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RUDERN: Ständiger Verzicht zahlt sich aus

Am Tag nach dem WM-Titel spricht Mario Gyr beim Besuch in unserer Redaktion über erste Auswirkungen des Erfolges. Und er gibt einen Einblick, was es im Alltag bedeutet, Ruderer zu sein.
Interview Stefan Klinger
Mario Gyr nimmt nach dem WM-Titel einen Happen Goldmedaille. (Bild Dominik Wunderli)

Mario Gyr nimmt nach dem WM-Titel einen Happen Goldmedaille. (Bild Dominik Wunderli)

Interview Stefan Klinger

Mario Gyr*, am Sonntagmorgen sind Sie angespannt und voller Hoffnungen aufgestanden – am Montagmorgen mit der WM-Goldmedaille neben dem Bett. Wie haben die 24 Stunden dazwischen Ihr Leben verändert?

Mario Gyr: Bislang vor allem dahin gehend, dass ich seit unserem WM-Titel 70 neue Freundschaftsanfragen bei Facebook und WhatsApp-Nachrichten von Leuten, die ich gar nicht kenne, bekommen habe. Und heute Morgen, als wir auf dem Heimweg von der WM waren, hat uns an einer Autobahnraststätte in der Schweiz plötzlich ein Vater mit seinen beiden Kindern angesprochen und uns zum Erfolg gratuliert. Mich hat es überrascht, wie viele Reaktionen wir bekommen. Da merkt man, dass wir ein Jahr vor den Olympischen Spielen sind, und die Schweiz ja nicht zig amtierende Weltmeister hat, die in Rio Gold holen können.

Sie gehen sehr offensiv damit um, dass es bei Olympia 2016 für Sie nur ein Ziel gibt: den Olympiasieg.

Gyr: Es wäre doch gelogen, wenn ich nach diesem Erfolg sagen würde: Wir fahren mal nach Rio und schauen, was rauskommt, hoffentlich reicht es zu einer Medaille. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, es tönt im ersten Moment vielleicht arrogant, aber seien wir ehrlich: Im Profi­sport, erst recht in einer Randsportart, zählt nur der Sieg. Wir liefern ja das beste Beispiel: Simon Schürch und ich sind 2013 Vize-Weltmeister im Doppelzweier geworden – aber nun bekommen wir deutlich mehr Resonanz als damals. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum ich Olympiagold als Ziel nenne.

Warum noch?

Gyr: Ich wollte nach den Spielen 2012 in London eigentlich aufhören. Ich war damals nicht mehr bereit, wegen eines fünften oder sechsten Platzes all die vielen Entbehrungen im Alltag hinzunehmen, sondern wollte lieber mein Berufsleben vorantreiben und ein Privatleben führen, wie es eben Leute in meinem Alter machen. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass mir etwas fehlt. Und ich habe realisiert, dass ich zwar meine Ausbildung auch mit über 30 noch fertig machen kann, aber meine Muskeln endlich sind. Also habe ich mir im Februar 2013, als Lucas Tramèr meinte, dass er nun sein Studium zurückfahren wird, um sich noch mehr auf den Sport zu fokussieren, gesagt: Ich sehe eine Chance auf den Olympiasieg. Das ist deine letzte Chance – also nutze sie. Nur deshalb habe ich weitergemacht.

Sie sprechen von Entbehrungen. ­Viele sehen nur den Mario Gyr, der erfolgreich ist, in den Medien kommt und gutes Geld verdient. Wie sieht der wahre Alltag bei Ihnen aus?

Gyr: Zum Beispiel so, dass wir 30 Wochen im Jahr weg sind von daheim. Dass wir sechs Tage die Woche dreimal pro Tag trainieren. Da leidet dein Privatleben natürlich sehr darunter, das bedeutet einen grossen Verzicht. Da muss dein Kollegenkreis oder deine Partnerin schon sehr viel Verständnis aufbringen. Und das alles nur wegen eines möglichen Gewinns – nicht wegen eines sicheren Gewinns. Da musst du schon die Leidenschaft für etwas haben, sonst geht es nicht.

Umso mehr, wenn Sie in einer Sportart aktiv sind, in der keine grossen Reichtümer zu verdienen sind.

