SCHIESSEN: Im Bann hoher Präzision

Nach 2012 wird Nina Christen (20) in Moskau mit dem Luftgewehr zum zweiten Mal Junioren-Team-Europameisterin. Ihre Wohngemeinde Wolfenschiessen hat ihr dafür einen feierlichen Empfang bereitet.

Kurt Grüter
Drucken
Teilen
Doppelte Nina Christen: einmal die richtige Team-Europameisterin und einmal die von ihrem Vater Bernhard geschnitzte Wolfenschiesserin. (Bild Kurt Grüter)

Doppelte Nina Christen: einmal die richtige Team-Europameisterin und einmal die von ihrem Vater Bernhard geschnitzte Wolfenschiesserin. (Bild Kurt Grüter)

Welcher 20-jährige Teenager kann schon von sich behaupten, die Gemeinde, in der er wohnt, habe für ihn einen Empfang organisiert und er sei von der Bevölkerung begeistert durch das beflaggte Dorf begleitet worden? Die Wolfenschiesserin Nina Christen (20) gehört zu den wenigen Glücklichen, die das schon erleben durften. Stattgefunden hat dieses für sie unvergessliche Ereignis vor wenigen Wochen. Der Grund dafür war ihr zweiter Junioren-Team-Europameistertitel im Luftgewehrschiessen. «Ich hätte an diesem Empfang nie so viele Leute erwartet», staunt sie noch heute. «Normalerweise bin ich nicht eine Person, die sich in grossen Menschenmengen und im Zentrum des Interesses wohl fühlt. Dieser Anlass war jedoch wunderschön und hat mich riesig gefreut.»

Speziell in Erinnerung bleibt ihr die Festrede ihres Klubtrainers Bruno Mathis. «Er kennt mich von Kindesbeinen auf und hat meine bisherige Karriere auf seine bekannt humorvolle Art geschildert. Dabei war ich selber fast ein bisschen erstaunt, was ich schon alles erlebt habe.»

Mit dem Vater in den Schiessstand

Zum Schiessen kam die Wolfenschiesserin durch ihren Vater Bernhard. Er war Schützenmeister bei den Kleinkaliber-Schützen Büren-Oberdorf und nahm die kleine Nina schon früh mit in den Schiessstand. «Dabei durfte ich manchmal den Knopf für die Zugscheibe drücken, die hin und her fährt. Als Kind hatte ich immer grossen Spass an dieser Aufgabe.» Irgendwann kam die Frage von Vater Christen an seine Tochter, ob sie nicht auch selber schiessen möchte. Diese Anfrage fiel auf fruchtbaren Boden. Nina besuchte einen Jungschützenkurs. Der Einstieg verlief jedoch holperig. Wegen eines Beinbruchs beim Skifahren musste sie den Kurs nach der Hälfte abbrechen. Sie liess nicht locker und absolvierte ein Jahr später den Kurs nochmals – diesmal in voller Länge. So begann eine Karriere, die inzwischen mit zwei Europameistertiteln gekrönt wurde.

Den ersten Titel im 10-Meter-Luftgewehrschiessen gewann Nina Christen 2012 zusammen mit Fa­bienne Füglister (Bern) und Jasmin Mischler (Mittelhäusern) im finnischen Vierumäki. Sie erinnert sich, wie sie als Jüngste und Kleinste des Dreierteams in den hohen Norden gereist war. «Als EM-Debütantin war für mich alles neu. Trotzdem hatte ich den Auftrag, gut zu schiessen», fügt sie schmunzelnd an. Das gelang ihr und den beiden Kolleginnen bestens. «Wir schossen alle konstant gut. Ich war als Erste fertig, und die Hochrechnungen deuteten zu diesem Zeitpunkt bereits darauf hin, dass wir gewinnen würden. So war es denn auch. Der erste grosse Titelgewinn ist immer der Schönste, sagt man. Das kann ich nur bestätigen.»

