Kolumne

Sarah Akanji findet: «Roger Federer ist unser Vorzeigeschweizer. Aber er ist eben auch Südafrikaner, das darf gerne gesagt werden»

Roger Federer steht für die Schweiz wie kein anderer Sportler. Dabei ist er nicht nur Schweizer, sondern auch Südafrikaner. Etwas, was selten erwähnt wird - im Gegenteil zu ganz vielen Sportlern, die stets mit deren Wurzeln in Verbindung gebracht werden. Wieso? Eine Frage, die sich Sarah Akanji in ihrer neusten Kolumne stellt.

Sarah Akanji
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Sarah Akanji.

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Roger Federer. Ein Ausnahmesportler. Ein Idol. Ein Schweizer Held. Für Einige der beste Sportler aller Zeiten bezeichnen. Er fasziniert nicht nur im Tennis, sondern zieht die gesamte Sportwelt in seinen Bann. Roger Federer erreichte Unfassbares, Rekorde über Rekorde, begeistert mit seiner sauberen, eleganten Technik, brilliert durch Ausdauer und Cleverness. Er berührt das Publikum mit seinen Gefühlsausbrüchen, wickelt sie mit seiner sympathischen Art um den Finger, sodass seine Fangemeinschaft weit über die Schweiz hinausreicht.

Und genau das ist es, was Federer auszeichnet: Er ist nicht nur eine Sportmaschine, er ist auch Mensch. Ein Sportler, der Lachanfälle und Wutausbrüche hat, sich sehr reflektiert gibt, der seinen Gegenspielern Fairness entgegenbringt und nahbar wirkt. Und als wäre dies nicht genug, vertritt er mit auch noch «Schweizerische Werte»: Federer ist korrekt, bescheiden, zuverlässig. Ein Vorzeigeschweizer also. Das ganze Land ist stolz auf ihn. Und bestimmt ist das auch Südafrika.

Südafrika? Genau, Südafrika. Federer ist zur Hälfte Südafrikaner, also nur Halbschweizer – oder wie ich es gerne nenne: Ganz Schweizer aber ebenso ganz Südafrikaner. Und Sie denken sich sicherlich: «Was, wirklich? Das wusste ich nicht» oder «Stimmt, hab ich vergessen».

Roger Federer. Vorzeigeschweizer und Halb-Südafrikaner.

Roger Federer. Vorzeigeschweizer und Halb-Südafrikaner.

Freshfocus

Für mich als Schweizerin und Nigerianerin ist dies besonders spannend, denn mein Familienhintergrund ist tagtäglich ein Thema. Dauernd werde ich auf «meine Wurzeln» angesprochen, in der Annahme, dass ich ja nicht ganz Schweizerin sein kann. Bei meinem Bruder und mir wird ständig «Sohn/Tochter eines Nigerianers» geschrieben. Steht bei Roger Federer jemals «Sohn einer Südafrikanerin»?

Ich mag mich an keinen medialen Beitrag erinnern, bei welcher Federers afrikanischer Hintergrund thematisiert wird, wie es beispielsweise bei meinem Bruder ständig der Fall ist. Wieso wird er als ganzer Schweizer angesehen, währenddessen dies bei anderen Sportpersönlichkeiten aberkannt wird? Ein Diskussionsansatz wäre, ob die Gesellschaft uns mehr über die Männer in unserer Familie definiert. Denn bei Federer ist die Mutter Afrikanerin, der Vater Schweizer. Mein Verdacht ist aber ein anderer: Der Name Roger Federer hört sich schweizerisch an und noch wichtiger: Er ist weiss und hat europäische Gesichtszüge.

Alex Wilson ist allzu oft «der gebürtige Jamaikaner», bei Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri werden die kosovo-albanische Wurzeln immer diskutiert. Sie haben gemeinsam, dass ihr familiärer Hintergrund ihrer Identität zugewiesen wird und sie deshalb öfters nicht als ganze Schweizer wahrgenommen werden. Sportlerinnen und Sportler werden in meinen Augen viel zu unkritisch als ganze Schweizer oder nicht ganze Schweizerinnen portraitiert. Wieso ist die Familiengeschichte für die Öffentlichkeit relevant? Spielt denn die Herkunft für die sportliche Leistung eine Rolle?

Federer wird als Personifikation der Schweiz gebraucht. Federer ist die Schweiz. Die Schweiz ist Federer. Doch das Bild, welches wir haben, hätte auch ganz anders sein können. Er hätte als typischer Schweizer dargestellt werden können, eben genau weil seine Familie einen Migrationshintergrund hat. Oder er könnte als Verkörperung dafür dienen, dass die Schweiz divers ist, dass sie nicht aus ganzen oder halben Schweizern besteht, aus Ganz-Dazugehörigen oder Halb-Dazugehörigen.
Zurück bleiben also Fragen. Wieso als dies nicht so dargestellt wird, wie es möglich gewesen wäre. Für ein Bild von einer Schweiz der Diversität.

Nun, ich habe keine abschliessende Antwort dazu. Vielleicht können Sie mir ja eine geben.

Sarah Akanji, 27, ist Politikerin, darf sich auch als Historikerin bezeichnen, spielt Fussball im schönen Winterthur und outet sich als Taktik-Fan. Sie schreibt im Wechsel mit Steffi Buchli, Florence Schelling und Céline Feller jeden Samstag über die dringendsten Sportthemen.