Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Rückkehr ins Velo-Land

Am Samstag startet die Tour de France in der Vendée. Die Region im Nordwesten Frankreichs hat eine grosse Radsport-Tradition – doch auf die ganz grossen Erfolge wartet man in Zeiten des globalen Sponsorings wohl vergebens.
Tom Mustroph
18-facher Tour-Teilnehmer Sylvain Chavanel bei einem Zeitfahren der Schweiz-Rundfahrt 2017. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Cham, 10. Juni 2017))

18-facher Tour-Teilnehmer Sylvain Chavanel bei einem Zeitfahren der Schweiz-Rundfahrt 2017. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Cham, 10. Juni 2017))

Die Vendée gilt als die Velo-Region schlechthin in Frankreich. Über 1000 km Velowege und 350 lokale Rennen gibt es im Departement im Nordwesten Frankreichs zwischen Nantes und La Rochelle. Von Velo-Nostalgikern wurde vor sieben Jahren sogar eine Erinnerungstour auf den Spuren von Ernest Pivin, 1903 der einzige Teilnehmer an der ersten Tour de France aus der Region, organisiert. Pivin absolvierte damals fünf Etappen, den sechsten und letzten Abschnitt nahm er nicht mehr in Angriff.

Aktuell hat das Profiteam Direct Energy hier seinen Sitz. Zu dessen Kader gehört Sylvain Chavanel mit dann 18 Tourteilnahmen. Von der Tour selbst wurde die Region allerdings lange stiefmütterlich behandelt. Die Fixierung auf Auslandsstarts, Alpen und Pyrenäen liess geografisch kaum Platz für die Ecke im Nordwesten. Der Grand Départ 2018 bringt beide wieder etwas zusammen.

Als der «bretonische Dachs» am Stilfser Joch schwächelte

Manch Tour-de-France-Besucher dürfte seinen Augen nicht trauen, wenn er in Antigny, etwa 20 km vom Zielort der ersten Touretappe entfernt, auf ein Schild mit der Aufschrift «Stelvio» stösst. Die Pizzeria ist benannt nach dem Stilfser Joch, dem legendären Alpenpass in den Ostalpen. Dass in der Vendée, der von Atlantikwinden zerzausten Region, ein Etablissement nicht «Tourmalet» oder «Ventoux» heisst, sondern einen Velosportgipfel im weit entfernten Italien ehrt, sagt schon viel aus über die Leidenschaft für das Velo hier.

Patron des «Stelvio» ist Jean-René Bernaudeau. 1980 begleitete er seinen Captain Bernard Hinault zum Giro. Der «bretonische Dachs» schwächelte damals ein wenig, weshalb die Teamleitung auf die Idee verfiel, den Helfer vorauszuschicken. Der jagte auch als Erster über den Stelvio, liess auf der Etappe aber seinen Captain aufschliessen und führte ihn so ins rosa Trikot. Hinault überliess damals Bernaudeau den Tagessieg. An diese Grosstat erinnert die Pizzeria.

Die Talente folgten dem Ruf des Geldes

Die Träume des Prinzipals, den Radsport auch als Manager zu prägen, gingen nicht ganz so auf. 1991 hatte er bereits Vendée U gegründet, ein Team, das die lokalen Talente fördern sollte und deshalb auch Geld vom Departement erhält. Neun Jahre später hob er den Profirennstall Bonjour aus der Taufe – und nahm dabei schon einen jungen Burschen aus dem Vendée-U-Team mit zu den Grossen: Sylvain Chavanel. Bonjour, später Bouygues Telecom, danach Europcar und jetzt Direct Energy, konnte auch einige schöne Erfolge feiern. Thomas Voeckler immer wieder in Gelb, Klettererfolge durch Pierre Rolland (zwei Etappensiege) und Anthony Charteau (Bergkönig der Tour 2010) sowie Ausreissererfolge bei Tour und Vuelta durch den neuen Leader Lilian Calmejane.

Der ganz grosse Wurf gelang den durch Bernaudeau geführten Rennställen aber nicht. Das lag auch daran, dass die talentiertesten Fahrer dem Ruf des Geldes folgten. Chavanel erlebte seinen Leistungszenit beim belgischen Team Quick Step, Rolland hoffte auf stärkere Teamunterstützung bei grossen Rundfahrten und wechselte zu Cannondale. Kletterkönig Charteau war in eine Dopingaffäre verwickelt und zog sich vom Radsport zurück. Er stellt jetzt in der elterlichen Firma Kamine und Schornsteine her – Artikel von hohem Gebrauchswert in der zugigen Region.

Ein Ausreisserkönig und ein Statistik-Held

Bei der aktuellen Tour de France kommt Direct Energy bestenfalls für Nebenrollen in Frage. Zwar führt der Kurs der 2. Etappe recht nah am Stammsitz des Rennstalls in Les Essarts vorbei, mehr als eine bravouröse Ausreisserperformance durch Captain Lilian Calmejane ist aber nicht zu erwarten. Der 25-Jährige fuhr sich bei seinem Tour-Debüt im letzten Jahr in die Herzen vieler. Immer wieder initiierte er Fluchtgruppen, immer wieder wurde er eingefangen. Niemals gab er auf. Auf der 8. Etappe dann schlug seine grosse Stunde. Er hatte sich erneut abgesetzt, 5 km vor dem Ziel überfielen ihn dann aber Krämpfe. Er wand sich auf dem Rad. Der Vorsprung schmolz, aber irgendwie rettete er ihn ins Ziel. Calmejane, kein Kletterer, kein Zeitfahrer, kein Sprinter, ist die Reinkarnation der alten Helden. «Baroudeur» (Abenteurer) – so nennen die Franzosen diesen Fahrertyp, der etwas wagt, der Gelegenheiten kreiert – und der Geschichten schreibt. Ernest Pivin, Urbild aller Radprofis aus der Vendée, nahm an der allerersten Tour de France im Jahre 1903 teil. Er radelte damals noch die mehr als 400 km zum Start nach Paris! Der Legende nach verspeiste er beim Rennen vor lauter Heisshunger mehrere Dutzend Eier – und verschlief deshalb den Start der letzten Etappe.

Historisches kann in diesem Jahr ein anderer Baroudeur vollbringen. Sylvain Chavanel steht vor seinem 18. Tourstart. Nimmt der 39-Jährige das Rennen auf, würde er die aktuellen Mitrekordhalter Jens Voigt, George Hincapie und Stuart O’Grady mit jeweils 17 Teilnahmen abhängen.

Ein Ausreisserkönig und ein Held für die Statistik – der Grand Départ in der Vendée zeigt auch, dass der Radsport sich von seiner Traditionsregion wegentwickelt hat. Globales Sponsoring und globale Kader lassen regionalen Playern nur die Brosamen übrig.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.