RÜCKTRITT: Gisin: Von der Skipiste in die Lüfte

Dominique Gisin beendet ihre Karriere. Im Interview erklärt die 29-Jährige die Gründe dafür und wie sie bald als Pilotin arbeiten will.

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Die Engelberger Skirennfahrerin Dominique Gisin hat viele Tränen vergossen, als sie am Donnerstag ihren Abschied bekannt gab. (Bild: Keystone)

Die Engelberger Skirennfahrerin Dominique Gisin hat viele Tränen vergossen, als sie am Donnerstag ihren Abschied bekannt gab. (Bild: Keystone)

Interview Stefan Klinger

Dominique Gisin, Sie stehen stets im Rampenlicht, sind die Sportlerin des Jahres, werden immer als Olympiasiegerin angekündigt. Künftig sitzen Sie aber als eine von vielen in der Uni neben zehn Jahre jüngeren Kommilitonen. Haben Sie schon realisiert, welche Umstellung das wird?

Dominique Gisin: Im Moment ist alles irgendwie verrückt. Aber ja, mir ist bewusst, welche extreme Veränderung meines Alltags mir bevorsteht. Immerhin war der Skirennsport 27 Jahre lang der Mittelpunkt meines Lebens. Aber andererseits freue ich mich auch auf die neuen Herausforderungen, die nun auf mich zukommen. Ich brauche immer die Herausforderung.

Als Skirennfahrerin gab es die für Sie nicht mehr?

Gisin: Als im Herbst die Vorbereitung auf die aktuelle Saison zu Ende war, habe ich mir wie jedes Jahr überlegt, was ich im nächsten Jahr ändern, verbessern könnte. An welchem Schräubchen ich noch drehen könnte. Aber mir ist nichts in den Sinn gekommen. Ich hatte den Eindruck, dass ich nun vom Material über die technischen bis hin zu den physischen Dingen in allen Bereichen mein Potenzial ausgeschöpft habe. Und ich hatte mir immer gesagt: Wenn ich mein Potenzial eines Tages ausgeschöpft habe, trete ich zurück egal, wo ich gerade stehe.

Also stand schon vor Saisonbeginn fest, dass das Ihr letzter Winter wird.

Gisin: Ja. Dieser Entschluss war damals über Wochen und Monate in mir gereift. Ein Beispiel: Jedes Mal, wenn wir im Konditionstraining ein Intervalltraining gemacht haben, musste ich richtig kämpfen. Ich habe das vorher zwar auch nicht gern gemacht, aber ich konnte es immer einfach durchziehen. Vergangenen Sommer war das aber nicht mehr so, weil ich auch nicht mehr so richtig gewusst habe, warum ich das jetzt mache. Denn ich hatte gemerkt, dass ich an meinen Grenzen angelangt bin. Es ist nicht meine Art, auf der Welle zu reiten. Ich habe immer den Reiz gebraucht, etwas zu verändern.

Hätte es Sie nicht noch einmal umgestimmt, wenn Sie in dieser Saison Podestplätze und Siege geholt hätten.

Gisin: Ich glaube nicht, dass das etwas an meiner Entscheidung geändert hätte. Der einzige Moment, in dem ich in den letzten Monaten daran gezweifelt habe, war der, als ich verletzt war. Denn so hatte ich mir meinen Abschied nicht vorgestellt.

War es deshalb für Sie so wichtig, wenn auch nur für ein Rennen, unter allen Umständen an der WM teilzunehmen damit Sie später mal nicht einer verpassten WM zum Ende Ihrer Karriere nachtrauern?

Gisin: Als mir nach der Verletzung mein Arzt gesagt hat, dass es eine kleine Chance gibt, doch noch an die WM zu gehen, habe ich alles dafür getan, diese Chance zu nutzen. Das ist einfach meine Grundeinstellung. Sonst hätte ich angesichts meiner Verletzungen wohl schon vor 15 Jahren aufgehört. Grundsätzlich kann ich sagen: Ich trauere nichts nach. Ich hatte einen mega verrückten Weg und sicher nicht den, den ich mir mit 17 vorgestellt hatte. Aber er war trotzdem auch schön. Ich habe alles erlebt, und ich kann es akzeptieren, dass diese oder jene Athletin besser ist, weil ich weiss, dass ich alles in die Waagschale gelegt habe.

Welchen Weg hatten Sie sich mit 17 vorgestellt?

Gisin: Einen mit viel weniger Verletzungen. Einen, auf dem ich weniger mit mir selber kämpfe. Allerdings habe ich mich dadurch als Mensch besser kennen gelernt auch extrem wertvoll.

Nach dem Olympiasieg hatten Sie gesagt, dass Sie dank dieses Rennens eines Tages mit einem guten Gefühl abtreten, weil es Ihnen gelungen war, sich noch einmal zu überwinden und erstmals seit der Knieverletzung 2012 wieder ans äusserste Limit zu gehen auch wenn es am Ende nur für dieses eine Rennen gewesen sein sollte. Wie sieht es jetzt aus: Ist Ihnen das seither nochmals gelungen?

Gisin: Mehrmals sogar. In Val d’Isere, Kühtai, Cortina d’Ampezzo, Bansko und Garmisch habe ich auch das Gefühl gehabt, so wie es sich als Skirennfahrerin anfühlen muss. Allerdings ist es im Blick auf Podestplätze nie ganz aufgegangen. In Bansko hatte ich beispielsweise Abschnittszeiten wie Anna Fenninger, aber ich hatte eben immer einen zu grossen Fehler drin. Ich hatte zwar einen harzigen Saisonstart, aber dann hat das Projekt mit der Technikumstellung, das wir vor dieser Saison angegangen sind, gegriffen, und ich war für die WM parat bis die Verletzung kam.

In den letzten Tagen gab es um Sie viele Gerüchte. Wie schwierig war es, sich auf die Rennen zu konzentrieren?

Gisin: In Garmisch und Bansko konnte ich in allen Bereichen an das von vor der Verletzung anknüpfen. Das war mega wichtig. In AAre und hier am Weltcupfinal haben mich aber die Emotionen eingeholt, und ich musste mit mir kämpfen.

Jetzt nur noch einmal für den Riesenslalom am Sonntag.

Gisin: Zumindest im Weltcup. Nächste Woche fahre ich noch die Schweizer Meisterschaften in St. Moritz. Da kommt es zum grossen Duell mit meiner Schwester. Wir treten beide in allen Disziplinen an und zählen alle Zeiten zusammen. Ich bin schon gespannt, wer schneller ist.

Wie geht es danach für Sie weiter?

Gisin: Im Herbstsemester fange ich an der ETH ein Physikstudium an. Ich hatte das schon mal begonnen und gleich gemerkt, dass das voll mein Ding ist. Allerdings habe ich auch recht schnell gemerkt, dass es sich mit dem Skirennsport nicht vereinbaren lässt, und habe wieder aufgehört. Daher fange ich noch mal ganz frisch an. Zudem werde ich die nächsten Stufen als Pilotin bestreiten und die Nachtfluglizenz sowie die Berufspilotenlizenz erwerben.

Dann werden wir Sie eines Tages als Pilotin eines Linienfliegers sehen?

Gisin: Auf Linienflügen einer grossen Airline nicht. Aber mein Ziel ist es, in einem Teilzeitpensum bei einer kleineren, privaten Fluggesellschaft als Pilotin zu arbeiten, um mein Studium zu finanzieren.