REITEN: Rutschis Rutsch ins Glück

Steve Guerdat darf nicht an die Europameisterschaften nach Aachen, und Pius Schwizer kann nicht. Dank einem Alberswiler ist Luzern mit zwei Akteuren vertreten.

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Sind bereit für die EM: Niklaus Rutschi (links) und Paul Estermann in Hildisrieden in der Box von Milly. (Bild Nadia Schärli)

Sind bereit für die EM: Niklaus Rutschi (links) und Paul Estermann in Hildisrieden in der Box von Milly. (Bild Nadia Schärli)

Theres Bühlmann

Im Alter von 49 Jahren klappt es: Der in Alberswil wohnhafte Niklaus Rutschi nimmt erstmals als Elitereiter an einem internationalen Grossanlass teil. Er reist als fünfter Schweizer mit den bereits vor drei Wochen selektionierten Romain Duguet (Muri bei Bern/Quorida de Treho), Paul Estermann (Hildisrieden/Castlefield Eclipse), Martin Fuchs (Bietenholz/Clooney) und Janika Sprunger (Bubendorf/Bonne Chance) und zusammen mit seinem zwölfjährigen Wallach Windsor an die EM nach Aachen (19. bis 23. August).

Seine Selektion wurde am Montagabend mitgeteilt, nachdem bekannt geworden war, dass die Sperre von Steve Guerdats Olympiapferd Nino des Buissonnets bis 19. September aufrechterhalten wird. Sowohl Nino als auch Nasa, das zweite Pferd des Olympiasiegers, wurden auf verbotene Substanzen getestet (Ausgabe vom 22. Juli). Bei einer telefonischen Anhörung durch den Weltverband versicherte Guerdat (33), dass der positive Befund auf eine Verunreinigung durch Futtermittel zurückzuführen sei; die provisorische Sperre gegen ihn wurde am 27. Juli aufgehoben.

Schwizer muss passen

Mit dem aus Eich stammenden und in Oensingen wohnhaften Pius Schwizer fällt eine weitere Teamstütze aus, da der junge Hengst Giovanni van Het Scheefkasteel eher mässige Leistungen zeigte. Nach einem Gespräch mit Teamchef Andy Kistler (Reichenburg) verzichtet Schwizer auf einen EM-Einsatz. Rutschi erhielt gegenüber Christina Liebherr den Vorzug. «Für ihn sprach die Konstanz während der ganzen Saison», sagte Kistler. Vor allem von dessen Einsatz am letzten Wochenende beim CSIO in Dublin zeigte sich Kistler beeindruck: «Mit seinem Nullfehlerritt als Schlussreiter sicherte er der Schweiz im Nationenpreis den dritten Rang.»

Herausforderung für die Schweiz

Er habe gewusst, dass er ein Thema für die EM-Selektion sei und im erweiterten Kader auftauche, sagte der gelernte Metzger Rutschi, der verheiratet und Vater zweier Söhne im Alter von 19 und 21 Jahren ist. Die Söhne übrigens hegen keine reiterlichen Ambitionen. Starke Resultate erzielte Rutschi schon früher, «aber das reichte eben damals nicht». Nun freut sich der aus Oberdiessbach stammende Akteur («ich bin ein Heimweh-Emmentaler»), der seit fast 20 Jahren in Alberswil als eidgenössisch diplomierter Reitlehrer Pferde und Reiter ausbildet, auf die Herausforderung in Aachen. Und diese hat es in sich: Nachdem es der Schweiz an der WM 2014 nicht gelungen war, den angestrebten 5. Platz und somit die direkte Team-Qualifikation für die Olympischen Spiele 2016 zu holen, bietet sich in Deutschland die letzte Chance. Bereits qualifiziert sind Deutschland, Holland, Frankreich und Schweden. Die restlichen Equipen kämpfen noch um drei zu vergebende Plätze für Europa, nebst der Schweiz sind dies unter anderen Olympiasieger Grossbritannien, die starken Mannschaften aus Irland, Italien und Belgien.

Einen grossen Aufwand an Trainingseinheiten wird Rutschi nicht mehr absolvieren, «es geht jetzt nach Dublin darum, etwas runterzufahren und gesund zu bleiben». Und selbstverständlich ist Rio de Janeiro 2016 das ganz grosse Ziel des Niklaus Rutschi.

Kistler vertraut dem Team

«Wir gehen gut vorbereitet in diesen Wettkampf, bilden ein starkes Team, welches mein ganzes Vertrauen hat», sagte Kistler. Dieser äusserte sich übrigens sehr enttäuscht, dass die Sperre von Guerdats Pferd Nino bestehen bleibt. «Wir haben alles Mögliche unternommen und konnten auch beweisen, dass es sich um eine Verunreinigung des Futtermittels durch Schlafmohnsamen handelt.»

Guerdat sei sehr enttäuscht, dass er den Schweizern in Aachen nicht helfen könne, das angestrebte Ziel zu erreichen, so Kistler. Aber es gelte jetzt, sich auf den Sport zu konzentrieren und dafür zu sorgen, das Guerdat seinen Titel in Rio verteidigen könne. Oder auf einen Nenner gebracht, die Schweiz muss in Aachen einen Spitzenplatz im Teamwettkampf belegen. Welche vier Paare diesen bestreiten, entscheidet sich am 18. August nach dem Training. Wer über die Klinge springen muss, hat übrigens nicht vergebens die lange Reise nach Aachen gemacht, denn auch für den fünften Reiter bieten sich drei Startmöglichkeiten. Sollte die Schweiz die Olympiaqualifikation mit dem Team verpassen, würde noch die Möglichkeit bestehen, Einzelreiter nach Brasilien zu entsenden. «So weit denken wir aber gar nicht», sagte Kistler. Verständlich, denn für Europa stehen lediglich zwei Plätze für Einzelreiter zur Disposition.

Sicherer Wert Paul Estermann

Als zweiter Luzerner ist Paul Estermann (52) aus Hildisrieden im Schweizer EM-Team. Sein Pferd Castlefield Eclipse, auch Milly genannt, habe sich von Wettkampf zu Wettkampf gesteigert, so Estermann. Er verhehlt nicht, dass die Aufgabe in Aachen nicht ganz einfach sei, «denn es versteht sich, dass wir der Mannschaft alles unterordnen und persönliche Ambitionen erst einmal hintanstellen». Gefragt sei die Dosis zwischen forschem Vorwärtsreiten und einer gewissen Zurückhaltung. Der Landwirt findet übrigens viel Lob für die immer wieder zitierte aussergewöhnliche Atmosphäre mit den Tausenden von Zuschauern in Aachen. «Dieser Ort ist schon sehr speziell, und es macht grossen Spass, dort einzureiten.»

Beste Voraussetzungen also, das ganz grosse Ziel zu erreichen.