Schach-Schweizermeister Sebastian Bogner: «Ein schlechter Zug zerstört die ganze Partie»

Die beiden WM-Teilnehmer Magnus Carlsen und Fabiano Caruana verdienen gutes Geld, anders als der Schweizer Meister. Sebastian Bogner über den Alltag eines gewöhnlichen Grossmeisters, das grösste Ärgernis am Brett und das Spiel gegen Carlsen.

Philipp Wolf
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Ein Schachspieler muss auch körperlich fit sein. (Bild: Getty)

Ein Schachspieler muss auch körperlich fit sein. (Bild: Getty)

Sebastian Bogner trägt denselben Titel wie die Schachgenies Magnus Carlsen und Fabiano Caruana. Alle drei sind «Grossmeister». Vom Niveau Carlsens und Caruanas, die bisher an der WM gleichauf sind und heute ihre neunte Partie bestreiten, ist der 27-jährige Deutsche dennoch weit entfernt. In der Weltrangliste trennen den gelernten Industriekaufmann rund 200 Punkte von den beiden WM-Finalisten. Das sind Welten. Bogner sagt, so ein grosser Abstand sei in etwa zu vergleichen mit dem Stärken­unterschied zwischen erster und dritter Fussballbundesliga, wenn überhaupt.

Um Schachgrossmeister zu werden, gilt es, eine Reihe internationaler Normen zu erfüllen und Resultate zu erzielen. Mittlerweile tragen weit über tausend Spieler diesen seit 1950 verliehenen Titel. Die wenigsten Grossmeister können wie Carlsen oder Caruana vom Schachsport leben. Der amtierende Schweizer Meister Bogner kann es, zumindest ­indirekt. Er verdient seinen Lebensunterhalt mit Schachunterricht. Er lehrt junge Schachspieler und begleitet diese teilweise an Turniere. Daneben absolviert Bogner das Studium zum Betriebswirtschafter in Rapperswil.

Täglich ein- bis zweistündige Taktiktrainings

Lehrt er, der seit gut fünf Jahren für Schweizer Vereine spielt, kein Schach, trainiert er. Täglich absolviert Bogner ein- bis zweistündige Taktikübungen. Drei Wochen, bevor Bogner ein Turnier spielt, beginnt er mit der unmittelbaren Vorbereitung. Dann stehen täglich drei bis vier Stunden Training auf dem Plan. Bogner arbeitet sich alleine, ohne Trainer oder Übungspartner, am Computer und Brett durch Varianten und Taktiken. Ein paar Mal pro Jahr trainiert Bogner mit einem ungarischen Grossmeister.

Zum Programm gehört neben der Kopfarbeit auch der Gang ins Fitnessstudio. «Körperliche Fitness hilft dabei, bei längeren Partien weniger Fehler zu machen», sagt Bogner. Sie hilft, Konzentrationsschwächen nach stundenlangem Spielen zu vermeiden. «Im Schach ist es so: Wenn du einen Fehler machst, musst du die ganze ­Partie über leiden.» Deshalb ­versucht man, durch physisches Training die Ausdauer am Brett zu fördern. Das hat zur Folge, dass kein einziger Weltklassespieler übergewichtig ist.

Je besser die Vorbereitung, umso schöner das Spiel

Trotz des monotonen Trainingsalltags hat der Pforzheimer nach wie vor viel Freude am Schach. Gefragt nach dem Spassfaktor im Spiel beginnt Bogner eine längere Ausführung. Wenn eine Partie so verlaufe, wie man diese im Training vorbereitet hat. Wenn Varianten auf dem Brett stehen, die man sich zuvor ausgemalt hat, und sich eigene Berechnungen als richtig herausstellen. In solchen Momenten mache Schach Spass. Bogner vergleicht diese Augenblicke mit Situationen, die auch andere Sportler kennen. Der Tennisspieler beispielsweise, dem alles gelingt und der aus jeder Lage Winner schlägt. Kommt man als Schachspieler in einen solchen Zustand des absoluten Selbsvertrauens, muss man während des Spiels weniger lange überlegen, spart wertvolle Zeit und kann einfacher auf die eigene Intuition vertrauen.

