RUDERN: Vom Rennvelo aufs Ruder-Podest

Vergangenes Jahr ist Simon Schürch beim Weltcup auf dem Rotsee auf dem Podest gestanden. Diesmal will er aber eine Medaille holen, die er auch geniessen kann.

Stefan Klinger
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Simon Schürch (rechts) und Mario Gyr streben beim Weltcup-Heimrennen auf dem Rotsee einen Podestplatz an. (Bild Detlev Seyb)

Simon Schürch (rechts) und Mario Gyr streben beim Weltcup-Heimrennen auf dem Rotsee einen Podestplatz an. (Bild Detlev Seyb)

Wenn Simon Schürch seinen Bootspartner Mario Gyr dieser Tage so vor sich sitzen sieht, dann denkt er sich ein ums andere Mal: Mensch, mach doch mal ein bisschen schneller!

Willkommen in Sarnen, im Ruderzentrum des Schweizerischen Ruderverbandes, 1. Stock. Willkommen im Doppelzimmer von Simon Schürch (23/Schenkon) und Mario Gyr (29/Luzern). Es ist der Raum, in dem die beiden jedes Jahr in den Tagen rund um den Weltcup auf dem Rotsee wohnen. Oder wie Schürch es formuliert: in der «schönsten Woche des Jahres».

Denn hier sind sie abgeschottet von all den Kleinigkeiten, die sie bei sich daheim ein wenig ablenken und die Ruhephasen beeinträchtigen könnten. Hier können sie den Fokus nur auf sich und das Rudern richten. Und dann steht auch noch der für sie so bedeutende Heim-Weltcup an. Wie gesagt: Die schönste Woche des Jahres eben.

2013 ist ihnen eine Lehre

Auch, weil die beiden sich richtig gut verstehen und oft auf einer Wellenlänge liegen. Denn ausser dem Boot, die aufopferungsvolle Einstellung zum Sport, das Ziel von der Olympiamedaille und einem lukrativen Werbevertrag teilen sie auch eines: die Faszination für den Radsport. Das bringt zwar den unglücklichen Umstand, dass sie beide unbedingt die kürzlich erschienene Biografie von Radstar Chris Froome lesen wollen, aber Schürch jetzt warten muss, bis Gyr durch ist mit dem Buch. «Ich hoffe, Mario liest das mal schneller, damit ich bald damit anfangen kann», sagt Schürch. Vor allem aber beschert das den glücklichen Umstand, dass sie keinerlei Probleme hatten, sich auf ein zwingend notwendiges, umfangreiches Alternativtraining zum Rudertraining zu einigen.

Denn sie haben aus einem bitteren Zwischenfall im vergangenen Jahr ihre Lehren gezogen. Weil sie damals nach dem ersten Saisonhöhepunkt, der EM, das Rudertraining mit Blick auf den sechs Wochen später stattfindenden Weltcup in Luzern auf höchstem Niveau weitergezogen hatten, erlitt Gyr eine Rippenverletzung und musste auf seinen Start auf dem Rotsee verzichten. Also wollten sie diesmal nach der EM eine Ruderpause einlegen und ihrem Körper eine Auszeit von den sportarttypischen Bewegungen gönnen ohne an Kondition zu verlieren. «Wir sind diesmal nach der EM zehn Tage lang nicht gerudert und dafür noch mehr Rennvelo gefahren als ohnehin schon», sagt Schürch.

Und als sich ihre Körper regeneriert hatten, blieb noch immer genug Zeit, um im Boot weiter an der Feinabstimmung zu feilen. Das Projekt mit einem von Gyr und Schürch gesteuerten Leichtgewichts-Doppelzweier mit den Zielen Rotsee-Medaille und WM-Titel 2014 sowie Olympiamedaille 2016, das auf Verbandsseite zunächst kritisch gesehen wurde, weil man sie lieber in einem Grossboot gesehen hätte, konnte nun so richtig Fahrt aufnehmen. Und laut Schürch hat es das: «Wir sind besser eingespielt als an der EM», sagt er, «wir sind nicht mehr zwei Einer-Fahrer, die gegeneinander schaffen, sondern zwei starke Athleten, die gemeinsam das Boot schieben. Besser könnte es nicht sein.»

