RUGBY: Viel mehr als «nur» ein WM-Final

Wenn Neuseeland heute Nachmittag (16.30 Uhr, Eurosport) im WM-Final auf Australien trifft, geht es um den Stolz einer Nation. Dementsprechend gibt es im Vorfeld so manches Scharmützel.

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Von den Australiern gehasst, von den Neuseeländern geliebt: All-Blacks-Captain Richie McCaw (hier im WM-Halbfinal gegen Südafrika mit dem Ball im Arm) wird heute noch einmal versuchen, sich durch die Reihen der Gegner durchzukämpfen, um im letzten Länderspiel Historisches zu erreichen. (Bild: Getty/David Rogers)

Von den Australiern gehasst, von den Neuseeländern geliebt: All-Blacks-Captain Richie McCaw (hier im WM-Halbfinal gegen Südafrika mit dem Ball im Arm) wird heute noch einmal versuchen, sich durch die Reihen der Gegner durchzukämpfen, um im letzten Länderspiel Historisches zu erreichen. (Bild: Getty/David Rogers)

Sissi Stein-Abel, Christchurch

In Neuseeland war der vergangene Montag ein Feiertag. Tag der Arbeit, passend zum Arbeitssieg der All Blacks gegen Südafrika (20:18) im Halbfinal der Rugby-Weltmeisterschaft in England. Ein Tag zum Ausschlafen für die daheimgebliebenen Fans, um die von Siegestrunkenheit schweren Köpfe wieder klar zu bekommen – in der Hoffnung, dass das Nachtanken nach dem heutigen Final gegen Australien nicht in einem universellen Besäufnis endet, um den Kummer zu ertränken. Eine Niederlage gegen den ungeliebten grossen Nachbarn im Londoner Stadtteil Twickenham täte doppelt weh, denn im Rugby haben die 4,6 Millionen Kiwis eine Domäne gefunden, in der sie den aufreizend selbstbewussten 24 Millionen Australiern die Grossmäuler stopfen können.

WM-Statistik spricht für Australien

Das klappt allerdings nicht immer, wie die 19:27-Niederlage der All Blacks im vergangenen August im Bledisloe Cup in Sydney gezeigt hat. Aber wer Neuseelands Startruppe reizt, bekommt es meist doppelt und dreifach zurück: Im Rückspiel in Auckland fegte sie damals die Wallabies 41:13 vom Platz. Die WM-Statistik ist deshalb umso interessanter. Hier sind die beiden Nationalmannschaften nur zweimal aufeinandergetroffen, jeweils im Halbfinal – und beide Male gewann Australien: 1991 in Dublin 16:6, 2003 in Sydney 22:10. Bemerkenswert ist auch, dass die Wallabies ihre beiden WM-Titel auf britischem Boden gewannen, 1991 in Twickenham und 1999 in Cardiff, während die All Blacks bislang nur in der Heimat (1987 und 2011) triumphierten.

Australier setzen auf Psychospiele

Ein doppelt schlechtes Omen für den Favoriten? Wohl kaum. Schliesslich haben die Neuseeländer neun der letzten zehn Duelle gewonnen, sind seit 2003 im Besitz des zwischen diesen beiden Nationen ausgetragenen Bledisloe Cup und führen seit November 2009 mit der sagenhaften Siegbilanz von 91,35 Prozent die Weltrangliste an. «Neuseeland ist nicht von ungefähr die Nummer eins der Welt», sagt Australiens Trainer Michael Cheika, der wahre Lobesarien auf die All Blacks singt, «wir müssen etwas ganz Besonderes leisten, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein.» Doch von dieser untypischen Bescheidenheit lassen sich die Neuseeländer nicht einlullen. «Wir wissen, dass wir einen Zahn zulegen müssen», sagt Trainer Steve Hansen, «insofern gesehen war es ganz gut, dass unsere Leistung gegen Südafrika nur gut und nicht sehr gut war.»

Hasstiraden gegen den Captain

Wenn Cheika vom Gegner spricht, sagt er nicht All Blacks, sondern Neuseeland. Auch die Spieler haben seit dem Halbfinal-Erfolg gegen Argentinien das AB-Wort aus ihrem Vokabularium gestrichen. Selbst die Website und die Facebook-Seite der Wallabies sind seit dem Halbfinal-Erfolg gegen Argentinien vom Spitz- und Markennamen des Rivalen gesäubert. Die neuseeländischen Medien berichten mit höchstem Amüsement über das Thema, denn die Masche ist nicht neu. Cheika hat die Wortvermeidungstaktik vom Kollegen Clive Woodward abgeguckt, der sich dieses Manöver vor der Neuseeland-Tour der Lions – das ist die Auswahl der besten Spieler aus England, Schottland, Wales und Irland – 2005 einfallen liess, um am Mythos zu kratzen, der die All Blacks umgibt. Der Schuss ging nach hinten los, Neuseeland gewann die Serie 3:0, und Spielmacher Daniel Carter erlangte mit seinen Zauberauftritten Weltruhm. Der 33-jährige Kickspezialist, der den Final vor vier Jahren wegen einer schweren Trainingsverletzung nur als Zuschauer erlebte, beendet heute wie auch Captain Richie McCaw und vier weitere Veteranen seine lange internationale Karriere und lässt sich mit solchen Spielchen keine Angst einjagen.

Finalsieger wird Rekordchampion

Worte, die das neuseeländische Ensemble nur selten in den Mund nimmt, sind David und Pocock. David Pocock ist der herausragende Dritte-Reihe-Stürmer der Australier, der sich trotz zweier Veilchen und gebrochener Nase voll ins Getümmel stürzen wird. Von Angst ist bei den All Blacks jedoch keine Spur. Assistenztrainer Ian Foster versichert: «Wir werden seinetwegen nichts anders machen als sonst, bloss besser. Wir haben unsere Lektionen aus den letzten beiden Spielen in Sydney und Auckland gelernt und im Training längst integriert.» Der 36-jährige Hakler Keven Mealamu sagt vor seinem letzten grossen Auftritt zum Thema Pocock: «Er ist nur ein Teil des Teams. Wenn man sich nur auf eine Sache konzentriert, vernachlässigt man zu viele andere Aufgaben.»

Während die Politiker beider Länder trotz vieler Reibungspunkte gerne von «Familie, nicht nur Nachbarn» sprechen, ist die Beziehung der Rugby-Teams in eine transtasmanische Feindschaft abgedriftet. Die Eiszeit manifestierte sich vor vier Jahren, als sich der gebürtige Neuseeländer Quade Cooper auf dem Platz einige schmutzige Aktionen gegen Richie McCaw leistete. Der Captain der All Blacks ist auch jetzt Hasstiraden aus dem Nachbarland ausgesetzt. Der Fernsehsender Fox Sports bezeichnet den gewieften Dritte-Reihe-Stürmer in einer Parodie als «betrügerische Made», die in Australien inoffiziell zum Ungeziefer erklärt worden sei. Steve Hansen interpretiert das mediale Foul als «Zeichen der Bewunderung für den besten Spieler der Welt», der zudem ein Muster an Kontinuität und seit 2006 Captain der All Blacks ist. Die Wallabies verschlissen hingegen seit der WM 2011 mehr Spielführer (acht) als das wechselfreudige Land Premierminister (fünf). Das ist rekordverdächtig, aber nicht geschichtsträchtig. Mit einem dritten WM-Triumph können beide Mannschaften in die Annalen eingehen – und die All Blacks als erster erfolgreicher Titelverteidiger.