Rio wäre nicht möglich gewesen: Die Leichten haben es nun schwer im Rudern, weil das IOC Gewichtsklassen abschafft

Der Leichtgewichtsvierer von Rio verzückte 2016 die Schweiz. Für Leichtere und Kleinere dürfte Olympiagold im Rudern künftig nicht mehr möglich sein.

Raphael Gutzwiller
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Eine Sternstunde im Leichtgewichtsrudern: Der Vierer holt in Rio souverän Olympiagold.

Eine Sternstunde im Leichtgewichtsrudern: Der Vierer holt in Rio souverän Olympiagold.

Laurent Gillieron / Keystone (11. August 2016)

Vielleicht war es das beste Schweizer Ruderboot der Geschichte: Der Leichtgewichtsvierer, der 2016 an den Olympischen Spielen in Rio souverän Gold holte. Mario Gyr, Simon Niepmann, Simon Schürch und Lucas Tramèr machten den Rudersport plötzlich wieder gross. Nach Rio wurde die Disziplin aus dem olympischen Programm gestrichen, für die Leichtgewichte blieb nur der Doppelzweier übrig.

Und in Paris 2024 wird keine Leichtgewichtskategorie mehr olympisch sein. Denn das Internationale Olympische Komitee (IOC) will mehr moderne Sportarten zulassen. Anstelle der Leichtgewichte soll neu Coastal Rowing, also das Rudern bei Wind und Wellen auf offenem Meer oder auf Flüssen, ins Programm genommen werden. Gewichtsklassen gibt es nur noch in Kampf- und Kraftsportarten. Damit verlieren die Ruderer ihre Sonderposition.


«Ich glaube, wir hätten auch bei den Schwergewichten mit dieser magischen Kombination Erfolge feiern können», sagt der eloquente Schlagmann des Quartetts, Mario Gyr, heute. «Aber Olympiasieger wären wir nicht geworden.» Die vier Athleten sind alle über 1,80m und damit grösser als der Durchschnittsschweizer. «Für Schwergewichtsruderer sind wir aber klein», sagt der 1,87m grosse Luzerner. Nachdem seine Teamkollegen ihre Karriere beendet hatten, versuchte sich Gyr erfolglos im Schwergewicht. 2018 trat er zurück.

Eine magische Kombination, die bei den Schweren aber nicht Olympiasieger geworden wäre (von links): Mario Gyr, Simon Niepmann, Simon Schuerch and Lucas Tramèr.

Eine magische Kombination, die bei den Schweren aber nicht Olympiasieger geworden wäre (von links): Mario Gyr, Simon Niepmann, Simon Schuerch and Lucas Tramèr.

Laurent Gillieron/Keystone (Rio, 11. August 2016)


Den Weg von den Leicht- zu den Schwergewichten ist schwer. Mindestens 15 Kilogramm an Muskelmasse muss ein Leichtgewichtsruderer zulegen, will er eine Chance haben. Es ist ein Weg, den trotzdem immer mehr Athleten einschlagen. «Früher gab es den Wechsel fast nie. Nun kommt er häufig vor», beobachtet Christian Stofer, Direktor des Ruderverbands.

Joel Schürch (links) ist 1,87m gross - vom Schweizer Vierer ohne Steuermann ist er der kleinste. Seine drei Teamkollegen (von links): Nicolas Kamber, Paul Jaquot und Markus Kessler.

Joel Schürch (links) ist 1,87m gross - vom Schweizer Vierer ohne Steuermann ist er der kleinste. Seine drei Teamkollegen (von links): Nicolas Kamber, Paul Jaquot und Markus Kessler.

Bild: Keystone


Das Schweizer Musterbeispiel ist Joel Schürch, der jüngere Bruder von Olympiasieger Simon Schürch. In Rio war er als Ersatzmann für den Olympia-Vierer dabei, musste sich nach der Abschaffung seiner Paradedisziplin aber neu orientieren. «Ich war damals wütend», sagt Schürch. «Wir hatten ein enorm starkes Leichtgewichts-Team. Wir hätten einen Generationenwechsel machen können und wären weiter erfolgreich gewesen.» Stattdessen entschied sich Schürch dafür, zur offenen Kategorie zu wechseln. Dazu war aber viel Geduld nötig. Zunächst kämpfte Schürch mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber, später mit kleineren Verletzungen. Gemeinsam mit Ernährungsberater Christoph Mannhart baute er seinen Körper langsam auf. Heute ist er 20 Kilogramm schwerer als zu seinen Zeiten als Leichtgewicht. Mit dem neuen Gewicht lernte Joel Schürch das Rudern neu. Die Technik sei eine andere, das Eigengewicht müsse man zu seinem Vorteil nutzen. Der Plan des 1,87m grossen Ruderers ging auf. Der schwere Vierer ohne Steuermann hat die Olympiaqualifikation geschafft.

