RUGBY: Für das Hirn gibt es keine Ersatzteile

Am Samstag (17.00/Eurosport) findet in Twickenham/London der WM-Final zwischen Neuseeland und Australien statt. Wie gefährlich ist die ruppige Sportart überhaupt?

Merken
Drucken
Teilen
Achtung Hirnerschütterung: Szene aus dem WM-Halbfinal Australien (David Pocock in Gelb) gegen Argentinien (Juan Martin Fernandez). (Bild: Keystone/Frank Augstein)

Achtung Hirnerschütterung: Szene aus dem WM-Halbfinal Australien (David Pocock in Gelb) gegen Argentinien (Juan Martin Fernandez). (Bild: Keystone/Frank Augstein)

Sissi Stein-Abel, Christchurch

Als Grant Fox die All Blacks bei der ersten Rugby-Weltmeisterschaft 1987 zum Titel kickte, war er ein Hänfling von dünner, schwächlicher Statur. Der Spielmacher der Nationalmannschaft Neuseelands, heute Mitglied des Trainerstabs, wog 71,5 Kilo bei 1,75 Meter Grösse. 28 Jahre später ist der 1,71 Meter kleine Aaron Smith mit 85 Kilo der leichteste Spieler der All Blacks, die am Samstag im Final der Weltmeisterschaft in Londoner Stadtteil Twickenham im transtasmanischen Sport-Gipfel auf Australien treffen. 1987 war das Schwergewicht Stürmer Richard Loe mit 108 Kilo, heute locker übertrumpft vom 127-Kilo-Brummer Charlie Faumuina. Im Durchschnitt wiegen die All Blacks des aktuellen Jahrgangs 105 Kilo und damit 15 Kilo mehr als die Truppe anno dazumal.

Wie ein blutverschmierter Boxer

Dieser Wandel hat sich mit der Einführung des Profitums im Rugby 1995 innerhalb kürzester Zeit vollzogen. Die Akteure sind massiver gebaut, stärker und schneller – und krachen deshalb beim Tackling mit weitaus grösserer Wucht aufeinander als einst. Entsprechend sehen sie hinterher aus. Verrenkte oder ausgekugelte Schultern, gebrochene Joch- und Schlüsselbeine, Cuts rund ums Auge und auf der Stirn, Platzwunden und Prellungen sind ganz normale Verletzungen nach regelgerechten Aktionen, und es ist auch Alltag, dass ein Profi nach einem Spiel aussieht wie ein blutverschmierter Boxer nach einer verlorenen Ringschlacht. In den beiden Halbfinal-Begegnungen am vergangenen Wochenende – Neuseeland gegen Südafrika und Australien gegen Argentinien – floss das Blut in Strömen.

Verquollene Blumenkohlohren

Die verquollenen Blumenkohlohren vieler Spieler sind noch die harmloseste Folge der Nahkämpfe, die angeordnetes Gedränge heissen. Dabei stehen sich die acht Offensivkräfte jeder Mannschaft in drei Reihen gegenüber. Dieser Männerauflauf, mit jeweils 900 Kilo und mehr, schiebt, was das Zeug hält, und wartet darauf, dass der Ball in die Gasse geworfen wird. Bis vor gar nicht so langer Zeit war es noch erlaubt, dass sich die gegnerischen Haufen mit Schwung aufeinanderstürzten, weil sich die ersten Reihen nur kurz berühren mussten. Jetzt müssen sich die Vorderreihen binden, das heisst, der Schub erfolgt aus dem Stand und vermindert das Verletzungsrisiko angeblich um 25 Prozent. Beim Tackling kann sich ein Doppelzentner-Schrank einem heranbrausenden Ballträger in den Weg stellen und ihn wie einen Baum fällen. Um die Gefahr von Kopf- und Nackenverletzungen zu reduzieren, sind die sogenannten «Spear Tackles» verboten, bei denen ein Gegenspieler über Schulterhöhe in die Luft geworfen wird und krachend auf dem Boden landet.

Trotz der Regeländerungen belegt eine australische Studie, dass im Rugby drei Mal so viele Verletzungen vorkommen wie im Fussball. Der grösste Makel der Sportart sind die vielen Gehirnerschütterungen, die als «heimliche Epidemie» bezeichnet werden und ähnliche Auswirkungen haben wie in der NFL, der Profiliga im American Football. Dort erklärten sich die Versicherungen der Liga in einem Vergleich vor zwei Jahren bereit, rund 4500 ehemaligen Spielern, die aufgrund zu vieler Kopfstösse irreparable Gehirnschäden erlitten haben, insgesamt 675 Millionen US-Dollar zu zahlen, weil die NFL die Gesundheitsrisiken des Sports verharmlost hatte.

