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Schach: Die groteske Welt der WM-Duelle

Der WM-Finalkampf zwischen dem dänischen Titelverteidiger Magnus Carlsen und dem Amerikaner Luigi Caruana spitzt sich zu. Unser Schachexperte analysiert den bisherigen Verlauf – und erinnert sich an legendäre Titelkämpfe.
Vlastimil Hort

Neun von zwölf Partien des WM-Finals 2018 wurden bereits gespielt. Drei Viertel haben die beiden Kontrahenten hinter sich, Verlängerung ausgenommen – jedes Mal wurde unentschieden gespielt. Die Kritik wird immer lauter. Aber, liebe Schachgemeinde, vergessen Sie bitte nicht, dass sich hier die beiden derzeit stärksten Spieler der Welt gegenübersitzen. Nur ein minimaler Unterschied (3 Punkte) in ihrer ELO-Wertung trennt sie. Zwei gleichstarke Gladiatoren kämpfen in London regelrecht auf Messers Schneide um den Sieg. Da liegt es in der Natur des Schachspiels, dass man auf eine Siegpartie ein wenig warten muss.

Bis jetzt haben sich der Weltmeister Magnus Carlsen und sein Herausforderer Fabiano Caruana fast fehlerfreie Leistungen geliefert. Genauso wie die Super-Super-Computer!

Seltsamerweise haben die weissen Steine bisher keinerlei Vorteil gebracht. Caruana stand in der ersten Partie mit Weiss sogar auf Verlust. In der sechsten Partie (Russisch) war Carlsen auch mit Weiss stark unter Druck.

Ich mag diesen Wettkampf sehr, besonders wegen der komplizierten Endspiele. Beide Akteure agieren sehr universal, so dass die Schachfans bestens auf ihre Kosten kommen. Nein, langweilig ist dieser Wettkampf nicht! Es sind keine kurzen Partien, die die beiden spielen. Sie nutzen ihre Chancen bis zum möglicherweise «bitteren» Ende. Vielleicht kennen Sie die witzige Schachpostkarte, auf der zwei niedliche Bärchen am Spieltisch sitzen? Vor sich haben sie ein Brett, auf dem sich nur noch zwei einsame Könige gegenüberstehen. Und die Bärchen spielen weiter und weiter …

So massierte Weltmeister Magnus Carlsen ganze 115 Züge lang den Herausforderer in der ersten Partie. Luigi Caruana revanchierte sich in der sechsten Partie mit Schwarz. Die Massage dauerte da allerdings «nur» 80 Züge.

9. Remis im 9. Spiel

Auch die neunte Partie der Schach-WM in London zwischen Weltmeister Magnus Carlsen und Herausforderer Fabiano Caruana endete mit einer Punkteteilung. In der Gesamtwertung steht es damit 4,5:4,5. Der 27-jährige Titelverteidiger aus Norwegen erspielte sich nach der Eröffnung zwar einen Vorteil, doch den gab er durch hektisches Spiel letztlich wieder her.

London. WM (klassische Bedenkzeit/1 Mio. Dollar). 9. Runde: Caruana (USA/weiss) – Carlsen (NOR/TV) 0,5:0,5 (nach 56 Zügen). – Zwischenstand (9/12): 4,5:4,5. – Modus: Gespielt wird auf 6,5 Punkte. Steht es 6:6, fällt die Entscheidung am 28. November im Tiebreak bei Partien mit verkürzter Bedenkzeit.

Hier noch ein paar Müsterchen aus der faszinierenden, manchmal grotesken Welt der WM-Duelle.

Die absichtlichen Niederlagen von Fischer

«I wanted to break his ego first», beschrieb der Amerikaner Bobby Fischer den WM-Sieg von 1972 über Boris Spassky. Über seine ersten zwei Niederlagen am Anfang des Matches wurde sehr viel spekuliert. 1993 habe ich Bobby Fischer in Budapest besucht, und wir beide kamen auf diesen legendären Wettkampf zu sprechen. Es war ein Schock für mich, als er mir gestand, dass er auch noch die dritte Partie in diesem Match absichtlich verlieren wollte. Seine Angst und sein Respekt vor dem Schachweltverband (Fide) und nicht etwa vor Spassky waren jedoch zu gross. Hätte die Fide-Kommission ihm das ohne Strafe überhaupt durchgehen lassen?

