Röthlin will erneut bester Nichtafrikaner werden

«Das Rennen meines Lebens» zum möglichen Karriere-Abschluss will Viktor Röthlin (38) am Sonntag in London zeigen. Sein Ziel im Olympiamarathon: bester Nichtafrikaner.

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Viktor Röthlin, hier bei der Olympia-Vorschau-Medienkonferenz auf der Melchsee-Frutt. (Bild: Keystone)

Viktor Röthlin, hier bei der Olympia-Vorschau-Medienkonferenz auf der Melchsee-Frutt. (Bild: Keystone)

Die Kenianer und die Äthiopier sind von einem anderen Stern», sagte der Schweizer Europameister von 2010 und Olympia-Sechste von 2008 in Peking. Und da gibt es noch eine Reihe anderer Afrikaner neben den Trios aus den zwei Spitzen-Nationen. «Es wäre Wahnsinn, wenn ich die Top 8 wie in Peking wieder erreichen würde», stellte der Innerschweizer fest.

Unter 107 gemeldeten Konkurrenten belegt er bezüglich persönlicher Bestzeit (2:07:23) den 11. Rang und bezüglich Meldeleistung (2:08:32), dem jeweils besten Resultat aus den beiden letzten Jahren, den 16. Platz.

Die Voraussetzungen, um einen starken Marathon (den 24. seiner Karriere) zeigen zu können, sind gut. Er habe eine spannende Vorbereitung gehabt, erzählte Röthlin am Freitag in London, wohin er nach einem Kurztrip zur Eröffnungsfeier wieder zurückgekehrt war. 8200 km absolvierte er in den letzten zwölf Monaten, das ist so weit wie von der Schweiz ans Nordkap und zurück. Ohne gesundheitliche oder andere Probleme konnte er «den Plan A durchziehen, mit Trainingsblöcken in Melchsee-Frutt und im Engadin». Beim Abschlusstraining auf dem Kerenzerberg stellte Röthlin Werte fest, die ihn zuversichtlich stimmen.

Der Schweizer, der bereits die vierten Olympischen Spiele als Marathonläufer absolviert, erwartet ein Rennen, «das viele Geschichten schreiben wird. Ich hoffe, dass ich das erste Bleichgesicht im Ziel bin», sagte er schmunzelnd. Als seine gefährlichsten Rivalen auf dem Weg als bester Nichtafrikaner bezeichnete Röthlin den Amerikaner Ryan Hall, den Japaner Arata Fujiwara und den Polen Henryk Szost. Aus der Sicht von Langstrecken-Nationaltrainer Fritz Schmocker kommen 23 Läufer für einen Platz unter den ersten acht in Frage.

Sein guter Trainingszustand liess kurzfristig sogar den Gedanken aufbringen, gescheiter einen schnellen Marathon, zum Beispiel in Berlin, anstelle des olympischen Rennens zu bestreiten. Für eine persönliche Bestzeit am Sonntag in London bräuchte es laut Röthlin ein sehr kontinuierliches, aber auch nicht zu hohes Tempo, «aber einen solchen Rennverlauf wird es nicht geben.»

Anderseits konstatierte Röthlin zu Hause, wo er von den Olympischen Spielen am TV wesentlich mehr mitbekam als 2004 in Athen oder 2008 in der Trainingsabgeschiedenheit von Peking, beim Frauenmarathon, dass es sehr wohl erfolgreich sein kann, sein eigenes Rennen zu laufen. Die Russin Tatjana Petrowa ging nicht mit den Afrikanerinnen mit, als diese das Tempo verschärften, und hatte am Schluss die Kraft zum Gewinn der Bronzemedaille.

Die Besonderheiten der Strecke liegen darin, dass es sich um einen Rundkurs in der Stadt handelt, mit vielen Kurven und (bei Regen) rutschigen Stellen. Die Verpflegung wird nicht alle 5 km erfolgen, sondern unregelmässig, und zwar mit neun Posten statt acht wie üblich. Auf diese Dinge haben sich Röthlin und seine Betreuer vorbereitet.

Sein Kühlkonzept, womit Röthlin bei den WM 2007 in Osaka, 2008 in Peking und bei den EM 2010 in Barcelona erfolgreich war, hat er weiterentwickelt. Auch in London, wo die Temperatur wohl nicht ganz so hoch sein wird, will er mit kühlender Flüssigkeit und kühlen Schweissbändern arbeiten. Ausserdem sind die Trinkflaschen, die Röthlin von seinen Betreuern bei der Verpflegung überreicht werden, aussen herum mit Liquid-Eis versehen, das er zur Abkühlung einsetzen kann. «Wichtig fürs Wohlbefinden ist die Kühlung der Partien am Hals und am Handgelenk», sagte Röthlin.

In Peking dachte Röthlin, er bestreite seinen letzten Olympia-Marathon, jetzt ist er «sicher, dass es der letzte ist.» Ob Röthlin bis zur Heim-EM 2014 in Zürich weiter läuft, hat er noch nicht entschieden.

