RUGBY: Rammbock mit weichem Kern

Angela Diener will an den Europe Women’s Championship in Unterägeri das Schweizer Team in den Final führen. Als Forward nimmt die 31-jährige Luzernerin eine Schlüsselposition ein.

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Die fünf Luzernerinnen des Rugby-Nationalteams: Carole Casparis, Cynthia Munsterman, Angela Diener, Esti Duss und Eva Hollenstein (von links). (Bild Roger Grütter)

Die fünf Luzernerinnen des Rugby-Nationalteams: Carole Casparis, Cynthia Munsterman, Angela Diener, Esti Duss und Eva Hollenstein (von links). (Bild Roger Grütter)

roland Bucher

Es macht Spass, mit Angela Diener über die vielen Facetten ihrer Sportart zu debattieren, von welcher die junge Frau entwaffnend fatalistisch sagt: «Rugby fristet vor allem in der Schweiz immer noch ein Mauerblümchen-Dasein. Schade. Es ist jetzt unsere Aufgabe, die Chance zu nutzen, an diesen Titelkämpfen in Unterägeri für Furore zu sorgen. Und der Sportart wieder einmal tüchtig Aufwind zu geben.»

Dass sie mit vier anderen Frauen des Luzerner Vereins RCL Dangels für das Nationalteam nominiert wurde, erfuhr sie vor knapp vier Wochen am 30. September. Das wäre für Angela Diener auch ohne diese Frohbotschaft ein spezieller, ein grosser Tag gewesen: «Wir haben just meinen 31. Geburtstag gefeiert, als das offizielle Mail des Verbandes eintraf. Die Freude war wirklich riesengross.» Und ein Schluck Prosecco nicht mehr als angebracht.

Die verschworenen Fünf

Angela Diener, die sympathische Po-werfrau («ja, diesen Ausdruck unterschreibe ich gerne») aus dem Luzerner Wesemlinquartier, betont in unserem Gespräch ganz besonders, dass «es einfach toll ist, gleich mit fünf Spielerinnen aus unserem Luzerner Team das Nationalteam zu repräsentieren». Eine für alle, alle für eine: das sei das Motto, dem man mit einiger Konsequenz nachlebt. «Wir sind ein verschworenes Quintett, das auch im Teamverbund ausserhalb des Spielfeldes Freud und Leid teilt. Ob es die Geburt eines Babys ist, eine Hochzeit oder ein trauriges Lebenskapitel – wir zählen aufeinander. Das ist wertvoll.» Und sie hoffe also folgerichtig: «Es wäre schön, wenn wir fünf nächstes Wochenende für das Nationalteam Entscheidendes bewirken könnten.»

Am Anfang war die Balleteuse

Die Titelkämpfe in Unterägeri, die für die Schweizer Equipe am Donnerstag mit dem Halbfinal gegen Russland starten, bedeuten für Angela Diener das bisherige Highlight in einer Karriere, die – «weil die Kleidchen so herzig aussahen» – auf dem Ballettparkett begann. Später holte sie sich beim «Rutzen» in der Pfadi erstens blutige Knie und spürte zweitens, dass einige Kraftwurzeln in ihrem Körper stecken.

Bald war die Vorliebe für den Rugbysport offenkundig. Talent, Fleiss und Beharrlichkeit zeichneten die junge Frau auf ihrem sportlichen Weg aus, und heute nimmt sie im Schweizer-Meister-Team des RCL Dangels und in der Schweizer Auswahl die wichtige Position des Forward ein. Das ist, um es ein bisschen salopp und vereinfacht zu formulieren, der Job der «Abräumerin»: «Ich bin zentral dafür verantwortlich, Platz für meine Mitspielerinnen zu schaffen. Ich bin sozusagen für das Rustikale zuständig.» Nichts als eine Kraftmeierei also? Nein, nein, dem sei überhaupt nicht so: «Das war früher der Fall. Klar ist es auch heute von Vorteil, wenn du ein bisschen Gewicht auf die Waage bringst», betont die sich in vielen Sportsätteln wohl fühlende Luzernerin, «aber das Anforderungsprofil hat in den letzten Jahren doch kräftige Korrekturen erhalten.»

Eher schwerfällig sei die Position früher interpretiert worden, in der aktuellen Version traue man dem Forward aber auch Schlauheit und eine Prise Kreativität zu: «Du musst mit dem Kopf jede Sekunde bei der Sache sein. Ein kleines Zögern, ein kleiner Fehler – und dein Team wird mit einem Gegenstoss erwischt.» Das soll am Donnerstag in Unterägeri gegen die Russinnen nicht und unter gar keinen Umständen passieren: «Wenn wir spielerisch und kämpferisch das auspacken, was wir gelernt haben und beherrschen, dann traue ich uns zu, dass wir diesen Widersacher das erste Mal bezwingen können.» Es wäre für die Luzerner Rugby-Clique ein wunderbarer Moment.

Hart zu- und anpacken wenn es gilt, das Rugbyei in die richtige Richtung und möglichst zum Gewinnpunkt zu dirigieren, das ist eine von vielen Facetten dieser Athletin. Doch in der harten Rugby-Schale steckt ein weicher Kern. Im beruflichen Werdegang liess sich Angela Diener zur Pflegefachfrau ausbilden: «Ich war als kleines Mädchen einige Zeit im Spital. Dort hatte es so tolle Krankenschwestern, dass die Weichen früh gestellt waren ...» Und was war ihr Traumberuf? «Natürlich Sportlerin. Aber das ist nicht realistisch.» Genau wie Rang Nummer 3 in der Wunschliste: «Astronautin – das wärs.» Aber tönt das nicht ein bisschen überheblich bei einer jungen Frau? Kein Problem. In ihrem sanften Herz hat es selbstverständlich auch Platz für ein paar Tagträumereien.

Lateinamerikanische Wurzeln

Angela Diener ist in Kolumbien geboren, hat aber ihre leiblichen Eltern nie kennen gelernt. In jungen Monaten ist sie als Adoptivkind in die Schweiz gekommen und hat in Luzern «wunderbare Eltern» gefunden. «Ich bin diesem Land sehr dankbar, dass ich hier aufwachsen durfte, dass ich hier leben darf. Ich bin eine junge, glückliche, zufriedene Frau. Was will ich denn mehr?»

Vielleicht eine Goldmedaille am Sonntag in Unterägeri?