SCHUHE: Anpfiff für den Hype um die Balltreter

Es ist so weit. Am 10. Juni startet in Frankreich die Fussball-EM 2016. Wer da mitreden will und zudem zu Hause selber spielt, der hat nicht nur Ahnung von der besten Mannschaft, sondern auch vom besten Fussballschuh.

Drucken
Teilen
Den Ball flach halten möchte man mit solch farbenfrohen Fussballschuhen sicher nicht. Doch mit welchem Hightech-Schuh kickt es sich denn nun am besten? (Bild: Pius Amrein  /  Neue LZ)

Den Ball flach halten möchte man mit solch farbenfrohen Fussballschuhen sicher nicht. Doch mit welchem Hightech-Schuh kickt es sich denn nun am besten? (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Susanne Holz

Sie sind pink, sie sind gelb, sie sind hellgrün. Die Rede ist hier nicht von Kanarienvögeln – nein, die Rede ist von Fussballschuhen. Den modernen Fussballschuhen, bei denen die Spieler hemmungslos ihren Sinn für Ästhetik ausleben dürfen. Längst fallen die Vidals und Behramis dieser Welt nicht mehr nur durch ihre Frisuren auf, sondern auch durch die knallbunten «Balltreter», die sie an den Füssen tragen.

Und die Fans? Die wissen genau Bescheid, welcher Spieler gerade welche Schuhe trägt. Buben und Mädchen, die selber Fussball spielen, sind bestens im Bild, wenn es um die angesagtesten Modelle geht. Und möchten diese – versteht sich von selbst – am liebsten auch zu Hause im Schuhschrank wissen.

Ronaldo trägt Nike, Messi Adidas

Ronaldo trägt Nike, Messi trägt Adidas. Neymar trägt Nike, Götze ebenso. Bale und Neuer tragen Adidas. Für E-Junioren-Spieler gehört das zum Allgemeinwissen. Auch, dass Neymar seinen «Hypervenom 2» von Nike mal mit und mal ohne integrierte Socke trägt – mit Socke ist es der «Phantom» und ohne ist es der «Phinish». Wobei sich diese integrierte Socke, die für besseren Halt sorgen soll, im Internet auch «Dynamic-Fit-Schuhkragen» nennt.

Gross und leidenschaftlich ist die Diskussion unter vielen jugendlichen Spielern, was besser ist: der Fussballschuh mit oder der ohne «Schuhkragen». Viel Aufsehen hat der Schuh mit der integrierten Socke seit seiner Erfindung vor wenigen Jahren auf jeden Fall erregt.

«Ein Handschuh am Fuss»

Nike präsentierte seinen «revolutionären» Hightech-Fussballschuh namens «Magista» im März 2014 mit dem Slogan «Der Fussball wird nie mehr derselbe sein». Das Prinzip des Schuhs: Die innere Schicht soll eine sockenähnliche Passform ermöglichen. Der äussere Schuh wiederum ist mit Löchern versehen, um Kontrolle und ein leichtes Gewicht zu ermöglichen. Spaniens Nationalspieler Andres Iniesta schwärmte 2014: «Es ist einmalig, wie sich der Schuh anfühlt. Es ist, als hätte ich einen Handschuh am Fuss. Der es mir erlaubt, mich instinktiv und mit mehr Selbstvertrauen zu bewegen.» Nikes Rivale Adidas zog mit dieser Entwicklung übrigens gleich: Und nannte sein entsprechendes Modell im März 2014 «Primeknit FS».

Die Nase vorn

Wen wundert es da noch, dass Adidas und Nike beim Absatz von Fussballschuhen die Nase vorn haben. Auch in Luzern. Bei Kudi Müller Sport sagt man: «Adidas und Nike sind diesbezüglich die Marktführenden.» Der lokale Händler fügt an: «Die neuen Fussballschuhe mit Socken laufen sehr gut, da man sie an den Füssen der bekannten Fussballspieler immer öfter sieht.» Generell bemerke man seit ein paar Jahren einen Hype um Fussballschuhe: «Die Buben bewundern Fussballspieler wie Ronaldo oder Messi in deren Schuhen und möchten diese auch.» Da es sich um Topschuhe handle, verkaufe man aber mehrheitlich an Erwachsene.