Versuchte nach erfolgreicher Leichtgewichts-Karriere den Wechsel: der zweifache Europameister Michael Schmid.

Versuchte nach erfolgreicher Leichtgewichts-Karriere den Wechsel: der zweifache Europameister Michael Schmid.

Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 8. Juli 2017)


Einen ähnlichen Wechsel versuchte auch Michael Schmid. Dem zweifachen Europameister im Leichtgewichts-Skiff kämpfte mit Verletzungen, weil er immer unter seinem natürlichen Gewicht sein musste. Zwar ist Schmid mit 1,78 nicht riesig, er hat aber nicht den Körperbau des schlanken Gyr. Darum musste er hungern. Oder das Gewicht ausschwitzen, wie es in der Rudersprache heisst. «Ich musste immer schauen, dass ich unter der Gewichtsgrenze von 72,5 kg liege», sagt er. Zwar traut sich Schmid zu, dass für ihn auch bei den Schwergewichten eine gute Karriere möglich gewesen wäre. «Aber so viele Titel wie im Leichtgewicht hätte ich nicht geholt.» Zum Vergleich: Der amtierende Welt- und Europameister im Skiff, der Deutsche Oliver Zeidler, ist 2,03m gross. «Rein vom Hebelgesetz her ist es als kleiner Ruderer schwierig da mitzuhalten.» Wie bei Gyr hätte der Wechsel wohl mehr Zeit benötigt. Stattdessen trat Schmid zurück.

Nach der Abschaffung des Leichtgewichtsrudern gibt es auch ungewöhnliche Wege. Schmids einstiger Konkurrent, der Deutsche Jason Osborn, wird nach den nächsten Olympischen Spielen Radfahrer. Mit seinen 1,78m rechnet er sich in der offenen Kategorie weniger Chancen aus als auf dem Rad.

Probierte es an der WM bei den Schwergewichten, rudert aber wieder bei den Leichten: Sofia Meakin (vorne), zusammen mit Eline Rol.

Probierte es an der WM bei den Schwergewichten, rudert aber wieder bei den Leichten: Sofia Meakin (vorne), zusammen mit Eline Rol.

Bild: Keystone (Sarnen, 21. Mai 2020)

Einen kurzzeitigen Wechsel vollzog die Genferin Sofia Meakin. An der WM im letzten Jahr startete sie plötzlich im Doppelzweier der Schwergewichte, nun greift sie wieder als Leichtgewicht an. Zwar ist Meakin mit ihren 1,83m eher gross für eine Frau, aber sie ist schlank gebaut. «Für mich ist die Chance bei den Leichtgewichten derzeit grösser», sagt sie. Ob sie nach Tokio einen Wechsel anstrebt, lässt sie offen. Dass es auch als kleiner Mensch möglich ist, gut zu rudern, zeigt derweil seit Jahren Jeannine Gmelin. Die Zürcherin, die 1,71m gross ist, zählt zu den weltbesten Skifferinnen.

Die Tradition der kleinen Schweizer

Holten den Olympiasieg 1996: Die St. Galler Brüder Michael (rechts) und Markus Gier. (AP Photo/David J. Phillip)

Holten den Olympiasieg 1996: Die St. Galler Brüder Michael (rechts) und Markus Gier. (AP Photo/David J. Phillip)

David J. Phillip / AP (Georgia, 22. Juli 1996)

Leichtgewichtsrudern hat in der Schweiz Tradition. Die St. Galler Brüder Markus und Michael Gier holten 1996 in Atlanta Gold im Doppelzweier. In der Folge brachte die Schweiz immer wieder erfolgreiche Leichtgewichtsruderer hervor. Auch darum, weil die Schweiz im Vergleich zu anderen Rudernationen wie Deutschland, den Niederlanden oder Australien kleinere Menschen hat. Der Schweizer Verband hat sich für die Leichtgewichte eingesetzt – blieb aber ohne Chance. Somit verbleiben die Leichtgewichte zwar im internationalen Kalender, werden aber nicht mehr von Swiss Olympic finanziell unterstützt.

Darum ist es beim Rudern nun so, wie es bei anderen Sportarten wie Schwimmen, Volleyball oder Basketball schon lange ist: Wer klein ist, hat es schwer.

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