Zur Veranschaulichung einer «vorhergesagten» Situation baut der Deutsche auf einem Schachbrett eine Stellung auf, die er kürzlich an der Schacholympiade spielte. «Die Stellung fand ich einerseits der relativen Symme­trie wegen schön, und andererseits weil ich diese Stellung im Laufe des Spiels vorhergesehen habe», sagt Bogner. Die Partie lief weiter, und Bogner war auf der Siegerstrasse. Er hatte sich zwei Mehrbauern erarbeitet, was auf Grossmeisterniveau praktisch dem Gewinn der Partie gleichkommt.

Bogner verspielt Sieg mit riesen Fehler

Doch dann setzte ein Phänomen ein, das auch an der derzeitigen WM schon ein-, zweimal zu beobachten war: Schachblindheit. Bogner übersah, nach über fünf Stunden Spielzeit, eine simple Zugmöglichkeit des Gegners. Basierend auf dieser Blindheit machte der Deutsche einen aus seiner Sicht haarsträubenden Zug, und sein Gegner kam aus einer eigentlich bereits verlorenen Stellung doch noch zu einem Remis. Es sei furchtbar, den eigenen Fehler Augenblicke später zu realisieren. Bogner sagt:

«Am liebsten hätte ich mich direkt am Brett erschossen.»

Mit einem einzigen Zug ist alles, was man sich zuvor über Stunden erarbeitet hat, dahin. «Es ist brutal», sagt Bogner. Brutal, ein Wort, das immer wieder fällt, wenn es um Schach geht. Caruana beispielsweise, der seinen ersten WM-Titel anstrebt, bezeichnet den Sport als brutal, jede einzelne Partie als Schlacht und zieht gar Parallelen zur Kampfsportart Mixed Martial Arts.

Selbstvertrauen ist ebenso wichtig wie Talent

Begeht man vermeintlich unerzwungene Fehler, wie Bogner in besagter Partie an der Schach­olympiade, leidet das Selbstvertrauen. Werden einmal zwei, drei Züge übersehen, keimt Misstrauen gegenüber der eigenen Intuition und den eigenen Fähigkeiten auf. «Dann kann ein Gefühl der Unsicherheit überhandnehmen», sagt Bogner. Man überlegt länger, verliert Zeit und geht keine Risiken mehr ein. Die besten Spieler sind folglich nicht diejenigen mit dem meisten Talent, sondern diejenigen, die sowohl über Talent als auch Selbstvertrauen verfügen.

Bogner sieht das immer wieder bei Schülern, die er selbst betreut. Wenn man andauernd Angst habe, Fehler zu machen, könne man noch so viel Talent haben, sagt Bogner. Wie wichtig Selbstvertrauen an der Weltspitze ist, zeigt ein Blick auf Weltmeister Carlsen. Dieser war neben seiner Genialität lange Zeit ebenso für sein scheinbar unerschütterliches Selbstvertrauen und seinen unbändigen Siegeswillen bekannt. Dass Carlsen an der diesjährigen WM, und bereits an der WM vor zwei Jahren, oft zögerlich und nicht mit der ihm eigenen Zielstrebigkeit zu Werke ging, führen Experten darauf zurück, dass das Selbstvertrauen des Norwegers nicht mehr so gross ist wie auch schon.

Carlsen setzte Bogner in 30 Zügen matt

Wie gnadenlos Carlsen bei vollem Selbstvertrauen am Brett sein kann, bekam Bogner vor Jahren am eigenen Leib zu spüren. An einem seiner ersten Grossmeister-Turniere traf er auf das norwegische Wunderkind. Bogner war 14 und Carlsen 15. In einer «Spanischen Abtauschvariante» brachte Carlsen einige Neuerungen ein und setzte sein Gegenüber nach 30 Zügen mitten im Zentrum matt. 13 Jahre später sind beide Grossmeister. Doch nur einer der beiden ist dreimaliger Weltmeister.

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