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Sascha Ruefer: «Ich habe den Kopf geschüttelt über mich selbst»

Sascha Ruefer (47) spricht über Abgänge beim SRF, seine Rolle als Kommentator des Fussball-Nationalteams, und er erzählt, wie er gelernt hat, mit Kritik umzugehen.
Etienne Wuillemin
Sascha Ruefer kommentiert die Spiele der Schweizer Nationalmannschaft. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 24. Mai 2016)

Sascha Ruefer kommentiert die Spiele der Schweizer Nationalmannschaft. (Bild: Dominik Wunderli, Luzern, 24. Mai 2016)

An diesem Wochenende beginnt für die Schweizer Fussballer die EM-Qualifikation. Das bedeutet auch: Sascha Ruefer steht wieder im Mittelpunkt. Die TV-Schweiz wird ihm zuhören, wie er die Spiele kommentiert und analysiert.

Bevor der 47-jährige Luzerner mit dem Nationalteam nach Georgien flog, wo die Schweiz am Samstag um 15 Uhr spielt, nimmt er sich in einem Hotel ganz in der Nähe der Fernsehstudios Zeit, um über seine Zukunft und jene des Fernsehens zu reden.

Sie kommentieren seit bald zehn Jahren die Spiele der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Wird man dadurch automatisch auch zum Fan?

Nein, da darf ich mir nicht zu viel erlauben. Vom Moment an, wo die Zuschauer hören würden, dass da ein «Fan» am Werk ist, müsste ich aufhören. Natürlich ist es so, dass ich mich freue, wenn die Schweiz gewinnt. Sagen wir es so: Das Nationalteam ist eine Herzensangelegenheit. Ich flippe bei einem tollen Tor gerne aus, und das ist dann auch nicht gespielt. Und gleichzeitig begleite ich die Spiele mit einer kritischen Haltung. Fan bin ich nur von einem Klub.

Von Bayern München. Verändert das die Ausgangslage, wenn Sie Spiele der Bayern kommentieren?

Das gehört eben auch zum Job. Polizisten müssen sehr oft im Leben darauf achten, wenn sie Kriminalfälle lösen, die Emotionen nicht zu sehr an sich ranzulassen. Ich mache das auch, ich muss mich dann auch abgrenzen.

Das Los des Kommentators ist es, dass sehr viele Zuschauer das Gefühl haben: «Das könnte ich selbst viel besser!» Stört Sie das?

Mittlerweile lässt mich das kalt. Aber es hat eine Geschichte dahinter. Als Kommentator stehst du immer unter grossem Druck. Es gab eine Zeit, da liess ich die bösen Kommentare zu nahe an mich ran. Wobei heute der Frust eben via Social Media viel schneller formuliert ist. Früher musste man noch einen anständigen Leserbrief schreiben – die Hürde war selbstredend um einiges höher.

Wie haben Sie es geschafft, sich abzugrenzen?

Rund um die WM 2014 in Brasilien wusste ich plötzlich nicht mehr so genau: Bin ich auf dem richtigen Weg? Oder nicht so gut unterwegs? Ich habe mich darum mit einem Coach unterhalten und viele Dinge zurechtgerückt. Der hat mir beispielsweise gesagt: Wenn von 100 Kommentaren 90 finden, der Ruefer sei eine Pfeife, dann muss ich mich zwingen, auch eine andere Perspektive einzunehmen. Nämlich, dass von etwa einer Million Zuschauern oder noch mehr bei einem WM-Spiel sehr viele Leute nichts schreiben. Und häufig geschieht das, weil man zufrieden ist.

Ihre Meinung zur neuen virtuellen Welt scheint gemacht.

Das ist so. Die Welt will uns sagen, ohne Social Media gehts nicht. Genauso absolut sage ich: Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt funktioniert tadellos ohne. Social Media haben wunderbare Vorteile, auch für uns Medienschaffende – allerdings ist der Umgang und die Wichtigkeit, die Social Media zugemessen werden, in meinem Empfinden zweifelhaft. Und ich persönlich finde die neue Währung Klicks und Likes fatal schwach.

Aber es gibt ja auch die andere Seite: Wenn nach einem emotionalen Schweizer Nati-Spiel mit einem noch emotionalerem Kommentator Sascha Ruefer aus Deutschland Forderungen aufkommen, man müsse doch endlich auch so einen Kommentator haben. Dann fühlen Sie sich doch auch gebauchpinselt, oder?

Natürlich. Genauso, wenn ich von einem Berliner Radio den Award für den emotionalsten Kommentator der WM 2018 erhalte. Wobei gebauchpinselt? Nein, da muss man einfach aufpassen. Ich versuche, mich aus dieser Wichtigkeit herauszunehmen – oder dieser suggerierten Wichtigkeit. Ich war einer, der durchaus schon aufs Maul gefallen ist, dem Arroganz und Schludrigkeit nachgesagt wurden. Und ich habe im Rückblick auch schon das eine oder andere Mal den Kopf geschüttelt über mich selbst.