Alzheimer und Parkinson

Untersuchungen der Gehirne verstorbener Spieler, auch jener, die wie NFL Star Junior Seau (2012) Selbstmord begangen haben, lieferten den Beweis, dass die meisten Ex-Profis an Chronisch Traumatischer Enzephalopathie (CTE), auch Dementia pugilistica, litten, einer aus dem Boxen bekannten Hirnschädigung, bei der die Nervenstränge vernarben. Die schlimmen Spätfolgen sind Verwirrtheit, Demenz, Alzheimer, Parkinson, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen. Eine Studie der höchsten englischen Liga, der Aviva Premiership, in der Saison 2013/14 zeigte, dass im Rugby doppelt so viele Gehirnerschütterungen vorkommen wie im American Football, nämlich 10,5 Vorfälle pro 1000 Spielstunden.

Zweieinhalb Jahre Dauermigräne

Auch der WM-Halbfinal war nicht frei davon. Argentiniens bester Try-Scorer Juan Imhoff torkelte benommen vom Platz und kam nach dem vom Weltverband IRB vorgeschriebenen Fünf-Minuten-Test, den Mediziner für fahrlässig kurz halten, nicht wieder zurück. Eine nicht vollständig auskurierte Gehirnerschütterung kann tödliche Folgen haben, wenn ein Akteur zu früh wieder spielt und ein zweites Hirntrauma erleidet. Die Effekte mehrerer Gehirnerschütterungen können sich kumulieren. Auch morgen im Final der Rugby-Weltmeisterschaft in England werden Profis um jeden Ball kämpfen, die mehrere Hirntraumata erlitten haben. Bei den All Blacks sind dies Captain Richie McCaw und die Nummer Acht, Kieran Read. Der Australier Tatafu Polota-Nau ist solch ein Extremfall, dass ihn Ex-Nationalspieler Peter FitzSimons schon 2012 aufforderte, nach sage und schreibe zwölf Gehirnerschütterungen mit dem Rugby aufzuhören. Der 30-jährige Hakler spielt noch immer.

Auch Steve Devine kehrte immer wieder zurück, ehe ein Arzt 2007 die Karriere des damals 30-jährigen All Blacks beendete. Nach dem letzten Schlag konnte er sich nicht mehr konzentrieren, hatte Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis, wurde lärm- und lichtempfindlich, schlief nach der kleinsten Anstrengung ein. Zweieinhalb Jahre litt er an Dauermigräne, testete 40 bis 50 Medikamente, ehe ihn Botox von den Schmerzen befreite. Die Ergebnisse neurologischer Untersuchungen danach zeigten normale Werte. «Ich weiss nicht, ob sich das Gehirn selbst geheilt hat oder ob es gelernt hat, damit umzugehen», sagte Devine 2011, vier Jahre nach dem erzwungenen Ende, «aber erst jetzt fühle ich mich wieder so wie vor dem letzten Schlag.» Seine Warnung an alle Rugby-Spieler: «Denkt daran, ihr könnt euch eine neue Hüfte oder ein künstliches Kniegelenk einsetzen lassen, aber ihr habt nur ein Hirn, und für das gibt es keine Ersatzteile.»

Vollstrecker wie bei der Mafia

In Neuseeland mit seiner Macho-Kultur wird jedoch die Härte und Rücksichtslosigkeit im Rugby noch immer verherrlicht. Die Fernsehkommentatoren, selbst ehemalige Profis, stossen bei brutalen Kollisionen Laute der Bewunderung aus, oft sogar von einem Lachen begleitet. Und die «Sunday Star Times» veröffentlichte am vergangenen Sonntag eine Liste der «Top 10 World Cup Enforcers», die sich «rauen Respekt verdient haben». Das Wort «enforcer» bedeutet Vollstrecker oder Abräumer. Das sind jene Typen, die bei der Mafia für das Schuldeneintreiben zuständig sind. Im Rugby befördern sie ihre Opfer ins Krankenhaus. Wenn sie Glück haben, nur mit einem Knochenbruch oder einer Muskelverletzung.

Eine blutige Angelegenheit: Australiens Scott Fardy... (Bild: Keystone/Arrizabalaga/Ena)

Eine blutige Angelegenheit: Australiens Scott Fardy... (Bild: Keystone/Arrizabalaga/Ena)

... und Frankreichs Damien Chouly. (Bild: Keystone/Arrizabalaga/Ena)

... und Frankreichs Damien Chouly. (Bild: Keystone/Arrizabalaga/Ena)