Im vergangenen Jahr hat Simon Schürch mit Rang drei seine erste internationale Medaille auf dem Rotsee gewonnen. So richtig genossen hat er das damals aber nicht, weil er nach Gyrs kurzfristigem Aus in der von ihm ungeliebten nichtolympischen Klasse im Leichtgewichts-Einer ran musste. Doch diesmal sind die Vorzeichen anders. Diesmal tritt Schürch mit Gyr im olympischen Leichtgewichts-Doppelzweier an. Das Duo wähnt sich in einer starken Form. Es ist also gut möglich, dass Simon Schürch wieder eine Medaille gewinnt aber die dann auch wirklich geniesst.

750 Athleten aus 44 Ländern auf dem Rotsee

Er ist die letzte Standortbestimmung vor der WM in Amsterdam (24. bis 31. August) und einmal mehr die bestbesetzte Weltcupstation des Jahres: Vom morgigen Freitag bis zum Sonntag rudern beim Weltcup auf dem Rotsee rund 750 Athleten aus 44 Ländern um die Medaillen. Mit dabei: sieben Boote aus der Schweiz. Und deren Crews haben es in sich. So haben die Lokalmatadore gleich in drei der 22 Bootsklassen realistische Medaillenchancen.

Drei Medaillenchancen für Schweiz

Die amtierenden Welt- und Europameister Simon Niepmann und Lucas Tramèr treten im Leichtgewichts-Zweier ohne Steuermann als Topfavoriten an. Im Leichtgewichts-Einer gehört Michael Schmid ebenfalls zu den Podestkandidaten. Der Stadtluzerner wurde vergangenes Jahr in Luzern Zweiter und gewann Anfang Juni an der EM in Belgrad als Drittplatzierter seine erste Medaille an internationalen Titelkämpfen. Zudem wollen die Vizeweltmeister im olympischen Leichtgewichts-Doppelzweier Mario Gyr (Luzern) und Simon Schürch (Schenkon) ihre erste gemeinsame Weltcupmedaille auf dem Rotsee holen. Die weiteren Schweizer Starter sind Jeannine Gmelin, David Aregger, Nico Stahlberg (alle im Skiff) und Daniel Wiederkehr (Leichtgewichts-Skiff).
Erstmals Siegprämien im Skiff

Während am Freitagvormittag (9 bis 13.50 Uhr) die Vorläufe anstehen, finden am Nachmittag von 15.30 bis 18.35 Uhr die Hoffnungsläufe und die Viertelfinals statt. Die Halbfinals sind für Samstag (ab 9 Uhr) geplant. Eine Neuerung gibt es am Sonntag: Damit sich Schmid sowie das Duo Niepmann/Tramèr auch am Sonntag noch den Zuschauern präsentieren können, finden die Finals in den nichtolympischen Bootsklassen in diesem Jahr nicht mehr am Samstagabend, sondern wie die Finals in den olympischen Bootsklassen ebenfalls am Sonntag statt (ab 9.35 Uhr). Eine Veränderung, die den Schlusstag für die Fans der Lokalmatadoren noch interessanter macht.

Eine attraktive Neuerung für die Athleten gibt es im Männer- und im Frauen-Skiff: So erhalten die Sieger dieser Bootsklassen je eine rund 10 000 Franken teure Uhr. Für Ruderer, die bei den Wettkämpfen in der Regel nie Preisgelder erhalten, eine erfreuliche Sache.

Jacques Rogge in Luzern zu Gast

Das ein oder andere Geschenk wird bestimmt auch Denis Oswald bekommen. Der 67-jährige Neuenburger tritt nach 25 Jahren als Präsident des Welt-Ruderverbandes ab und übergibt das Amt an den Olympiasieger von 2000, Jean-Christophe Rolland (46/Frankreich). Zu Oswalds Verabschiedung, die im Rahmen einer Gala am Samstagabend stattfindet, kommt auch der ehemalige IOC-Präsident Jacques Rogge. Der 72-Jährige will sich auch die Wettkämpfe am Sonntag anschauen.

Die Rennen auf dem Rotsee sind überall vom Ufer aus zu sehen. Der Zugang ist gratis. Die einzige Ausnahme: Am Sonntag kosten die Sitzplätze auf der Haupttribüne beim Ziel zwischen 40 und 60 Franken. Weitere Infos und Tickets gibt es unter www.ruderwelt-luzern.ch. SRF 2 überträgt am Sonntag von 13.15 bis 15.15 Uhr live.