Warum?

Es gibt ein Bild, das mich in jungen Jahren mit dem Bayern-Trikot ablichtet im Fernsehstudio, das ist Dummheit hoch fünf – und bringt schlicht nichts. Weil es mir ein Leben lang vorgehalten wird und die Kritiker auf ewig auf den Plan ruft. Im Zeitalter der Smartphones musst du ganz genau abschätzen, was du machst. Und ob es dir auf Dauer wirklich etwas bringt oder nicht eher schaden könnte.

Können Sie sich auch im Alltag abgrenzen – oder stellen Sie fest, dass Sie auch dort im Kommentatorenmodus sind?

Ich denke nicht, nein. (überlegt) Wobei, wenn ich so darüber nachdenke, manchmal ertappe ich mich schon, wie ich darüber nachdenke, wie ich gewisse Themen vor dem Mikrofon dann erzähle. Und wenn es in der Freizeit um das Nationalteam geht, dann haue ich manchmal schon einen ziemlichen Monolog raus. Das ist mir vor allem nach der Doppel-Adler-Geschichte aufgefallen.

2018 war das Jahr des Doppel-Adlers. Haben Sie schon einmal ein ähnlich ereignisreiches Jahr rund um das Nationalteam erlebt?

Nein. Unter Ottmar Hitzfeld gab es nie vergleichbare «Lämpen». Es ist so, das Nationalmannschaftsjahr 2018 bleibt in Erinnerung wegen des Doppel-Adlers und seiner Nachwirkungen. Es war eine simple Geste, die niemandem wehtut, aber doch so viele Diskussionen ausgelöst hat.

Wie haben Sie diesen Moment hinter dem Mikrofon erlebt?

Wegen meiner slawischen Abstammung, ich bin Halb-Slowene, ahnte ich – wie viele andere übrigens auch –, dass Schweiz – Serbien ein schwieriges Spiel werden könnte. Dass es Provokationen geben würde, war klar. Aber mit dem Adler hätte ich nicht gerechnet. In jenem Moment ging mir der Laden runter. Nicht weil ich mit dem Finger auf Xhaka oder Shaqiri zeigen möchte. Ich denke, die Geste war auch nicht bös gemeint. Aber die Dimension war sofort klar.

Sie haben die Aktion am Mikrofon als «dumm und dämlich» bezeichnet. War Ihnen bewusst, dass Sie in diesem Moment als Kommentator sehr zur Meinungsbildung beitragen?

Nein, das war es mir nicht. Ich habe diese Worte gesagt und dazu stehe ich. Im Nachhinein würde ich es vielleicht eher so formulieren: «unüberlegt und absolut unnötig.» Mir wurde vorgeworfen, ich hätte Meinung gemacht, politisiert und die Stimmung angeheizt. Ich habe dieses Spiel für 1,6 Millionen Menschen kommentiert, ich denke, es ist kaum möglich, dass sich alle nur wegen mir gedacht haben: Aha, das ist ja eine politische Dimension. Ich frage mich: Hätte ich denn nichts sagen sollen? Und wäre die Diskussion dann ausgeblieben? Wohl nicht. Ich habe sie also höchstens angestossen, aber nicht entfacht. Klar ist: diese Geschichte ist in meiner Karriere als Kommentator eines der ganz wichtigen Ereignisse. Weil sie mir aufgezeigt hat, wie sehr die Meinung eines Kommentators noch immer Gewicht hat.

Haben Sie daran gezweifelt?

Ich will nicht sagen gezweifelt. Aber mit dem Aufkommen der sozialen Medien kann sich jeder auf eine Art journalistisch betätigen und Meinungen kundtun. Das hat dazu geführt, dass vieles verwässert wurde. Manchmal denke ich, es ist wieder wie früher in der Steinzeit: Wer am lautesten schreit, wird gehört.

Ganz allgemein: Hat das Fernsehen an Bedeutung verloren?

Das Fernsehen befindet sich im Umbruch. Aber an Bedeutung verloren? Nein, das sehe ich nicht so. Es hat sich vielleicht geändert, dass es plötzlich mehrere Kanäle gibt, auf denen sich die Leute neue Informationen holen. Darum müssen sich die TV-Stationen überdenken, herausfinden, wie sie ihre Rolle in der neuen Medienwelt interpretieren. Aber ich bin überzeugt: Das Fernsehen bleibt das wichtigste Medium. Auch, um den Menschen eine Grundlage zu geben, eine eigene Meinung bilden zu können.