Zweites Gold mit Weltrekord

Ganz anders verlief der zweite Titelgewinn in Moskau. Zusammen mit Sarah Hornung (Büren an der Aare) und Vanessa Hofstetter (Gümmenen) hatte Nina Christen im Vorjahr als Vierte hauchdünn an der EM-Bronzemedaille vorbeigeschossen. «Damals fehlte wenig für einen Podestplatz. Das gab uns viel Zuversicht für Moskau. Auch wenn wir im Vorfeld wenig über unsere Titelchancen sprachen, war uns allen bewusst, dass wir mit einer Topleistung vorne dabei sein würden. Schliesslich kannten wir alle unsere Gegnerinnen aus internationalen Wettkämpfen.» Das Schweizer Junioren-Trio enttäuschte sich und seine Anhänger nicht. In einem hoch spannenden Final lag Deutschland bis zur letzten Passe stets in Führung. «Wir schossen gleichzeitig. Deshalb wussten wir nicht so genau, wo wir standen. Es galt einfach, das Beste zu geben.» Dieses Vorhaben setzten Sarah Hornung, Vanessa Hof­stetter und Nina Christen optimal um und zogen am Schluss mit den Deutschen gleich. Die Punktezahl von 1239,1 bedeutete neuer Junioren-Weltrekord – und für die Schweizerinnen EM-Gold. Die bessere letzte Passe (308,9 zu 308,2) entschied knapp zu Gunsten der überglücklichen Schweizerinnen.

Mit dem Gewinn von Team-Gold sorgte die Wolfenschiesser Maturandin nicht für die einzige Erfolgsmeldung aus Moskau. Zum Rahmenprogramm zählte auch ein Air-50-Wettbewerb für Zweierteams. Nina Christen bestritt diesen Wettkampf zusammen mit dem Gamser Christoph Dürr. Das Schweizer Duo kam mit dem speziellen Modus hervorragend zurecht und musste sich erst im Final den Franzosen geschlagen geben. Die Innerschweizer Meisterschützin war die Einzige, die im Final eine 10,9 erzielte.

Konzentration ist entscheidend

Normalerweise trainiert Nina Christen rund 15 bis 20 Stunden wöchentlich, wovon rund die Hälfte im Schiessstand absolviert wird, die andere Hälfte umfasst Kraft- und Konditionseinheiten. Umgerechnet auf die Munition heisst das 4000 bis 5000 Schuss mit dem Kleinkalibergewehr während der Sommersaison und rund 3000 Schuss mit dem Luftgewehr im Winter. Im Moment ist ihr Pensum wegen der bevorstehenden Matura jedoch reduziert.

Der frühere Volkssport Schiessen verkommt in unserer Zeit immer mehr zu einer Randsportart. Frauen dagegen waren früher schon Ausnahmen – und sind es heute noch. «Oh ja, das kenne ich», sagt die Wolfenschiesserin mit einem Lachen im Gesicht. «Wenn ich im Kollegenkreis von meinem Hobby erzähle, werde ich immer wieder schräg angeschaut. Man traut einer jungen Frau diesen Sport auch heute noch nicht so recht zu.» Sie stört das überhaupt nicht. Im Gegenteil. Sie ist fasziniert von den speziellen Anforderungen im Schiessen. «Bei den meisten Sportarten sind Kraft und Ausdauer entscheidend. Beim Schiessen dagegen ist die Konzentration das alles Entscheidende. Dazu kommt, dass man beim Schiessen nicht mit 20 bis 25 Jahren auf seinem Leistungszenit angelangt sein muss. Schiessen ist ein ständiger Lernprozess. Es braucht sehr viel Erfahrung. Deshalb liegt das beste Alter für diesen Sport zwischen 30 und 40 Jahren. Und schliesslich ist jeder Wettkampf bezüglich körperlicher und mentaler Verfassung, Schiessstand und Wetter anders. Es ist jedes Mal wieder eine spannende Herausforderung.»

Als ihre Stärke bezeichnet sie die Fähigkeit, Abläufe und Details aufnehmen und im entscheidenden Moment abrufen zu können. Zudem kann sie sich beim Schiessen hervorragend konzentrieren. «Ich kann völlig abschalten und bin dann in meiner eigenen Welt.»

Grosser Sprung zur Elite

Die zweifache Team-Europameisterin ist noch bis Herbst Juniorin und hofft diese für sie erfolgreiche Zeit mit der Teilnahme an der nur alle vier Jahre stattfindenden Junioren-Weltmeisterschaft Mitte September im spanischen Granada abschliessen zu können. «Bei den Frauen ist der Sprung vom Junior zur Elite gross, bei den Männern ist er sogar sehr gross», weiss Nina Christen. Sie rechnet deshalb mit zwei bis drei Jahren, um sich bei der Elite – auch dort wieder mit Luftgewehr und Kleinkaliber – an die Spitze vorzuarbeiten. «Der Aufwand wird steigen. Ich werde auf alle Fälle versuchen, erneut Spitzenresultate zu erreichen – immer vorausgesetzt, der Sport lässt sich mit meiner Ausbildung vereinbaren.» Die Wolfenschiesser veranstalten nach einem allfälligen weiteren WM-Titel bestimmt gerne wieder einmal einen tollen Empfang für die Elite-Schützin.