«Ein Sport, der verbindet»

Auf die Frage, wer mehr Fussballschuhe kaufe, Buben oder Erwachsene, antwortet bei Ochsner Sport Pressesprecher Steve Schennach: «Kinder (Buben und Mädchen!) sind grosse Fussballer und Fans. Kinder wie Erwachsene kaufen viele Fussballschuhe – in Paarzahl ist der Kinderanteil leicht grösser.» Steve Schennach weiss auch: «Fussball – ob Grümpelturnier, Amateur- oder Profifussball – ist ein Sport, der verbindet. Der Hype ist stets gross und wird vor EM und WM durch die allgemeine Euphorie noch grösser.» Momentan seien Kinder-Fussballschuhe sehr gefragt. Adidas biete bei Ochsner Sport einen Kinderfussballschuh mit Socken ab 60 Franken an: «Der ist sehr beliebt.»

«Eine Sache der Psychologie»

Einer, der seit Jahrzehnten im Fussballgeschäft tätig ist, eine lange Zeit als Spieler in der Schweizer Nationalmannschaft und später dann als Trainer, ist der Zentralschweizer Martin Andermatt. Der 54-Jährige ist der Ansicht: «Dass die Schuhe sich weiterentwickelt haben, ist ganz normal. Die Materialien haben sich verändert, und es wird mehr Rücksicht auf die Fussbedingungen genommen.» Andermatt findet das gut. Und die überbordende Farbpalette? «Ich kann damit umgehen», schmunzelt der Trainer. «Wenn die Fussballer in ihren farbigen Schuhen dann auch noch gut spielen, gefällt mir das noch besser.» Es sei zu grossen Teilen eine Sache der Psychologie: Welchen Schuh man wählt, in welchem Modell man am besten spielt.Mit Humor betrachtet auch der aktuelle Trainer des FC Zug 94, Mark Adams, den Run auf die hippen Balltreter. «Heute sind die Schuhe eben bunt», sagt der 53-Jährige und lacht. Für ihn sei der beste Fussballschuh aber immer noch der schwarze «Copa Mundial» von Adidas (seit 1979 auf dem Markt, A.d.R.): «In dem spielt man nicht weniger flott.» Und Jean-Benoit Schüpbach, der sich bei der Nati um das Schuhwerk der Spieler kümmert, ist überzeugt: «Bei der Schuhwahl sollte der Fussballspieler so vorgehen wie beim Betanken seines Autos. Für seinen Bleifrei-Motor tankt er auch keinen Diesel.»
 

Eine Wissenschaft für sich

Modellesh. «Mercurial», «Magista», «Hypervenom» und «Tiempo». Was schön und geheimnisvoll klingt, sind die vier Pfeiler der aktuellen «Fussballschuh-Linie» von Nike. Wobei der «Mercurial» für «explosive Geschwindigkeit» sorgen soll, der «Magista» für «ungebremstes Spielmachen», der «Hypervenom» für «treffsichere Wendigkeit» und der «Tiempo» für «dominantes Ballgefühl». Klingt gut, was da im «Nike Football Schuh-Guide» kurz und bündig zu lesen ist.

Etwas konservativer scheint es bei Adidas zuzugehen. Hier reihen sich auf den entsprechenden Seiten im Internet zunächst einmal einige traditionell schwarze Modelle aneinander: der «ACE 16.1 Deadly Focus FG» beispielsweise oder der «Copa SL FG».

Beim Internet-Anbieter Zalando findet man auf einer Liste der beliebtesten Fussballschuhe sowohl den «Mercurial Superfly» von Nike als auch den «ACE 16.2 Primemesh» von Adidas.

Fehlt leider nur noch eine genaue Aufschlüsselung aller Modelle für den interessierten Laien auf Wikipedia: Denn Fussballschuhe sind mittlerweile eine Wissenschaft für sich.
 

 

Adidas: Schnittig und edel

Ich habe das Auge von Pirlo, die Technik von Messi, den Schuss von Ronaldo. Mindestens. Dummerweise hat dies kein Trainer je bemerkt. Anstatt selber an der EM aufzulaufen (Lothar Matthäus hat das mit 40 auch geschafft), schlage ich mich jetzt als Politikredaktor mit Milchkühen, Gratisanwälten und grundlosen Einkommen herum.

