Interview

Sämi Scherrer, der nette Ringer von nebenan

Der 22-jährige Ringer aus Willisau erreichte Anfang Februar an der EM in Rom überraschend den zweiten Platz. Ab jetzt ist für ihn alles möglich.

Roger Rüegger
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Ringer Samuel Scherrer: «Zu einem guten Training gehört eine gesunde Portion Schmerzen.»

Ringer Samuel Scherrer: «Zu einem guten Training gehört eine gesunde Portion Schmerzen.»

Bild: Patrick Hürlimann (Willisau, 21. Februar 2020)

Wann haben Sie zuletzt jemanden auf den Rücken gelegt?

Sämi Scherrer: Fängt ja gut an. Im Wettkampf weiss ich nicht, wann dies zuletzt der Fall war.

Sie wurden doch kürzlich Zweiter an der EM in Rom?

Auf dem hohen Niveau gibt es selten Schulterschwünge, die einen Sieg zur Folge haben. Im Training kommt es eher vor. Im Ringen werden viele Wettkämpfe durch Punkte entschieden.

Erkennt man solche Punkt-Entscheide als Laie?

Man muss etwas vom Ringsport und dem Regelwerk verstehen, um Entscheidungen über Sieg und Niederlage einzuordnen. Vielleicht ist Ringen auch deswegen noch eine Randsportart.

Nach Rom wurden Sie und Ihre Teamkameraden von rund 50 Fans aus dem Hinterland begleitet. Haben Sie im Kampf die Anwesenheit der Schlachtenbummler wahrgenommen?

So eine Stimmung habe ich noch nie erlebt. Es waren nicht sehr viele Zuschauer zugegen, umso mehr haben alle in der Halle mitgekriegt, dass eine Delegation Schweizer Fans mitgereist war. Das war für uns ein Ansporn. Im Kampf jedoch hatte ich kein Gehör für das, was auf der Tribüne passierte.

Wie sehr setzten die Kämpfe an der Europameisterschaft Ihrem Körper zu?

Nach Wettkämpfen braucht der Körper schon ein paar Tage Erholung.

Wenn dieses Interview erscheint, ist die Fasnacht längst vorbei. Sie haben sich als Spitzensportler wohl nicht allzu sehr ins Zeug gelegt. Doch nach Ihrem Erfolg in Rom haben Sie sich bestimmt etwas amüsiert?

Natürlich. Wir waren zu viert unterwegs, alles Ringer. Ich als Zenturio. Bei der EM 2019 in Rumänien holte ein Kollege Bronze. Der rumänische Verband schenkte ihm einen Hut, den er 24 Stunden tragen musste. So entstand eine Tradition. Da ich in Rom glänzte, wurde mir der Helm eines römischen Zenturios überreicht.

So konnten Sie Ihren Triumph im Streitwagen zelebrieren, wie einst Cäsar?

Man hat mir tatsächlich einen Streitwagen gebaut. Dieser wurde anstelle von vier Pferden von einem Kollegen gezogen, der sich als Esel verkleidet hatte. Den Einzug durchs Städtchen zelebrierten wir ausgiebig.

Als Landmaschinenmechaniker arbeiten Sie 40 Prozent. Wie füllt man den restlichen Alltag als Ringer?

Die Arbeit und den Ringsport teile ich auf. Mit dem Nationalkader bin ich 200 Tage im Jahr im Ausland. Vor allem in Osteuropa sind wir häufig.

Skifahrer halten bei Interviews im Zielraum Ski und Trinkflasche in die Kamera, damit Logos der Sponsoren sichtbar sind. Welche Plattform bieten die Ringer?

Das Sponsoring verhält sich etwas anders. Weil ich in der Spitzensport-Rekrutenschule war, werden mir im Jahr 130 Tage vom Bund ermöglicht, solange ich im A-Kader trainiere. Sonst können wir Ringer eher auf kleinere Gönnerbeiträge zählen.

Thema Werbung. Ringen ist im Freiamt und im Hinterland populär. Als Schwinger hätten Sie eine ganz andere Ausgangslage. Schliesst das eine das andere aus?

Diese Frage habe ich erwartet. Schwingen ist für mich kein Thema. Es gab zwar auch Sägemehl-Ringerwettkämpfe in der Jugendzeit. Aber die haben mich nie wirklich gepackt, obwohl ich gerne hin gegangen bin. Doch auch wenn ich nicht der Sägemehl-Typ bin, ein Fan vom Schwingen war ich immer. Aber eben: Schwingen und Ringen sind verschiedene Sportarten mit ganz anderen Techniken. Es liegt nicht drin, beide Sportarten auf hohem Niveau zu betreiben.

Hätten Sie in dem Kampfsport, der in Käfigen ausgetragen wird und in dem fast alles erlaubt ist, Chancen?

Eine gute Ausgangslage hätte ich sicher. Aber es ist nicht mein Gebiet. Ich wäre zu nett.

Wenn Sie nett wären, würden Sie international kaum an der Spitze mitkämpfen?

Im Ringen geht das.

Als Buben lieferten wir uns oft Kämpfe. Auf Pausenplätzen schritten stets die Lehrer ein. Liegt in der Ringerhochburg Willisau die Toleranzgrenze bei Schulmeistern diesbezüglich höher?

In Willisau können sich Kinder im Schulsport-Training austoben. So wird es nie zu einem Thema auf dem Pausenplatz. Man gibt jungen Ringern mit auf den Weg, dass Wettkämpfe nur auf der Matte ausgetragen werden und nicht in der Schule oder privat.

Trotzdem. Waren Sie ein gefürchteter Kämpfer?

Viel zu nett.

Mir hat es nie Spass gemacht, auf den Boden gedrückt zu werden und gleichzeitig die Arme hinter dem Rücken verdreht zu bekommen. Muss man masochistisch veranlagt sein, um sich für den Ringsport zu begeistern?

Man muss sicher ein Typ sein, der mehr wegstecken kann als andere. Zu einem guten Training gehören neben Kondition, Kraft und Anstrengung auch Schweiss und eine gesunde Portion Schmerzen.

In Rom waren die schnell vergessen. Wie hoch ist Ihr Erfolg eigentlich zu werten?

Für mich ist ein Kindheitstraum wahr geworden. Wenn du auf dem Podest stehst, weisst du, dass sich die harte Arbeit gelohnt hat. Es war der erste Finaleinzug im Freistil-Ringen eines Schweizers an einem Grossanlass seit 74 Jahren. Darauf darf ich sicher auch stolz sein.

Ihre Schwestern sind erfolgreiche Leichtathletinnen, Vater Pius und Onkel Rolf waren Ringer. Rolf sogar zweimaliger Olympiateilnehmer. Wie wichtig ist für Sie die Quali für Olympische Spiele?

Vielleicht wäre Olympia dieses Jahr noch zu früh gewesen. Mein Gewicht stimmt noch nicht optimal, ich müsste noch fünf Kilogramm zulegen. Aber ich werde alles daran setzen, an Qualiturnieren einen Quotenplatz zu holen, wobei noch nicht festgelegt ist, wann und wo diese stattfinden werden. Nur die jeweiligen Finalteilnehmer dieser Turniere können an Spielen teilnehmen. Aber bekanntlich ist nichts unmöglich.

Die Olympischen Sommerspiele werden nun aber nicht mehr dieses Jahr, sondern erst 2021 in Tokio stattfinden. Das ergibt eine völlig neue Ausgangslage für Sie. Welches Ziel verfolgen Sie?

Meine langfristige Planung ist nach wie vor auf die Spiele in Paris 2024 ausgelegt.

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