Leitartikel zum Australian-Open-Sieg

Roger Federer im Netz der Superlative

Der 18. Grand-Slam-Titel macht Roger Federer zum Grössten der Geschichte. Weil er ein Gewinner ist, der das Verlieren lernen musste, um wieder zum Gewinner zu werden. Federers Vermächtnis geht weit über Zahlen, Rekorde und Superlative hinaus.

Simon Häring
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Roger Federer jubelt in Melbourne über seinen 18. Grand-Slam-Titel.

Roger Federer jubelt in Melbourne über seinen 18. Grand-Slam-Titel.

Keystone

Als Roger Federer die Fassung verliert, hält er noch einen Ball in der Hand. Seine Augen werden grösser, sein Mund öffnet sich, er schreit und sinkt in die Knie. Bis zuletzt wirkt er, als könnte er nicht glauben, was gerade passiert. Sein zweiter Matchball landet auf der Linie. Punkt für Federer, Satz für Federer, Match für Federer, Titel für Federer. Nach einem 6:3, 3:6, 6:1 3:6, 6:4 gegen seinen Erzrivalen Rafael Nadal (30, ATP 9) gewinnt er zum 18. Mal ein Grand-Slam-Turnier. Fast fünf Jahre nach seinem letzten Erfolg in Wimbledon.

Es hätte keinen passenderen Tag, keinen passenderen Gegner und keinen passenderen Ort geben können für die Krönung der märchenhaften Rückkehr. Auf den Tag genau vor einem Jahr hatte Federer sich beim Einlassen eines Bades für seine Töchter den Meniskus im linken Knie gerissen. Die Spätfolgen hatten ihn im letzten Sommer zum Abbruch der Saison gezwungen. Er ist nun der erste Mann, der drei Grand-Slam-Turniere mindestens fünf Mal (7 Mal Wimbledon, je 5 Mal die US Open und die Australian Open) gewonnen hat.

Weil er in der Weltrangliste weit abgerutscht war, musste er mit Berdych, Nishikori, Wawrinka und Nadal vier Spieler aus den Top Ten bezwingen. Nie zuvor war ihm das gelungen. Nie zuvor musste er auf dem Weg zum Titel drei Mal über fünf Sätze gehen. Nun kehrt er heute selber in die Top Ten der Weltrangliste zurück. Er ist nach Novak Djokovic auch der zweite Mann, der die Schallmauer von 100 Millionen Preisgeld durchbricht. 13 Jahre nach seinem ersten Sieg in Melbourne hält er eine ganze Kaskade von Rekorden.

Roger Federer gewinnt gegen Rafael Nadal die Australian Open 2017
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Überglücklich: Roger Federer stemmt den Pokal in die Höhe. Rafael Nadal erweist sich aus sehr fairer Verlierer.
Ein grosser Moment...
Natürlich lässt es sich Federer nicht nehmen, die Trophäe zu küssen.
Er hats geschafft: Roger Federer holt sich den Australian-Open-Titel!
Was für ein Comeback nach seiner halbjährigen Verletzungspause.
Was für ein Ausbruch der Emotionen.
Der Handschlag mit Rafael Nadal.
Roger Federer geniesst den Sieg – das Publikum, 15000 Zuschauer in der Rod-Laver-Arean, jubelt.
6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3 lautet das Resultat am Schluss.
Roger Federer gewinnt damit zum fünften Mal nach 2004, 2006 2007 und 2010 die Australian Open.
Für Federer ist es der 18. Grand-Slam-Titel, der erste seit Wimbledon 2012.
Rafael Nadal und Roger Federer kurz bevor das Match beginnt – es sollte ein harter Fight werden.
"Let's go Fedal": Die Vorfreude bei den Fans auf das Traumfinal ist riesig.
Das Match begann ausgeglichen. Nadal gewannt zweimal sein Aufschlagspiel sogar zu Null.
Federer gelang im ersten Satz das Break zum 4:3 – wenig später holt er sich den ersten Satz mit 6:4.
Tolle Stimmung in der Arena in Melbourne.
Im zweiten Satz muss Roger Federer gleich zweimal sein Aufschlagspiel abgeben – und liegt 0:4 hinten.
Rafael Nadal holt sich den zweiten Satz mit 6:3.
Federer gelingt das Break im dritten Satz zum 2:0. Er gewinnt ihn mit 6:1
Doch Nadal holt sich den vierten Satz mit 6:3 und gleich aus.
Rafael Nadal bei einer Pause.
Beide Spieler haben Fans hinter sich: Hier einige von Rafael Nadal.
Hier einige Federer-Fans.