Wenigstens hat sich die Sonntagsredaktion meiner erbarmt und mich als Ex-Amateurfussballer zum Schuhtest aufgeboten. Das Modell: Adidas X 15.2 FG/AG, orange mit violettlichen Streifen. Meine Füsse zwängen sich in die Schuhe, berühren den Ball, jonglieren ein-, zwei-, mehr als hundertmal. Die Pässe präzis wie Tells Apfelschuss, technische Finessen gelingen im Sekundentakt.

Wer weiss: Hätte ich mit diesem edlen Gerät als FC-Einsiedeln-Junior all die Kracher gegen Horgen, Wädenswil und Lachen orchestriert, hätten meine Fussballkünste jedem eingeleuchtet. Champions League statt Bundeshaus. Grosse Fotos in Glamourheftli statt kleingedruckter Name im Neue-LZ-Impressum. Diese schnittigen Adidas-Treter für 139.90 Franken haben nur ein Problem: Sie sind zu spät an meine Füsse gelangt.

Kari Kälin, (demnächst 40) arbeitet als Leiter Schweiz im Ressort Politik der «Neuen Luzerner Zeitung». Früher führte er als Mittelfeldspieler beim FC Einsiedeln Regie.
 

Adidas: Sitzt, passt, hat Luft

Einen passenden Schuh zu finden, ist für einen Mann mit Schuhgrösse 46 kein amüsantes Unterfangen. Man muss sich in hiesigen Schuhläden auch im Jahr 2016 oft mit einer bescheidenen Auswahl an Schuhen zufrieden geben. So war mein Vorsatz, endlich mal einen teuren Fussballschuh zu testen, schnell vom Tisch: Luxusmodelle gab es nur bis Grösse 44. In 46 fanden sich genau drei Paar Fussballschuhe.

Doch trotz überschaubarer Auswahl fand ich einen Schuh, der mich optisch wie «schuhtechnisch» ansprach. Der Adidas Ace 16.2 Primemesh (was immer das bedeutet) ist für nicht überrissene 150 Franken zu haben. Und: Selten habe ich einen Fussballschuh angezogen und augenblicklich gemerkt, dass er passt. Auch auf dem Fussballplatz überzeugte der «Ace»: nicht zu schwer, nicht zu leicht, der Fuss fühlt sich wohl. Rutscht nicht, hat Platz. Ballkontrolle: tipptopp. Einzig der eingenähte Socken ist gewöhnungsbedürftig. Fazit: Für 150 Franken ein wunderbarer Schuh. Für den 08/15-Fussballer eine echte Alternative.

Matthias Stadler (28) ist Redaktor im Ressort Kanton der «Neuen Luzerner Zeitung». Mittlerweile spielt er in keinem Verein mehr, hat aber früher beim FC Brunnen und beim FC Ibach gekickt.
 

Puma: Toll zum Sprinten

Ein Fussballschuh ist nur so gut wie der Spieler, der darin steckt. Das trifft auch auf die Geschwindigkeit zu. Ehrlich gesagt: Als Flügelflitzer würde ich mich nicht bezeichnen. Doch mit den Puma-Schuhen an den Füssen wird auch den Langsameren das Sprinten leicht gemacht – wortwörtlich. Denn der Schuh ist federleicht. Bereits beim ersten Kontakt ist das zu spüren. Das 219 Franken teure Exemplar hält in diesem Sinne ein, was sein Name Evo Speed SL FG verspricht. Hinzu kommt: Dank den drei hinteren Nocken (normalerweise sind es vier) ist der Antritt optimal, und es lässt sich gut beschleunigen – auf natürlichem Grün allerdings besser als auf Kunstrasen.

Das geringe Gewicht kommt vom «ultradünnen Textil-Obermaterial», wie es in der Produktbeschreibung heisst. Damit sitzt der Evo Speed eng am Fuss, was beim Schusstraining zunächst gewöhnungsbedürftig ist (als ob man barfuss schiesst, ohne dass es «fitzt»). Es gibt ein noch leichteres Modell des Evo Speed mit dem Zusatz SL II im Namen. Dieses ist 60 Franken teurer.