Der leere Aschenbecher von Lasker

Berühmt-berüchtigt ist auch die Konfliktsituation von 1934 während der Partie Nimzowitsch – Lasker. Damals war das Rauchen am Spieltisch noch nicht verboten. Aron Nimzowitsch, der Meister der Blockade, beklagte sich beim Schiedsrichter über Emanuel Lasker. Warum? Auf dem Spieltisch stand vor Weltmeister Lasker, der kubanische Havanna-Zigarren vergötterte, ein leerer Aschenbecher. «Ich rauche doch überhaupt nicht», wehrte sich Lasker gegen die Beschwerde. «Sie drohen zu rauchen», entgegnete Nimzowitsch, «das ist noch viel schlimmer!»

Das Geburtstagsgeschenk von Aljechin

José Raul Capablanca und Alexander ­Aljechin hassten sich ein Leben lang. Ihr Wettkampf in Buenos Aires 1927 dauerte 34 Partien lang. Aljechin gewann (+6 = 25-3), musste sich währenddessen aber aus gesundheitlichen Gründen alle Zähne seines Oberkiefers ziehen lassen. Elf Jahre später fand das berühmte Avro-Turnier in Holland statt. Capablanca feierte dort während des Turniers seinen 50. Geburtstag. Genau an diesem Tag stand auch die Partie Aljechin – Capablanca auf dem Programm. Aljechin erschien zur Partie verspätet – bewusst? – und spielte so stark, dass Capablanca nirgendwo eine Chance für sich entdecken konnte. «Und das war mein Geburtstagsgeschenk an Capablanca», meinte Al­jechin nach der gewonnenen Partie ­ironisch.

Die kickenden Beine unter dem Tisch

Oder die dramatischen Partien zwischen Viktor Kortschnoi und Tigran Petrosjan. Vorsichtshalber waren dabei immer mehrere Schiedsrichter im Einsatz, denn die Streithähne unterliessen es nicht, sich jeweils unter dem Spieltisch heftig mit den Füssen zu kicken. Das wurde schliesslich beendet, indem eine Holzwand unter dem Tisch ihre Beine zur Ruhe zwang.

Kortschnois Kampf gegen die Sowjetunion

Oder der spektakuläre Wettkampf Kortschnoi – Karpow im philippinischen Baguio City 1978. «Viktor der Schreckliche», damals schon in die Schweiz emigriert, kämpfte nicht nur auf dem Brett, sondern auch verbal gegen das ganze sowjetische (Schach-)Imperium! In der Schachszene kursierten viele Gerüchte über den heissen Draht von Genosse Anatoli Karpow zu Staatschef Leonid Breschnew. Zumindest die sowjetischen Karpow-Konkurrenten bekamen diese politische Liaison zu spüren …

Die siamesische Katze von Madame Aljechin

Ludek Pachman, Politiker, Publizist und starker Schachspieler, schrieb in seinen Memoiren über das Turnier in Prag 1943: «Ich gewann gegen Opocensky, und Aljechin lud mich zum Analysieren in seine Hotelsuite. Leider war mir die siamesische Katze von Madame Aljechin nicht besonders freundlich gesonnen. Ein paar schmerzhafte Kratzer waren das Ergebnis.» Vielleicht waren Pachmans Züge am Brett der Katze nicht gut genug?

Wer macht in London den ersten Fehler?

Schade, schade, dass Garry Kasparow mit Schach aufgehört hat. Ich habe drei geniale Weltmeister kennen gelernt: Michail Tal, Bobby Fischer, Garry Kasparow. Vielleicht muss ich die Liste nach dem aktuellen Wettkampf C gegen C erweitern. Man erlebt in London übrigens keinerlei Feindschaft oder absichtlich böse Fouls. Hart, aber fair. Ich wage eine Prognose: Wer von den beiden den ersten ernsthaften Fehler macht, wird das Duell verlieren. Errare humanum est!

Zum Autor dieses Artikels:
Vlastimil Hort (74, Bild) wurde 1944 in Kladno (damalige Tschechoslowakei) geboren. Er wurde 1962 Internationaler Meister (IM) und ist seit 1965 Grossmeister (GM).!
Die Landesmeisterschaft der Tschechoslowakei gewann er sechsmal (1970, 1971, 1972, 1975, 1977, 1984). 1970 wurde Hort zudem im legendären Match UdSSR gegen den Rest der Welt auf Brett 4 gesetzt und besiegte den Russen Lew Polugajewski 2,5:1,5. Horts beste Platzierung auf Rang 6 in der Fide-Weltrangliste datiert auf 1977. Ausserdem ist er noch heute ein Spezialist im Blindschach. Hort spielte von 2013 bis 2015 für den Schachklub Luzern in der NLA. Horts höchste ELO-Zahl (Schachranking) lautet 2620 (1978), momentan liegt sie bei 2414 (Carlsen 2835/Caruana 2832).

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