Roger Federer gewinnt gegen Rafael Nadal die Australian Open 2017

EPA

Gleichzeitig werden Zahlen, Statistiken und Superlative Roger Federers Vermächtnis nicht gerecht. Die Suchmaschine Google spuckt über 30 Millionen Referenzen aus, auf Youtube befassen sich über eine halbe Million Videos mit ihm. Die Online-Buchhandlung Amazon führt über 11’000 Titel, die sich ausschliesslich oder teilweise mit ihm beschäftigen. Sie tragen Namen wie «Roger and Me: Story of an Obsession», «Spirit of a Champion» oder «Das Tennisgenie», das Standardwerk des Journalisten René Stauffer, das alleine in der Schweizer über 30’000 Mal verkauft und in neun Sprachen übersetzt wurde.

Der inzwischen verstorbene Schriftsteller David Foster Wallace erhebt Federer in einem Essay für die «New York Times» zur religiösen Erfahrung. Federer sei eine fast schon metaphysische Erscheinung. Nie sei er aus der Balance. Seltsam entkörpert schwebe er über den Platz. «Man sollte perfekt spielen können», sagt er 1995 als 15-Jähriger. «Für ihn war der Weg das Ziel, und der Weg bestand darin, die Bälle mit seinem Schläger möglichst perfekt zu treffen und zu platzieren. Davon schien er besessen zu sein. Er wollte in diesem Rechteck mit dem Netz, das ihn so faszinierte, nicht den Gegner beherrschen, sondern den Ball, den er gleichzeitig liebte und hasste», schreibt Stauffer in «Das Tennisgenie».

Obwohl uneingeschränkt bewundert, entwächst Federer in der Blüte seiner Schaffenskraft der Schweiz, wo alles geordnet, wo alles vielleicht auch ein wenig provinziell angehaucht erscheint. Es ist die Zeit, in der Roger Federer zum Unfassbaren wird. Ausdruck dessen ist, dass er 2005 zwar zwei Grand-Slam-Turniere gewinnt und zum Weltsportler gewählt wird. Schweizer Sportler des Jahres aber wird aber der Berner Motorradfahrer Tom Lüthi. Möglicherweise fällt es den Schweizern immer schwerer, Federers Lebenswelt zu verstehen, Sie erkennen sich wieder in Beat Feuz, dem Bauernsohn mit den kaputten Knie. Oder in Fabian Cancellara, dem Radfahrer mit dem hölzernen Englisch. Bei Federer aber ist alles perfekt. Er parliert gekonnt in den Landessprachern, in perfektem Englisch. Er beherrscht die gesamte Klaviatiur der Konversation, egal ob Staatsoberhaupt oder Anhänger.

Roger Federer aus Münchenstein, Baselland, wohnhaft in Valbella, Graubünden, mit Wohnsitz in Dubai, Vereinigte Arabische Emirate, wird ein Weltbürger. Doch die letzten Monate, in denen er sich an das Verlieren gewöhnen muss, in denen sein Körper immer öfter den hohen Belastungen Tribut zollt, machen ihn wieder fassbarer. Sie zeigen eine ungewohnte, wenn auch nicht gänzlich unbekannte Seite des Baselbieters. Federer, der Verletzliche. Federer, der Verwundbare. Federer, der Verlierer. Federer, ein Gewinner, der gelernt hat, zu verlieren und ein Verlierer, der durch harte Arbeit wieder zum Gewinner wird.

Um 23.40 Uhr Ortszeit erhält er wie schon 2006 aus den Händen von Rod Laver den Pokal. Wieder zeigt er grosse Emotionen. «Mir fehlen die Worte. Ich war mir nicht sicher, ob ich es schaffen würde», sagt er und bedankt sich bei seinem Team. Bei seiner Ehefrau Mirka, bei seinen beiden Trainern, Severin Lüthi und Ivan Ljubivic, beim Physiotherapeuten Daniel Troxler, bei Manager Tony Godsick. Und er bedankt sich auch beim Publikum. In einer Form, die viele als Abschiedsworte verstehen. Nicht so Federer: “Ich hatte das Gefühl, dass es der Moment ist, um Dankbarkeit zu zeigen.” Er habe noch viel Tennis in sich, aber er wisse ja nicht, ob er jemals wieder hier spielen könne. Ob sein Körper das noch einmal zulasse.

