Ringer Stefan Reichmuth auf den Spuren von Hugo Dietsche

Der Grosswanger Freistilringer Stefan Reichmuth sorgt mit dem Gewinn von WM-Bronze für einen Exploit.

Richard Stoffel (SDA) und Simon Gerber
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Stefan Reichmuth (rechts) beim WM-Kampf gegen den Spanier Taimuraz Friev. (Bild: Aleksandar Djorovic/Freshfocus (Nursultan, 21. September 2019))

Stefan Reichmuth (rechts) beim WM-Kampf gegen den Spanier Taimuraz Friev. (Bild: Aleksandar Djorovic/Freshfocus (Nursultan, 21. September 2019))

Stefan Reichmuth (25) vom RC Willisau hat an der WM in Kasachstan die Bronzemedaille im Limit bis 86 kg gewonnen. Damit sorgte er für die wohl erstaunlichste Schweizer Erfolgsmeldung im aktuellen Olympia-Zyklus. Der Luzerner liess in einer der traditionsreichsten olympischen Sportarten überhaupt den grössten Teil der Weltelite hinter sich. Reichmuth realisierte den grössten Schweizer Ringer-Erfolg seit Olympia-Bronze von Greco-Spezialist Hugo Dietsche im Jahre 1984.

Reichmuth stammt aus einer sportbegeisterten Familie. Sein Vater war Nationalturner sowie Ringer und Schwinger, die Mutter und die Schwester waren im Geräteturnen aktiv. Und Bruder Andreas ist mehrfacher Juniorenmeister im Ringen und zählt zum Stammpersonal der RC Willisau Lions, für die Stefan Reichmuth seinen Teil zu zwei Meistertiteln beitragen konnte.

Reichmuth begann als Fünfjähriger zu ringen, damals noch im Sägemehl als Nationalturner in Grosswangen. Erste Sparringspartner waren freilich die Geschwister gewesen. Heute bringt der 1,75 m grosse Athlet im Alltag 91 kg auf die Waage, bei internationalen Einsätzen startet er im 86-kg-Limit, das er «ohne grosse Probleme» bringt.

Seit sechs Jahren ist der Sportsoldat Profi

Reichmuth ist nur einer von vier Schweizer Freistil-Profiringern. Der Sportsoldat ist dabei aber der Einzige, der sich voll auf den Sport fokussiert und nicht noch einer Teilzeitbeschäftigung nachgeht. Profi ist er seit 2013.

Von gröberen Verletzungen ist der Zweikämpfer bislang verschont geblieben. Selbst eine Meniskusoperation am linken Knie Anfang Jahr hielt Reichmuth bloss rund einen Monat von der Wettkampf-Matte fern.

Blut, Schweiss und Tränen stecken hinter seiner WM-Grosstat. Reichmuth nahm und nimmt Entbehrungen in Kauf. Seine Einkünfte sind niedriger als jene eines Handwerkers. Und er lebt auch deshalb noch bei den Eltern, weil er fast nie daheim ist und ein Leben als Sport-Nomade führt.

Rund 200 Trainingstage im Jahr verbringt er im Ausland. In Bulgarien, Ukraine, Polen, Rumänien, Russland oder Georgien misst er sich mit der Elite seines Fachs. «Es ist eine Investition. Wenn du der Beste werden willst, muss du zu den Besten gehen», sagte Reichmuth.

Mit dem Gewinn von Militär-WM-Bronze hatte er sich bereits 2018 bewiesen, dass er mit Topleuten nicht nur mitringen, sondern diese auch bezwingen kann. Und im vorolympischen Jahr liess Reichmuth nun bei der ersten Möglichkeit zur direkten Olympiaqualifikation gegen die stärkstmögliche Konkurrenz den bisherigen Karrierehöhepunkt folgen.

Die vielen Auslandaufenthalte haben einen Stilexperten aus ihm gemacht. «Die Osteuropäer sind sehr variantenreich und eher die Filigrantechniker. Die Amerikaner dagegen mehr die Bulldozer.» In den USA kämpfte er 2017 während dreier Monate für die Cornell University im Bundesstaat New York.

Von einem Status wie in den USA kann dieser Sport hierzulande nur träumen. Reichmuth kann und will sich aber nicht beklagen. Er profitiert dank zahlloser freiwilliger Helfer von einem «ungemein professionellen» Umfeld. «Ohne die breite Unterstützung von Familie und Freunden wäre der Gewinn der WM-Medaille nicht möglich gewesen. Ich habe Support in der Buchhaltung, den Social-Media-Kanälen und, und, und. Ich bin allen Helfern sehr dankbar.»

Er will auch bei Olympia auftrumpfen

Und dann? Reichmuth deutet es bereits im Whatsapp-Profil an: «You say I dream too big, I say you think too small...»(«Du sagst mir, ich träume zu gross, ich sage dir, du denkst zu klein»). Den nächsten grossen Wurf hat er im Hinterkopf. «Es ist Zeit für eine Schweizer Olympiamedaille im Ringen. Schliesslich sind die Haare von Hugo Dietsche längst grau», flachste Reichmuth und zwinkerte dabei seinem Nationalteamkollegen Marc Dietsche zu, dem Sohn von Hugo Dietsche.

Am Montag wurde Stefan Reichmuth von der Ringerfamilie und seinen Verwandten und Bekannten am Flughafen Zürich und in Willisau ein überaus würdiger Empfang bereitet. Nun gönnt er sich ein paar Ferientage auf Ibiza. Danach will er in der laufenden Teammeisterschaft einen substanziellen Beitrag für den Gewinn des 14. Meistertitels der Willisau Lions leisten.

Einen wesentlichen Anteil am Erfolg von Stefan Reichmuth hat der seit zweieinhalb Jahren beim Verband Swiss Wrestling angestellte Freistil-Nationaltrainer Nicola Ghita. Der Rumäne war selber vierfacher Olympiateilnehmer und hat in der gleichen Gewichtsklasse wie Reichmuth gerungen. «Dieser Trainer ist für mich ein Mentor – und ein Glücksfall. Ich profitiere enorm viel von seinen Erfahrungen.»