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RUDERN: «Nun beginnen die Olympischen Spiele für den Kopf»

24 Stunden nach ihrer Ankunft in der Schweiz haben uns die Olympiasieger Simon Schürch und Mario Gyr besucht. Im Gespräch erzählen sie uns von ihren Zukunftsplänen, der Vorfreude aufs Skifahren und unheimlichen Begegnungen in Rio.
Interview Jonas von Flüe und Andreas Ineichen
Simon Schürch (links) und Mario Gyr bei der Lektüre unserer Ausgabe vom 12. August. Zum Poster sagen sie: «Unsere weissen Füsse hätte man nicht zeigen müssen.» (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Simon Schürch (links) und Mario Gyr bei der Lektüre unserer Ausgabe vom 12. August. Zum Poster sagen sie: «Unsere weissen Füsse hätte man nicht zeigen müssen.» (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Interview Jonas von Flüe und Andreas Ineichen

Sie wirken ausgeschlafen. Der Schenkoner Simon Schürch (25) und der Stadtluzerner Mario Gyr (31) stehen pünktlich am Eingang des Neue-LZ-Medienhauses im Luzerner Maihof-Quartier. Hinter ihnen liegt eine ereignisreiche, aufregende, aber auch strenge Zeit. Am 11. August wurden sie mit Lucas Tramèr und Simon Niepmann in Rio Olympiasieger im Leichtsgewichtsvierer. Der Höhepunkt ihrer Karriere, die Erfüllung ihres grössten Traumes.

Sichtlich stolz präsentieren die beiden ihre Goldmedaille, als sie auf einem Rundgang durch unsere Redaktion danach gefragt werden. 500 Gramm schwer ist sie, 6 Gramm Gold, 494 Gramm Silber, weiss Schürch. Die beiden nehmen sich viel Zeit, beantworten alle Fragen und signieren, ohne zu zögern, das Olympia-Poster, das eine Kollegin an ihrem Arbeitsplatz aufgehängt hat.

Mario Gyr, uns fällt auf, dass Ihre Goldmedaille bereits einen Kratzer hat. Haben Sie zu wenig Acht gegeben?

Mario Gyr (lacht): Das ist unmittelbar nach dem Wettkampf passiert. Ich musste zur Dopingkontrolle und habe sie unserem Physiotherapeuten gegeben. Als er damit Selfies gemacht hat, ist sie ihm runtergefallen. Ich hätte das im olympischen Dorf reparieren lassen können, aber der Kratzer ist auch eine schöne Erinnerung an den wundervollen Tag.

Haben Sie die Medaille seither je wieder aus den Augen gelassen?

Simon Schürch: Wenn wir uns mit anderen Athleten getroffen haben, war die Medaille natürlich immer dabei. Aber wenn wir in Nachtclubs gegangen sind, in denen nur Brasilianer waren, haben wir sie sicherheitshalber zu Hause gelassen.

Sie haben nach Ihrem Sieg noch zehn Tage in Rio verbracht. Was für einen Eindruck haben Sie von der Stadt erhalten, abseits der olympischen Wettkampfstätten?

Schürch: Rio ist eine Stadt der Extreme. In der Garage unseres Wohnblocks standen Bentleys, jeder Bewohner hatte Angestellte. Aber wir haben auch viele Leute gesehen, die unter einem Karton auf der Strasse schlafen mussten. Rio ist auch eine schwierige Stadt. Man kann unmöglich mehrere Sachen an einem Tag unternehmen, weil die Wege so weit sind. Für jede Strecke ist man zwei bis drei Stunden unterwegs. Mir ist in Rio bewusst geworden, wie toll wir es hier in der Schweiz haben. Ich klinge vielleicht wie ein 50-Jähriger, obwohl ich erst 25 bin, aber daheim am Sempachersee ist es einfach am schönsten. Ich bin richtig gerne wieder heimgekommen. Aber vielleicht waren wir auch ein wenig zu vorsichtig, zu ängstlich ...

Inwiefern waren Sie zu ängstlich?

Schürch: Wir waren nie zu Fuss unterwegs. Wenn wir einen Nachtclub verlassen haben, sind wir immer mit dem Taxi nach Hause gefahren.

Gyr: In Brasilien gibt es Menschen, die nichts zu verlieren haben. In Rio ereignen sich täglich Schiessereien, an Tankstellen, mitten auf der Strasse. Es werden Leute getötet, die nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Ich bin einmal spätnachts alleine aus einem Nachtclub gelaufen, als mir fünf betrunkene junge Männer entgegenkamen. Sofort habe ich das Schlimmste befürchtet. Ich gebe mein ganzes Geld, mein Handy, aber um die Medaille prügle ich, schoss es mir durch den Kopf. Aber es war nur eine Gruppe Betrunkener, wie es sie auch in der Schweiz gibt. Aber Heimlaufen kam für uns nicht in Frage.

Schürch: Wir haben zum Glück keine gefährliche Situation erlebt, aber natürlich haben wir mitbekommen, dass in einer Favela auf ein Team des Westschweizer Fernsehens geschossen wurde.

Sie haben bereits mehrmals von Nachtclubs gesprochen. Haben Sie auch so ausufernd gefeiert wie Usain Bolt?

Gyr: Wir haben unseren Olympiasieg gebührend gefeiert, klar, aber nicht übertrieben (schmunzelt). Und wenn, wären wir so clever und würden es für uns behalten.