Gyr: Ich bin davon überzeugt, dass man im Spitzensport auf diesem Niveau kein Rennen gewinnt, wenn man es nur wegen des Geldes macht. Dann fehlt dir dieser unbändige Siegeswille, den es aber zwingend braucht. Denn sonst kommt halt ein anderer, der diesen Siegeswillen hat. Aber es ist ja auch nicht mehr so, dass wir gar nichts verdienen. Zumindest aktuell ist es gut.

Was heisst das konkret?

Gyr: Seit Simon Schürch und ich Vize-Weltmeister sind, haben wir einen persönlichen Sponsor. Und weil wir auch noch beim Militär angestellt sind, können wir seit eineinhalb Jahren gut leben vom Rudern. Bis dahin haben wir aber fast nichts verdient. Wenn wir da 5000 Franken innerhalb eines Jahres verdient haben, war das viel. Und dann stösst du im Streben nach Unabhängigkeit, das man als junger Erwachsener entwickelt, ganz schnell an deine Grenzen. Ich habe zum Beispiel bis London 2012 noch bei meinen Eltern gewohnt. Als Sportler in einer Randsportart bist du auf deine Eltern angewiesen.

Unabhängig von Geld, Titeln und schönen Emotionen im Moment des Erfolges – was hat Ihnen Ihre Ruder-Karriere grundsätzlich im Leben gebracht?

Gyr: Ich habe mir Eigenschaften angeeignet, die ich früher nicht hatte. Zum Beispiel ein effektives Zeitmanagement. Wir Ruderer verdienen ja nicht so viel wie ein Fussballer oder Eishockeyspieler, sodass wir nach dem Karriereende erst mal in Ruhe eine Ausbildung beginnen können. Wir müssen parallel zum Sport unser Studium so weit vorantreiben, dass wir nach dem Ende der Sportkarriere recht schnell einen «richtigen» Beruf haben. Aber ich habe auch einige Erfahrungen gesammelt, die ich nicht missen möchte.

Zum Beispiel?

Gyr: Wir vier sind zwar völlig ­verschiedene Typen, aber wir haben es wirklich gut untereinander. Wir haben ein ­Urvertrauen untereinander im Team, wie du es sonst nur im engsten Familienkreis hast. Doch genau das braucht es auch, wenn es auf diesem Niveau im Wettkampf hart auf hart kommt. Am Sonntag im Final habe ich mir kurz vor dem Start gedacht: Schau jetzt zu dir und mach dein Ding! Hinter dir sitzen drei Rennpferde, die gleich voll gehen werden und auf die du dich verlassen kannst.

Gibt es nicht aber auch mal Zweifel am anderen, wenn Sie persönlich alles gegeben haben und Ihrer Meinung nach perfekt gerudert sind – aber am Ende das Team nur Fünfter wurde?

Gyr: Ich habe mir immer gesagt: Wenn ich ins Ziel komme und als Erstes jemand anderem die Schuld gebe, an dem Tag höre ich auf. Ausreden findest du immer. Aber auch du musst dich immer weiter verbessern. Denn in dieser Liga kannst du dir absolut keinen Fehler leisten, sonst gewinnt ein anderer. Ausserdem hat uns unser früherer Trainer Simon Cox beigebracht: Jeder hat mal einen schlechten Tag, das darf dich nicht umwerfen oder den Teamgeist zerstören. Am Ende ist der am erfolgreichsten, der die wenigsten schlechten Tage hatte und am konstantesten auf hohem Niveau gerudert ist. Das zu verinnerlichen, musst du lernen – so wie du auch lernen musst, dass du dich auch trotz Siegen immer noch weiter verbessern kannst.

HINWEIS
*Mario Gyr wurde am Sonntag mit Simon Schürch, Simon Niepmann und Lucas Tramèr Weltmeister im Leichtgewichts-Vierer ohne Steuermann – es war der erste Schweizer WM-Titel in einer olympischen Bootsklasse seit 20 Jahren. Gyr, 2015 auch Weltcup-Gesamtsieger und Europameister, ist 30 Jahre alt, Single und wohnt in Luzern. Parallel zum Rudern schloss er sein Jus-Studium ab und arbeitet in einer Luzerner Anwaltskanzlei.

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