Roger Federer ist jetzt der Grösste der Geschichte. Nicht trotz der letzten Monate, sondern gerade wegen ihnen.

Das sind die 18 Grand-Slam-Titel von Federer:

Das sind die 19 Grand Slam Titel von Roger Federer: 1) Der Anfang einer Ära. Roger Federer gewinnt in Wimbledon 2003 den Final gegen Mark Philippousis mit 7:6 (7:5), 6:2, 7:6 (7:3).
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 2) Federer holt sich seinen ersten Titel 2004 in Australien gegen Marat Safin (Russland) mit 7:6 (7:3), 6:4, 6:2.
 3) 2004 verteidigt Federer den Wimbledon-Titel gegen den US-Amerikaner Andy Roddick mit 4:6, 7:5, 7:6 (7:3), 6:4.
 4) US Open 2004: Roger Federer spielt im Final gegen Hewitt wie entfesselt, gewinnt mit 6:0, 7:6 (7:3), 6:0 und holt sich so hier den ersten Titel.
 5) Federer gewinnt 2005 seinen dritten Wimbledon-Titel. Sein Opfer Andy Roddick: 6:2, 7:6 (7:2), 6:4.
 6) 2005 triumphiert Federer über die Tennislegende Andre Agassi mit 6:3, 2:6, 7:6 (7:1), 6:1 und sichert sich seinen zweiten US-Open-Titel.
 7) Nach harten Kampf gewinnt Federer 2006 gegen Marcos Baghdatis (Zypern) die Australian Open zum zweiten Mal mit 5:7, 7:5, 6:0, 6:2.
 8) 2006 gewinnt Federer in Wimbledon gegen Rafael Nadal mit 6:0, 7:6 (7:5), 6:7 (2:7), 6:3.
 9) 2006 holt Federer den dritten US-Open-Titel in Serie. Andy Roddick muss sich mit 6:2, 4:6, 7:5, 6:1 geschlagen geben.
 10) Federer gewinnt die Australian Open 2007 zum dritten Mal. Er besiegt Fernando Gonzales (Chile) 7:6 (7:2), 6:4, 6:4.
 11) Fünfter Wimbledon-Titel in Serie im Jahr 2007. Der Gegner: Rafael Nadal. Das Resultat: 7:6 (9:7), 4:6, 7:6 (7:3), 2:6, 6:2.
 12) Novak Djokovic (Serbien) war der bessere Spieler. Dennoch gewinnt Federer die US Open 2007 mit 7:6, 7:6 und 6:4. Es ist sein vierter Titel an den US Open.
 13) Nach einer schwierigen Saison holt sich Federer im Final der US Open 2008 den Titel gegen den Schotten Andy Murray mit 6:2, 7:5, 6:2.
 14) Endlich! Roger Federer gewinnt 2009 gegen den Schweden Robin Söderling die French Open mit 6:1, 7:6 (7:1), 6:4.
 15) Federer gewinnt 2009 seinen sechsten Wimbledon-Titel gegen Andy Roddick mit 5:7, 7:6 (8:6), 7:6 (7:5), 3:6 und 16:14.
 16) Federer gewinnt das Australian Open 2010 in Melbourne gegen Andy Murray mit 6:3, 6:4, 7:6 (13:11).
 17) Wimbledon 2012: Federer holt sich zum siebten Mal den Titel – Sieg gegen Andy Murray mit 4:6, 7:5, 6:3, 6:4.
 18) Australian Open 2017: Nach einer langen Durststrecke holt sich Roger Federer wieder einen Grand-Slam-Titel. Sieg gegen Rafael Nadal mit 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3. Es ist sein siebter Titel am Australian Open.
 19) Wimbledon 2017: Ohne Satzverlust rauscht Roger Federer in den Final und lässt dort auch Marin Cilic keine Chance. 6:3, 6:1, 6:4 lautet das klare Verdikt. Es ist zugleich Federers achter Titel in Wimbledon - Rekord.

Das sind die 19 Grand Slam Titel von Roger Federer: 1) Der Anfang einer Ära. Roger Federer gewinnt in Wimbledon 2003 den Final gegen Mark Philippousis mit 7:6 (7:5), 6:2, 7:6 (7:3).