Hatten Sie nach all dem harten Training überhaupt genug Energie, um die Nächte durchzufeiern?

Gyr: Die Euphorie hat uns lange wachgehalten. Aber nach drei Tagen mussten wir uns zwingen, auch mal zu Hause zu bleiben.

Schürch: Ich wurde nach drei Tagen krank, hatte starkes Halsweh. Darum bin ich zwischenzeitlich kürzergetreten.

Gyr: Nach dem Rennen wurden wir wie in einen Schüttelbecher reingeworfen. Bis zum Rennen hatten wir alles durchgeplant, unmittelbar danach prasselten so viele Eindrücke auf uns herein, wir wurden in alles hineingedrückt. Das müssen wir nun erst mal verarbeiten.

In den letzten Monaten haben Sie so viel Zeit miteinander verbracht. Können Sie sich noch riechen?

Schürch (blickt zu Gyr): Wir müssten jetzt nicht miteinander in die Ferien. Aber wir elf Ruderer waren in Rio fast immer zusammen unterwegs. Wir haben in den letzten Jahren so viel zusammen durchgestanden und waren ja nicht immer erfolgreich. Es war eher eine Achterbahnfahrt. Das schweisst zusammen.

Sie haben mehrfach betont, dass die Entscheidung, ob die Zeit des Leichtgewichtsvierers zu Ende ist, nicht vor dem Winter fallen wird. Welche Faktoren geben den Ausschlag?

Schürch: Wir müssen jetzt zunächst alles Erlebte sacken lassen und zur Ruhe kommen. Die letzten vier Jahre waren nicht immer cool. Um weiterzumachen, braucht es dasselbe Feuer wie bisher. Wir können nicht halbherzig trainieren, sondern müssten mit derselben Demut und Konzentration jeden Tag auf den See, auch im Winter, wenn es regnet oder schneit.

Gyr: Die Entscheidung ist ein Prozess und auch davon abhängig, ob der Leichtgewichtsvierer 2020 in Tokio noch olympisch ist. Das entscheidet sich im Januar.

Olympiasieger lassen sich gut vermarkten ...

Gyr: ... und würden wir in China oder Äthiopien leben, müssten wir diese Chance packen und unsere Karriere auskosten. Aber in der Schweiz hat man so viele Möglichkeiten. Wenn ich dereinst als Anwalt arbeite, ist die Sportlerkarriere zu Ende. Dann gibt es auch keine Sponsoren mehr, weil das zu einem Interessenkonflikt führen würde. In meiner Branche muss man neutral sein. Wenn ich aber wie Ariella Kaeslin noch Student wäre, würde das anders aussehen. Bevor wir mit neuen Sponsoren verhandeln, müssen wir wissen, ob es für uns überhaupt weitergeht.

Wie sieht Ihr Plan für die nächsten Tage, Wochen und Monate aus?

Schürch: Jetzt geht es in die Ferien. Am 18. September nehme ich dann mein Wirtschaftsstudium an der Universität Zürich wieder auf, das ich jetzt ein volles Jahr, bis zum Bachelor-Abschluss, durchziehen will.

Gyr: Für uns beginnen nun sozusagen die Olympischen Spiele für den Kopf. Nach meinen Ferien werde ich wieder in einer Anwaltskanzlei arbeiten, um mich bestmöglich auf die Anwaltsprüfungen vorzubereiten.

Wann ist es so weit?

Gyr: Im Dezember oder im März. Ich will mich noch nicht festlegen. Vielleicht auch im Dezember und März (lacht).

Sie sind Spitzensportler. Vermissen Sie das Training schon?

Schürch (lacht): In Rio habe ich überhaupt nicht trainiert. Aber mein Körper sagt mir schon jetzt, dass er sich wieder bewegen will. Ich werde im Herbst viel mit dem Rennvelo und dem Mountainbike unterwegs sein.

Gyr: Und ich freue mich aufs Fussballspielen mit Kollegen. Im Winter werde ich sicher ohne schlechtes Gewissen auf die Ski gehen. Das habe ich vermisst.

Können Sie denn überhaupt ohne Sport sein?

Gyr: Wir sind Spitzensportler aus Leidenschaft. Unabhängig davon, ob wir unsere Karriere fortsetzen oder nicht, müssen wir pro Woche vier bis fünf Mal trainieren. Wir müssen unser Sportlerherz abtrainieren und sozusagen aus hochgezüchteten Rennpferden Ponys machen. Ein Training pro Tag ist ja lässig. Überwindung brauchen vor allem das zweite und dritte. Vorläufig steht aber der Spass im Vordergrund.

Einmal im Leben eine olympische Goldmedaille sehen: Simon Schürch machts möglich. (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Einmal im Leben eine olympische Goldmedaille sehen: Simon Schürch machts möglich. (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Die olympischen Goldmedaillen von Schürch und Gyr. (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Die olympischen Goldmedaillen von Schürch und Gyr. (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Mario Gyr und Simon Schürch beim Interview mit unseren Journalisten Andreas Ineichen und Jonas von Flüe (v. r.). (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

Mario Gyr und Simon Schürch beim Interview mit unseren Journalisten Andreas Ineichen und Jonas von Flüe (v. r.). (Bild: Neue LZ / Pius Amrein)

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