Niels Jost (24) ist als Reporter für die regionalen Ressorts bei der «Neuen Luzerner Zeitung» im Einsatz. Der passionierte Hobbyfussballer spielte früher im Verein. Seine damalige Position: Flügel.
 

Nike Druckstellen ade

Zugegeben: Violett zählt nicht wirklich zu meinen Lieblingsfarben. Und Fussballschuhe haben grundsätzlich schwarz zu sein, finde ich. Doch weil die Luxusmodelle alle möglichen Farben haben, ausser Schwarz natürlich, bin ich über meinen Schatten gesprungen und habe für unseren Test den Nike Magista Obra FG im Wert von 350 Franken ausgewählt.

Nach zwei Trainings und einem Match muss ich sagen: Ich bin positiv überrascht. Die Farbe ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber der Schuh trägt sich äusserst angenehm. Durch die eingenähten Socken ist der Halt extrem gut. Der Schuh sitzt kompakt am Fuss, ohne zu drücken. Das Material ist dehnbar und passt sich der Fussform an. Für mich ein grosser Pluspunkt. Denn wegen meiner Fussdeformation (Hallux valgus) habe ich bei vielen Schuhen schmerzhafte Druckstellen. Nicht beim Nike Magista. Fazit: Als jahrelanger Adidas-Träger habe ich eine echte Alternative zum Copa Mundial gefunden. Ob die fast 200 Franken Preisunterschied gerechtfertigt sind, wage ich zu bezweifeln.

Jonas von Flüe (28) arbeitet bei der «Neuen Luzerner Zeitung» als Sportredaktor. Bei seinen Teamkollegen vom FC Kickers Luzern soll die ungewohnte Farbe seiner neuen Fussballschuhe für einige Schmunzler gesorgt haben.
 

Nike: Ganz schön wendig

Fussballschuhe mit Socken dran sind momentan der grosse Renner: Man soll darin einen besseren Halt haben und noch wendiger sein als in einem gewöhnlichen Fussballschuh, heisst es. Klar wollte ich auch so einen ausprobieren. Mir hat davon der leicht bronzene Hypervenom Phantom von Nike am besten gefallen. 350 Franken kostet der Schuh.

Er ist zwar beim An- und Ausziehen gewöhnungsbedürftig, fühlt sich im Spiel aber gut an. Ob der Schuh das teure Geld wert ist, ist nach zwei Trainings und einem Match schwer zu beurteilen. Doch ich bin schon jetzt positiv überrascht: Dank des Sockens ist der Halt extrem gut, wendiger kann man in einem Schuh wohl kaum sein.

Nike wirbt auch mit dem Ballgefühl: Ein Supertechniker bin ich mit dem Schuh bisher zwar nicht geworden, dennoch ist das Gefühl im Schuh aussergewöhnlich gut. Anders als bei anderen Socken-Fussballschuhen ist die Oberschicht eher hart, was für den Schutz der Zehen in einem hart geführten Zweikampf durchaus von Vorteil sein kann – das kommt mir als Fussballkämpfer noch mehr entgegen. Dass die Farbe des Schuhs meiner Haarfarbe nahe kommt, ist noch das Tüpfelchen auf dem i.

Raphael Gutzwiller (24) ist Redaktor im Ressort Stadt/Region der «Neuen Luzerner Zeitung» und spielt in seiner Freizeit als Aussenverteidiger beim FC Adligenswil.
 

Hinweis

Wir springen anlässlich der EM auf den Hype um die flotten Balltreter auf und haben fünf sportliche Redaktoren fünf verschiedene Fussballschuh-Modelle testen lassen. Zur Verfügung gestellt wurden die Schuhe von Ochsner Sport.

 

 

Kari Kälin (Bild: Pius Amrein)

Kari Kälin (Bild: Pius Amrein)

Matthias Stadler (Bild: Pius Amrein)

Matthias Stadler (Bild: Pius Amrein)

Niels Jost (Bild: Pius Amrein)

Niels Jost (Bild: Pius Amrein)

Jonas von Flüe. (Bild: Pius Amrein)

Jonas von Flüe. (Bild: Pius Amrein)

Raphael Gutzwiller. (Bild: Pius Amrein)

Raphael Gutzwiller. (Bild: Pius Amrein)