Wie soll die Strategie der Fernsehsender aussehen, um gegen Netflix und Co. anzukämpfen?

Ich sehe keinen Kampf.

Warum nicht?

Netflix ist zwar eine Plattform, wo der Zuschauer auswählen kann, was er gerade sehen will. Aber die Entwicklung, dass lineares Fernsehen überholt ist, gibt es schon lange. Heute ist dank neuer Technologien und Replay jeder Zuschauer selbst der Programmchef.

Wobei der Sport ein grosser Trumpf ist. Sport ist je länger, je mehr nur «live» von Interesse. Sonst ist der Zauber der Emotionen verflogen.

Da widerspreche ich nicht. Davon bin ich auch überzeugt. Und darum geniesst der Live-Moment beim SRF-Sport einen grossen Stellenwert.

Gerade beim Fussball wird SRF auch immer mehr bedrängt. Die Champions League gibt es nur noch am Mittwoch. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

Die Entwicklung hat sich abgezeichnet. Rund um die Schweiz ist Live-Fussball kaum mehr im Free-TV verfügbar. Die Schweiz genoss und geniesst immer noch Oasen-Status. Nirgends in Europa gab und gibt es so viel Live-Fussball frei verfügbar. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Live-Fussball vom Sender verschwindet.

Und wenn doch: Wechseln Sie zu einem privaten Anbieter?

(überlegt) Es gibt keinen Grund, um schon darüber nachzudenken, SRF zu verlassen. Ich habe SRF viel zu verdanken und die Gegenwart ist äusserst spannend. Mein Portfolio mit den Sachen, die ich begleiten kann, ist gewaltig. Nationalteam, Champions League, Wintersport, Olympische Spiele, ich kann Sendungen moderieren. Das alles fordert mich sehr, darum gibt es bei mir keine Gedanken, im Moment etwas anderes zu machen.

Noch mal: Ein SRF ohne Live-Fussball – das wäre nichts für Sie!

Da sind wir jetzt ein bisschen zu sehr Mike-Shiva-mässig unterwegs. Jeder Arbeitnehmer befindet sich ja ständig in einem Prozess. Und natürlich überprüfe auch ich stets, ob das Portfolio noch stimmt. Aber es gilt auch, eine gewisse Demut zu bewahren. Loyalität ist für mich nicht nur ein Wort.

In letzter Zeit haben sich die Abgänge von Stars jedoch gehäuft. Jonas Projer, Roman Kilchsperger, Matthias Hüppi, Steffi Buchli – Beni Thurnheer zog sich seit längerem zurück. Hat SRF an Glanz verloren als Arbeitgeber?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich für meine Person teile diese Ansicht nicht. Ich sehe es anders: Früher, da haben ein Rainer Maria Salzgeber oder ich sehr davon profitiert, uns im Schatten von Hüppi oder Thurnheer aufhalten zu können. Das ist wunderbar für die Entwicklung. Jetzt, wo diese grossen Figuren weg sind, ist es auch an uns, mehr Verantwortung zu übernehmen. Und wir haben plötzlich viel mehr Einfluss auf die Jungen. Ich möchte ihnen genauso viel weitergeben können.

Was hat der Wechsel von Jonas Projer zum «Blick» bei Ihnen ausgelöst?

Jonas hat für mich SRF auch verkörpert. Er war ein wichtiger Faktor für mich in der politischen Meinungsbildung. Er gehörte fast schon zur Politik. Ich habe seinen Weggang bedauert. Genauso wie jene von Kilchsperger, Hüppi oder Buchli. Es zeigt mir schon, dass vieles im Wandel ist.

Wechseln wir zum Abschluss zum Fussball: Ist die EM-Qualifikation für die Schweiz Pflicht?

Das muss der Anspruch sein dieser Nationalmannschaft. Mit dieser Reputation und diesen Spielern, da ist der zweite Gruppenrang Pflicht. Die tollen Leistungen im vergangenen Herbst zeigten, wozu die Schweiz eigentlich fähig ist.

Die Befürchtung ist: Die Schweiz kann in dieser Qualifikation fast nur verlieren. Dänemark, Irland, Georgien und Gibraltar – die Gegner sind gefährlicher, als sie tönen.

Ja, das ist so. Und es folgt nun eine wichtige Phase für dieses Team. Es hat ein Umbruch begonnen. Das heisst nicht nur: Spieler auswechseln und dann klappt es. Behrami ist noch nicht lange weg, Dzemaili ebenfalls nicht. Captain Lichtsteiner ist wieder ein bisschen dabei. Und es gibt andere Positionen, die man mittelfristig ersetzen muss. Das alles braucht Zeit. Und darum wird dieses Länderspieljahr 2019 sehr wichtig.

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