Der Inwiler Fabio Pedrazzi muss über den Schatten springen

An den Schweizer Vereinsmeisterschaften in Hochdorf erfüllt Fabio Pedrazzi über 400 Meter die Junioren-EM-Limite. Die Bestzeit des Inwilers steht inzwischen bei 48,05 Sekunden.

Stefanie Barmet
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Fabio Pedrazzi erfüllt die EM-Limite bereits in seinem ersten Rennen dieser Saison. (Bild: Hanspeter Roos (Hochdorf, 6. Juni 2019))

Fabio Pedrazzi erfüllt die EM-Limite bereits in seinem ersten Rennen dieser Saison. (Bild: Hanspeter Roos (Hochdorf, 6. Juni 2019))

Fabio Pedrazzi fand seine Lieblingsdisziplin über Umwege. Im Alter von zehn Jahren wechselte er von der Jugi zur Leichtathletik und betrieb fortan Mehrkampf. «Über 1000 Meter lief ich mit 16 eine Zeit von 2:49 Minuten und war auch im Sprintbereich gut. Aufgrund meiner Beweglichkeit hatte ich jedoch mit dem Stabhochsprung, den Hürden aber auch im Bereich Wurf mehrere schwache Disziplinen. Dementsprechend sank auch die Motivation, mehr zu investieren. Mein damaliger Trainer Werner Hufschmid riet mir, es über die 400-Meter-Distanz zu versuchen. Selber wäre ich nicht auf diese Idee gekommen.»

Einen Winter lang absolvierte er 200-Meter-Läufe mit kurzen Pausen und trainierte so sein Stehvermögen. Bereits der erste 400-Meter-Lauf zeigte, dass Pedrazzi in dieser Disziplin Potenzial hatte. «2017 fehlten mir weniger als zwei Sekunden zur Junioren-EM-Limite. Ende 2017 habe ich mir diese Limite als fixes Ziel gesetzt.» Bereits im Vorjahr kam er 48,49 Sekunden nahe an den Wert von 48,15 Sekunden heran. «Diese Zeit hat mich extrem überrascht, mir aber bestätigt, dass das Ziel EM-Teilnahme durchaus realistisch ist.» An der Bahnrunde fasziniert ihn der Mix zwischen Schnelligkeit, Talent, Taktik und Training. «Ob man schnell ist oder nicht ist oft gegeben. Über 400 Meter spielt aber auch der taktische Aspekt eine wichtige Rolle. Um das Optimum herauszuholen, muss man über seine Schatten springen. Der härteste Moment ist jeweils die zweite Kurve, wenn ich das Ziel sehe.»

EM-Limite im ersten Saisonrennen

Mit Rolf Wullschleger an seiner Seite hat er sich fortan vom Mehrkämpfer zum Langsprinter weiterentwickelt. «Ich trainiere nun professioneller und teile die Philosophie von Rolf. Mit einem Trainingsaufwand von vier bis fünf Einheiten habe ich noch Steigerungspotenzial. Qualität steht bei uns jedoch an oberster Stelle. Ich absolviere alle Einheiten in der Gruppe. Da wir in Inwil nur eine 100-Meter-Bahn haben, mache ich lediglich am Samstag auf der Allmend längere Läufe.»

Daneben arbeitet der 19-Jährige, der im Vorjahr die kaufmännische Lehre mit der wirtschaftlichen BM abgeschlossen hat, in einem 100-Prozent-Pensum bei der Luzerner Kantonalbank in Luzern. «Zurzeit gelingt es mir gut, Sport und Beruf zu kombinieren», so der Inwiler. Dass er die EM-Limite bereits im ersten 400-Meter-Rennen der Saison erfüllen konnte, sei eine grosse Erleichterung gewesen. «Aufgrund des schlechten Wetters konnten wir im Vorfeld noch nicht so viele schnelle Läufe absolvieren. Ich wusste aber, dass ich in Form bin und habe gehofft, dass ich mich steigern kann. Die ersten 300 Meter waren sehr flüssig, doch danach wurde es richtig hart. Ich hatte saure Beine und musste richtig kämpfen.» Die Zufriedenheit über die Zeit von 48,05 Sekunden und der Unterbietung der EM-Limite um eine Zehntelsekunde war dementsprechend riesig. In der laufenden Saison sind erst neun Schweizer schneller gelaufen als der Inwiler.

«Möchte zeigen, dass ich an diese EM gehöre»

Um sich ganz aufs Training fokussieren zu können, wird der 19-Jährige erst am 30. Juni wieder an den Start gehen. In La Chaux-de-Fonds ist der zweite 400er der Saison geplant. «Mein nächstes grosses Ziel ist eine 47er-Zeit. Ich habe nicht gerne viele Wettkämpfe und konzentriere mich lieber auf wenige. So ein 400-Meter-Rennen braucht Überwindung. Würde ich öfters starten, würde ich wohl den Biss verlieren.» Für seinen ersten Grossanlass in Borås, wo er voraussichtlich gemeinsam mit dem international erfahrenen Ricky Petrucciani (LCZ) die Schweiz vertreten wird, hat sich Fabio Pedrazzi keine grossen Ziele gesetzt. «Ich möchte gerne zeigen, dass ich an diese EM hingehöre. Wenn es optimal läuft, liegt vielleicht die Halbfinalqualifikation drin. In erster Linie will ich aber Erfahrungen sammeln.» Er freut sich darauf, neue Leute kennenzulernen, die seine Lebensansichten teilen und auf die Atmosphäre. «Vielleicht werden mich neben meinen Eltern auch ein paar Kollegen vor Ort unterstützen, was natürlich genial wäre. Wenn das wirklich zu Stande kommt, werden wir im Anschluss an die EM noch für ein paar Tage in Schweden bleiben.»