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Rückblick Sport: Am Schluss gibt es die Versöhnung

Eine Sinuskurve beschriebe das Jahr der Schweizer Nationalmannschaft kaum treffender – mit dem sportlichen Tiefpunkt im WM-Achtelfinal. Doch das Ende lässt hoffen.
Christian Brägger
Der Doppeladler – diese Geste der Schweizer beim 2:1-Sieg im WM-Gruppenspiel gegen Serbien sorgte für viel Aufregung (von links): Valon Behrami, Ricardo Rodriguez, Granit Xhaka, Manuel Akanji, Stephan Lichtsteiner. (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone (Kaliningrad, 22. Juni 2018))

Der Doppeladler – diese Geste der Schweizer beim 2:1-Sieg im WM-Gruppenspiel gegen Serbien sorgte für viel Aufregung (von links): Valon Behrami, Ricardo Rodriguez, Granit Xhaka, Manuel Akanji, Stephan Lichtsteiner. (Bild: Laurent Gilliéron/Keystone (Kaliningrad, 22. Juni 2018))

Der Doppeladler. Ihn formten im zweiten Schweizer WM-Spiel gegen Serbien die Torschützen Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri mit den Händen; das Duo wollte die Geste als Gruss in die kosovarische Heimat verstanden wissen. Ihn zeigte in der emotionsgeladenen, weil politisch brisanten Partie gegen Serbien auch Stephan Lichtsteiner; der Captain der Nationalmannschaft solidarisierte sich laut eigener Aussage spontan mit seinen Teamgefährten beim 2:1-Last-Minute-Sieg. Der Doppeladler. Er war der Anfang vom Ende, der Beginn aller Unbill und kostete die Schweizer in der Folge derart viel Kraft, dass in und nach Russland eine Zeit lang gar nichts mehr ging. Weil nichts mehr so war wie zuvor. Später sollte Nationaltrainer Vladimir Petkovic sagen: «Es war eine WM, die viel Energie gekostet hat.»

Dabei hatte das Jahr gut angefangen für die Schweizer Nationalmannschaft. Sie war in Form, gewann Tests in Griechenland und gegen Panama. Unmittelbar vor der WM gab das 1:1 in Spanien viel Auftrieb und Selbstvertrauen, weil eine reibungs­lose, vermutlich zu harmonische Vorbereitung perfekt abgeschlossen wurde. Die Schweizer reisten am 11. Juni guter Dinge nach Russland, bezogen ihre Basis an der Wolga im überschaubaren, abgelegenen Toljatti. Nach dem 1:1 und Steven Zubers Ausgleich zum Auftakt gegen den WM-Favoriten Brasilien folgte ebendieses Serbien-Spiel, die Schweiz hatte danach vier Punkte. Doch das dominierende Thema war der Doppeladler. Und wie unbedarft die Führung der Nationalmannschaft im Vorfeld und im Nachgang mit der ganzen Angelegenheit umging.

Trotz allem sicherte sich die Schweiz mit dem 2:2 im dritten Gruppenspiel gegen Costa Rica den zweiten Gruppenplatz. Da es in der K.-o.-Phase gegen die eher biederen Schweden ging, war der Coup zum Greifen nahe, diesen nächsten Schritt zu machen, von dem Spieler und Trainer ständig reden: endlich diesen Viertelfinal an einer Endrunde zu erreichen; dabei sahen die Schweizer für sich und den weiteren Verlauf des Turniers keine Grenzen. Weit gefehlt. Nach einem bemerkenswert blutleeren Auftritt und einer Art Eigentor Manuel Akanjis unterlagen sie 0:1 und schieden aus; zum dritten Mal in Folge bedeutete der Achtelfinal an einem Grossanlass Endstation.

Es gab viele Gründe, die zur Krise führten

Wer nun glaubte, die Schweizer könnten nicht noch tiefer sinken, während sie ihre Wunden lecken, der irrte. Weil der Trainer partout nicht zur WM Stellung nehmen wollte und er damit noch mehr in die Kritik geriet. Weil sein Chef, der Nationalmannschaftsdele­gierte Claudio Sulser, ebenfalls mit Passivität brillierte. Weil vor allem der Generalsekretär Alex Miescher ein grosse Polemik auslösendes Interview gab, in dem er den Doppelbürger-Status bei den Schweizer Nationalspielern in Frage stellte; etwa einen Monat später musste Miescher zurücktreten. Und weil Petkovic heute sagen muss: «Irgendwann wird die Zeit kommen, um mit Valon Behrami an einen Tisch zu sitzen und darüber zu reden, was im August passiert ist.» Passiert war dies: Nach der WM und mit Blick auf das zweite Halbjahr wollte der Nationalcoach frische, junge Kräfte dem Team annähern und dafür temporär auf altbewährte Spieler wie Lichtsteiner oder eben Behrami verzichten. Was Zweitgenannter – er hatte sich während der WM viele Freiheiten herausgenommen, aber überzeugt – so sehr erzürnte, dass er in einer Art Kurzschlusshandlung mit viel Getöse zurücktrat.

Kurzum: Beim Nationalteam setzte ein Selbstzerfleischungsprozess ein, bei dem es nur Verlierer gab und zahlreiche Missstände offensichtlich wurden. Das brachte den Verband auf die Idee, mit Bernhard Heusler und dessen Beraterfirma HWH extern jemanden beizuziehen, der die strukturellen und organisatorischen Mängel im und rund ums Nationalteam eruieren sollte. Mit dem Resultat, dass Petkovic bald ein Sportchef zur Seite gestellt wird, nach dem man jetzt auf der Suche ist. Und dass ein neues, modernes Trainingsgelände gebaut werden soll.

Neben den vielen Problemen galt es im Herbst, in der Nations League fussballerisch wieder Fuss zu fassen. Mit einem überragenden Shaqiri im Zentrum, drei Siegen aus vier Partien und dem Einzug ans Finalturnier in Portugal gelang dies eindrücklich. Das 6:0 gegen Island und noch mehr das famose 5:2 nach 0:2-Rückstand gegen Belgien euphorisierte, bei dem der oft gescholtene Haris Seferovic drei Treffer beisteuerte. So durfte Petkovic bilanzieren: «Das 6:0 gegen Island zeigte: Wir sind intakt, homogen und verfügen über einen starken Teamgeist. Und zum Schluss dieses wunderbare 5:2 gegen Belgien: Diese Partie zeigte, wie sehr sie für die Nati leben.» So ist es ebendieser Sieg gegen die Weltnummer eins und einen Grossen des Fussballs, der die Spieler mit dem Publikum versöhnte und für die Zukunft hoffen lässt.

Heute ist der «Doppeladler» das Wort des Jahres 2018, bleibt damit in Erinnerung. In Erinnerung an einen russischen Sommer, der nicht so herauskam, wie sich das alle ausgemalt hatten.

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