RINGEN: Napfringer will Farbe bekennen

Marco Hodel (21) ist nach einer Verletzung früher als erwartet zurückgekehrt. Das Hergiswiler Talent will morgen Samstag im Halbfinal gegen Kriessern sämtliche Register seines Könnens ziehen.

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Marco Hodel zwischen Verbindungskabeln im Labor des Technikums in Horw, wo er studiert.
Bild Philipp Schmidli (Bild Philipp Schmidli)

Marco Hodel zwischen Verbindungskabeln im Labor des Technikums in Horw, wo er studiert. Bild Philipp Schmidli (Bild Philipp Schmidli)

Simon Gerber

Marco Hodel kommt am vergangenen späten Dienstagnachmittag von der Fachhochschule in Horw und macht für das Gespräch einen kurzen Zwischenstopp im Restaurant Schützenhaus auf der Luzerner Allmend. Seit vergangenem September und für die nächsten drei Jahre pendelt er unter der Woche zwischen dem Napfdorf Hergiswil und Horw, und das notabene alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Verbindungen klappen bestens. «Aus finanziellen Gründen kann ich mir keine eigene Wohnung und auch kein Auto leisten. Bei den Eltern bin ich derzeit am besten aufgehoben», erzählt Marco Hodel.

Nachdem er seine Lehre als Elektroinstallateur erfolgreich abgeschlossen hatte, besuchte er ein Jahr lang die Berufsmittelschule. Für ihn wäre auch eine Ausbildung bei der Polizei in Frage gekommen. Schliesslich habe er sich für ein Studium an der ­Fachhochschule für Technik und Architektur im Bereich Gebäudetechnik entschieden. Die Energie sei eine Sparte mit viel Potenzial, und Energie hat Hodel auch im Ringsport. Er zählt mit seinen 21 Jahren beim zweifachen Schweizer Meister Hergiswil bereits zum harten Kern.

Russen aufs Kreuz gelegt

Marco Hodel ist ein eher ruhiger und zurückhaltender Typ. Doch wenn es um den Ringsport geht, ist er im Element. Seine beiden Cousins Patrick und Philipp Kunz haben ihn im Alter von sechs Jahren für den Zweikampf auf der ­Matte inspiriert. Es habe sofort gefunkt. Hodel hat bei den Napfringern alle Stufen – vom Schüler bis zum Eliteringer – durchlaufen. Dabei sei Peter Kunz sein grösster Förderer gewesen, sagt der Freistilspezialist. Unter den Fittichen des lang­jährigen Trainers Johnny Marosvölgyi sei er zum Spitzenringer gereift. «Von ihm habe ich technisch und taktisch sehr viel profitiert», sagt Hodel. Er sei sowohl aus dem Stand als auch am Boden vielseitiger geworden. Zu seinen weiteren Qualitäten zählen die stark verbesserte mentale Einstellung, die Kampfübersicht, der gesunde Ehrgeiz und Trainingsfleiss. Oft habe er einige Duelle erst in den letzten Sekunden verloren. Jetzt bleibe er auch bei einem Rückstand ruhig und könne mit Kämpferherz zuletzt auch dank einer guten Kondition noch zusetzen. Als sein absolutes Highlight bezeichnet er den 5. Platz an den Europameisterschaften der Kadetten 2011 in Warschau. An diesem Wettkampf besiegte er einen Russen auf die Schulter, was einer kleinen Sensation gleich kam.

Wegen des Studiums hat sich Hodel inzwischen vom internationalen Parkett verabschiedet. Er legt den Fokus nun auf die nationalen Meisterschaften. Dieses Jahr hat er in der Gewichtsklasse bis 70 Kilogramm sowohl im Freistil als auch im Greco die Silbermedaille gewonnen. Sein sportlicher Appetit sei sehr gross, 2016 den ersten Meistertitel in seiner Karriere zu holen.

Kreuzbandriss im April

Ende April dieses Jahres zog sich Marco Hodel einen Kreuzbandriss am rechten Knie zu. Einen Monat später wurde er operiert. Doch das Hergiswiler Urgestein ist ein Kämpfer, schnell arrangierte er sich mit der neuen Situation und schuftete hart an seiner Rückkehr. Viel früher als erwartet stand der junge Sportler wieder auf der Ringermatte. Seine Teamkameraden atmeten sichtbar auf. Leistungsmässig sei er noch nicht dort, wo er sein möchte. «Obwohl ich die Duelle in den beiden letzten Qualifikationsrunden gewonnen habe, gibt es noch Luft nach oben», ist der mit einer Schwester aufgewachsene Luzerner Hinterländer überzeugt.

Vier Tage vor dem ersten Halbfinal (Samstag, 17.30, BBZ-Halle, Willisau) wirkt er noch entspannt, aber ein leichtes Kribbeln und eine gewisse Anspannung sind dennoch spürbar. Auf den Gegner Kriessern angesprochen, zeigt sich der 1,70 Meter grosse und 70 Kilogramm schwere Athlet vorsichtig. «Als Sieger der Qualifikationsrunde sind die St. Galler favorisiert, aber nicht ausserhalb unserer Reichweite. Die Chancen stehen 50:50. Die Rolle als Jäger behagt uns sowieso besser. Bis jetzt hat noch keine Mannschaft die Karten so richtig aufgedeckt», stellt Hodel fest.

Nebst der Mannschaftsaufstellung dürften die Tagesform und das Glück über den Ausgang entscheiden. Der ehrgeizige Marco Hodel will sämtliche Register seines Könnens ziehen, damit Hergiswil zum sechsten Mal in der Vereinsgeschichte den Final erreicht. Er dürfte in seiner Gewichtsklasse auf Marc Dietsche treffen. Diesen Gegner hat der Innerschweizer bis jetzt immer bezwungen. Wenn das kein gutes Omen für den Samstag ist.