei starkem Wind? Wie reagiere ich, wenn die Bedingungen top sind und ich mir keine Neuner leisten darf? Was denke ich, wenn mir ein Punkt bis zum Weltrekord fehlt? Solche Situationen übe ich im Training. Zudem mache ich autogenes Training, um zu entspannen, um richtig zu atmen. Hektische Bewegungen erhöhen den Puls und das ist im Schiessen nicht förderlich (lacht).

Heidi Diethelm Gerber, die 2016 in Rio die Bronzemedaille mit der Pistole gewann, sagte: Schiessen ist nicht reine Perfektion, sondern absolute Pragmatik.

Da stimme ich ihr zu. Perfektion ist nicht möglich. Nicht als Mensch und auch nicht mit dem bestmöglichen Gewehr und bestmöglicher Munition. In jungen Jahren habe ich deshalb an mir gezweifelt. Dann, wenn ich genau in die Mitte zielte und trotzdem nur eine Neun schoss.

1184 Punkte in 120 Schüssen ergeben einen Schnitt von 9,87. Das ist sehr nahe an der Perfektion. So, als ob man in der Schule fast nur Sechser schreiben würde.

Stimmt. Manchmal kommt es mir so vor, der Druck ist ähnlich. Es gibt Momente, in denen nur noch die Zehner zählen.

Heidi Diethelm Gerber ist doppelt so alt wie Sie und schiesst in einer anderen Disziplin. Haben Sie trotzdem Kontakt mit ihr?

Wir sehen uns nicht so oft, weil wir nicht am selben Ort trainieren. Doch an Wettkämpfen führe ich sehr interessante Gespräche mit ihr, wir verstehen uns sehr gut. Ich kann viel von ihrer Erfahrung profitieren. Sie war zweimal an Olympia dabei, gewann eine Medaille, sie hat Hochs und Tiefs erlebt, die ich noch vor mir habe.

2016 feierten Sie Premiere an Olympia und rückten dank dem Gewinn des Diploms erstmals in den Fokus eines breiteren Publikums. Wie haben Sie sich seither als Schützin entwickelt?

Es ging stetig vorwärts, ich machte technisch, mental, materiell und in Sachen Körpergefühl Fortschritte. Ich habe mir Krisenstrategien zurechtgelegt, auch für Auftritte in Ländern, in denen schon die Einreise mit einem Gewehr nicht einfach ist.

Erzählen Sie!

Grundsätzlich brauche ich von jedem Veranstalter ausserhalb der Schweiz eine Einladung, die ich am Zoll vorlegen muss. Auch der Besitz eines europäischen Feuerwaffenpasses mit Angaben zum Gewehr und zur Munition ist Pflicht. Trotzdem ist es in gewissen Ländern kompliziert und jede Fluggesellschaft hat ihre eigenen Bedingungen. Obwohl alles seit langem angemeldet ist, entsteht zuweilen Aufruhr, wenn ich mit einem Gewehr einreise. In Südkorea muss ich es sofort dem Veranstalter aushändigen, ich darf es nicht selber an den Wettkampf mitnehmen. Auch in China rechne ich mit vier, fünf Stunden Aufenthalt am Flughafen.

Stichwort China: Am Dienstag fliegen Sie nach Wuhan zu den Militär-Weltspielen. Was möchten Sie erreichen?

Ich halte es wie vor der EM: Ich kann, muss aber nicht. Ich freue mich extrem auf diesen Wettkampf, weil die Atmosphäre speziell sein wird. Viele Armeemitglieder, die nicht Profischützen sind, werden dabei sein. Es geht nicht nur darum, wer der Beste ist. Alle treten in Uniform an. Man fühlt sich mehr als Teil des Ganzen als etwa im Weltcup.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.