Interview

Ex-Schiedsrichter Pascal Erlachner: «Endlich kann Curdin Orlik mit dem Versteckspiel aufhören»

Ende 2017 sagte der Solothurner Schiedsrichter Pascal Erlachner öffentlich: «Ich liebe Männer». Im Interview erzählt er nun, mit welchen Reaktionen er damals konfrontiert war. Und was das Outing von Curdin Orlik für den Schwinger bedeuten könnte. 

Etienne Wuillemin
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Schiedsrichter Pascal Erlachner: «Ich hatte fast Tränen in den Augen, als ich realisierte, was das Outing für Curdin Orlik bedeuten könnte.»

Schiedsrichter Pascal Erlachner: «Ich hatte fast Tränen in den Augen, als ich realisierte, was das Outing für Curdin Orlik bedeuten könnte.»



Chris Iseli / SPO

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie davon hörten, dass sich Curdin Orlik outet?

Pascal Erlachner: Sein Outing berührt mich. Ich hatte fast Tränen in den Augen, als ich realisierte, was das für ihn bedeuten könnte. Endlich kann er mit dem Versteckspiel aufhören und frei sein. Endlich verschwindet die Angst, aufzufliegen. Ich freue mich unendlich für ihn.

Welche Erfahrungen haben Sie rund um Ihr Coming-Out gemacht?

Vor meinem Outing gab es immer wieder Momente, in denen ich mich fühlte, als würde ich etwas falsch machen. Als wäre schwul sein etwas Verbotenes. Nachdem ich mich geoutet habe, hatte ich die Möglichkeit, offen mit Menschen darüber zu reden. Ich finde: Es soll ganz verschiedene Meinungen geben und es ist so, dass es Leute gibt, auch in der Schweiz, die nicht gerade begeistert sind von Homosexuellen. Doch in einigen Gesprächen merkte ich immer wieder, wie sich mein Gegenüber öffnete und merkte: Das ist ja ganz ein normaler Mensch.

Wie sind Sie mit Sätzen und Menschen umgegangen, die kein Verständnis haben?

Ich habe ehrlich gesagt niemanden erlebt, die mich direkt angegriffen hätten oder mit Aussagen verletzt haben. Es gab den einen oder anderen Vorwurf, dass ich mich ins Zentrum stellen würde. Auch da gilt: Jeder darf seine Meinung haben. Mir war wichtig, mit mir im Reinen zu sein und mich nicht mehr verstecken zu müssen.

Und es gab den Fall von Fussballer Benjamin Kololli, der offen sagte, er fände schwul sein nicht gut.

Ja, und trotzdem haben wir uns eine Woche später die Hand gegeben, uns ein gutes Spiel und eine gute Saison gewünscht. Man sollte nicht alles zu sehr auf die Goldwaage legen. Ich bin überzeugt, dass auch die Schwingwelt feststellen wird: Curdin Orlik ist ein toller Sportler, Punkt.

Was erwartet Orlik in den nächsten Wochen?

Zunächst einmal hoffe ich, dass er überall den Respekt erhält, den er verdient. Ich bin optimistisch, dass das so sein wird. Und ich hoffe, dass ihn das Schwingvolk weiter wahrnimmt als einen Sportler, der jeden Kampf gewinnen will und dass er nun nicht nur über seine sexuelle Orientierung definiert wird.

Und für ihn selbst, was könnte sein Outing aus sportlicher Sicht bedeuten?

Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich nach meinem Outing plötzlich signifikant weniger Fehler machte als Schiedsrichter. Was aber sicher stimmt, ist der Fakt, dass der Fokus wieder voll und ganz auf dem Sport liegen kann. Ich bin überzeugt, er wird jede Menge neue Energie schöpfen können.

Könnte das Outing von Curdin Orlik dem einen oder anderen Sportler als Vorbild dienen?

Ich hoffe es! Und ich bin sicher, er könnte ein grosses Vorbild werden für den einen oder anderen, der genug hat von einem Doppelleben.

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