Rollstuhlsport: Neue Perspektiven für Marcel Hug, Manuela Schär und Co. in Nottwil

In Nottwil ist eine Rollen-Trainingshalle für querschnittgelähmte Sportlerinnen und Sportler eröffnet worden.

Jörg Greb
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Marcel Hug trainiert erstmals in der neu erbauten Rollen-Trainingshalle.

Marcel Hug trainiert erstmals in der neu erbauten Rollen-Trainingshalle.

Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung (Nottwil, 4. Dezember 2019)

Er sei überwältigt, sagte Marcel Hug (33). Der Vorzeige-Rollstuhlathlet trainierte gestern zum ersten Mal am neuen Nottwiler Trainingsort – und sagte: «Da gibt es viel zu entdecken und zu bestaunen.» Als «zusätzliche Motivation» sieht der Weltklasse-Athlet mit dem grossartigen Leistungsausweis die Trainingshalle, «gerade im Hinblick auf die Paralympics vom nächsten Sommer in Tokio», wie er betont. Zusammen mit etlichen andern Parasportlern forderte er gestern seinen Körper nach knapp zweieinhalbwöchiger Saisonpause erstmals wieder.

Die neue Trainingshalle steht in Kontrast zu den bisherigen Möglichkeiten. Stets prekärer waren die Platzverhältnisse wegen der Bautätigkeit und des wachsenden Raumbedarfs geworden. Konnten die Para- und Tetraplegiker aufgrund des Wetters, der Temperaturen oder der Trainingsphase nicht im Freien üben, taten sie dies in den Gängen des SPZ auf ihren Rollen. «Das war nicht nur nicht ideal, es war auch je länger, je mehr belastend und unwürdig», sagt Projektleiter Stefan Dürger. Und: Es war eine ungünstige Situation im Hinblick auf die Paralympics.

Zu den 20 Trainingsrollen für Rennrollstühle und den 12 für Handbikes gesellen sich vier Handbike-Kurbeln sowie diverse Stationen für Leistungsmessungen.

Zu den 20 Trainingsrollen für Rennrollstühle und den 12 für Handbikes gesellen sich vier Handbike-Kurbeln sowie diverse Stationen für Leistungsmessungen.

Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung (Nottwil, 4. Dezember 2019)

Von der Idee zur Realisierung in einem Jahr

Die Idee einer Trainingshalle begann sich Ende 2018 zu konkretisieren. Zeitdruck herrschte, wollte man doch bereits im Hinblick auf Tokio 2020 profitieren. Kooperatives Zusammenarbeiten und Zusammenspannen hat Vorzügliches ermöglicht. Da war zum Beispiel die Frage der Örtlichkeit. Von Heinz Frei, dem seit drei Jahrzehnten herausragenden Rollstuhlsportler und Handbiker, kam die Idee, die Halle oberhalb der Leichtathletikanlage und auf den bereits bestehenden Bauten zu erstellen. Um einen idealen Standort handelt es sich: Die Nähe der verschiedenen Trainingsorte zueinander, der Lift zum Erreichen der verschiedenen Niveaus und die grosszügigen Platzverhältnisse unterstreichen dies.

7,1 Millionen Franken hat die neue Halle gekostet.

7,1 Millionen Franken hat die neue Halle gekostet.

Bild: Schweizer Paraplegiker-Stiftung (Nottwil, 4. Dezember 2019)

Der Bau entspricht den besonderen Bedürfnissen. Ebenso aber genügt er optisch höchsten Ansprüchen. Die Fensterfront ermöglicht Weitblick auf den Sempachersee und in nordöstlicher Richtung. Der Parkettboden und viel Holz an den Wänden vermitteln Wärme, und die Rückwand weckt Emotionen. Sie ist vom Luzerner Künstlerpaar QueenKong gestaltet und widmet sich dem inneren Feuer. Das Duo führte mit diversen Rollstuhlsportlern Gespräche und errichtete persönliche Schablonen. Die Bilder in der Street-Art-Form repräsentieren die Sportlerinnen und Sportler und sorgen für eine Visualisierung, die anspornt. «Fire» steht in grossen Lettern an der Wand – ein Leitmotiv.

Coach Paul Odermatt greift zu Superlativen, auch wenn ihm dies nicht entspricht: «Sensationell, ich bin überwältigt, was da entstanden ist.» Er sieht für die Zukunft «ein ganz anderes Arbeiten» und ist überzeugt davon, dass sich dies in der Motivation und in den Leistungen der Athletinnen und Athleten widerspiegelt. Zu den 20 Trainingsrollen für Rennrollstühle und den 12 für Handbikes gesellen sich vier Handbike-Kurbeln sowie diverse Stationen für Leistungsmessungen. Neben Garderoben, Duschen und Toiletten stehen den Sportlerinnen und Sportlern zwischen 5 und 62 Jahren auch zwei Massageliegen sowie eine Werkstatt zur Verfügung. Letztere ermöglicht, dass die Nutzer ihre Sportgeräte schnell und unkompliziert einstellen und reparieren können. Die Finanzierung des 7,1-Millionen-Projektes ist zu einem Grossteil durch zusätzliche Beiträge der Gönner abgedeckt.