Peter A. Frei

Röthlins Marathonläufe im Zeitraffer

Nummer 1 Hamburg, April 1999 (2:13:36). Nun war klar: die sportliche Zukunft heisst Marathon. - 2 Berlin, Herbst 1999 (Aufgabe). Mit der Krise in der ersten Rennhälfte kam der Schweizer nicht zurecht. - 3 Rotterdam, Frühling 2000 (2:12:53). Röthlin unterbot die Olympia-Limite für Sydney um sieben Sekunden, obwohl er bei km 40 noch deren zehn Rückstand auf die Marschtabelle hatte. - 4 Sydney, Olympia-Marathon 2000 (2:20:06). Ein Bubentraum ging in Erfüllung. - 5 Rotterdam, Frühling 2001 (2:12:22). Wieder unterbot Röthlin die Limite für einen Grossanlass, diesmal um acht Sekunden. Allerdings gab er dem Angriff auf den Schweizer Rekord gegenüber der WM-Teilnahme in Edmonton den Vorzug.

6 Berlin, Herbst 2001 (2:10:54/Schweizer Rekord). Zuvor waren die 2:11:10 die grosse Schweizer Marathonzeit. Röthlin lief als Achter durchs Ziel, jubelte aber wie der Sieger. -7 München, EM-Marathon 2002 (2:16:16). Zweimal gestürzt, viel Frust. - 8 Zürich, Frühling 2003 (2:11:04). Rang 2 nach starkem Schlussabschnitt. - 9 Paris, WM-Marathon 2003 (2:11:14). Der 14. Rang war ein gutes Resultat. - 10 Zürich, Frühling 2004 (2:09:55/Schweizer Rekord/1. Rang). Endlich blieb er unter 2:10 Stunden, was damals noch als Eintrittskarte zur Weltklasse galt.

11 Athen, Olympiamarathon 2004 (Aufgabe). Trotz Problemen in der Vorbereitung ging Röthlin an den Start. Den Vorwurf, es nicht zu versucht zu haben, musste er sich nicht gefallen lassen. Doch sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich. Heute würde Röthlin unter diesen Voraussetzungen nicht mehr starten. - 12 Zürich, Frühling 2005 (2:10:59). Wegen des Olympia-Marathons konnte Röthlin bis im Dezember 2004 nicht voll trainieren. - 13 New York, November 2005 (2:11:44/7. Rang). Der Schweizer setzte international die erste grosse Marke. - 14 Göteborg, EM-Marathon 2006 (2:11:50/Silber). 18 Sekunden trennten ihn von Stefano Baldini. «Ich war der beste Nicht-Olympiasieger», witzelte Röthlin. - 15 Zürich, Frühling 2007 (2:08:20/Schweizer Rekord/1. Rang). Der Obwaldner setzte seine Ansage, Rekord zu laufen, eindrücklich um.

16 Osaka 2007, WM-Marathon (2:17:25/Bronze). Der Schweizer lief in der schwülen Hitze um «sein Leben». Bei km 40 war er noch Sechster, danach profitierte er von seinem Spezialtraining. Nach 35-km-Läufen im normalen Tempo hatte er sich jeweils mit fünf schnellen 1000-m-Einheiten gequält. - 17 Tokio, Februar 2008 (2:07:23/Schweizer Rekord/1.). Mit der Verbesserung des Schweizer Rekords um fast eine Minute hievte sich der Schweizer in den erweiterten Favoritenkreis für Peking. - 18 Peking, Olympia-Marathon 2008 (2:10:35/6. Rang/Diplom). Röthlin stand leistungsmässig im Zenit. - 19 Barcelona, EM-Marathon 2010 (2:15:31/Gold). Die Sportöffentlichkeit rieb sich die Augen. Nach zwei Lungenembolien und einer Fersenoperation sowie einer Vorbereitung mit einigen Rückschlägen kam das vierte EM-Gold in der Geschichte der Schweizer Leichtathletik völlig überraschend. Perfektionist Röthlin hatte im Gegensatz zur Konkurrenz die Hitze nicht unterschätzt und zahlreiche Massnahmen ergriffen, um die Körperkerntemperatur möglichst lange tief zu halten. - 20 New York, November 2010 (Aufgabe). Wunder durften nicht erwartet werden. Die Vorbereitungszeit war zu kurz.

21 London, April 2011 (2:12:44). Die Zeit war enttäuschend. Wohl auch, weil ihn eine amateurhaft durchgeführte Blutentnahme am Vorabend ärgerte. - 22 New York, November 2011 (2:12:26). Ein Schritt vorwärts. Erstmals seit dem EM-Gold gelang ihm eine solide Leistung. - 23 Tokio, Februar 2012 (2:08:32). Röthlin erbrachte den Beweis, dass er noch schnell laufen kann. Seit dieser Leistung ist er wieder im Hoch, die Leichtigkeit ist zurückgekehrt. - 24 London, Olympiamarathon 2012. Die afrikanische Konkurrenz schient übermächtig. Selbst wenn Röthlin erneut als bester Hellhäutiger einlaufen sollte, ist ihm ein Top-Ten-Platz nicht garantiert. Ist nach London Schluss? «Ich weiss es selber nicht», beteuert Röthlin. Fände die EM 2014 nicht in Zürich statt, würde er aufhören. «Doch vor dem Schweizer Publikum mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust zu laufen, lässt keinen Sportler kalt», sagt er. Den Entscheid fällt er nach seinen vierten Olympischen Spielen. Er will ihn im Herbst publik machen.