Racket runter, Hände hoch, weil Schweigen Verrat ist: Wie schwarze Tennis-Spieler sich gegen Rassismus und Ungleichheit wehren

Tennis war vor allem in den USA bis weit in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts ein Sport der Weissen und der Reichen. Dank Figuren wie Althea Gibson, Arthur Ashe und den Williams-Schwestern pflegt das Tennis inzwischen auch eine reiche Afro-Amerikanische Tradition.

Simon Häring
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Coco Gauff, Frances Tiafoe und Naomi Osaka sind die Stimmen der schwarzen Tennis-Gemeinschaft, die zu Solidarität aufrufen.

Coco Gauff, Frances Tiafoe und Naomi Osaka sind die Stimmen der schwarzen Tennis-Gemeinschaft, die zu Solidarität aufrufen.

Bild: Keystone / Montage CH Media

Naomi Osaka (22) gehört im Tennis zu den Weltbesten, und ist mit einem Einkommen von 37,4 Millionen Dollar im letzten Jahr die bestbezahlte Sportlerin des Planeten. Doch die Aufmerksamkeit behagt ihr nicht, sie ist ihr zuweilen sogar unangenehm. Weil sie findet, dass nicht so wichtig ist, was sie tut und was sie sagt. Doch nun lehnt sie sich auf, stimmt in den Chor jener ein, die sagen: Genug ist genug. Osaka kam in Japan zur Welt, lebt aber seit ihrem dritten Lebensjahr in New York. Der Vater ist aus Haiti, die Mutter Japanerin. Sie waren emigriert, nachdem die Familie mit der Mutter gebrochen hatte, weil diese mit einem Schwarzen liiert ist.

Rassismus ist der rote Faden, der sich durch ihr Leben zieht. Nun entdeckt Osaka die Möglichkeiten, vielleicht auch die Verantwortung, die auf ihrer Bekanntheit fussen. Sie sagt: «Es kommt die Zeit, in der Schweigen zum Verrat wird.» Schweigen zur Ungerechtigkeit, die Schwarze trifft, und vor der Weisse und Privilegierte viel zu oft die Augen verschliessen. Doch sie ist da, vor allem in den USA. Dem Land, in dem Schwarze vier Mal häufiger Opfer von Polizeigewalt werden als Weisse. «Nur, weil es dir nicht passiert, heisst das nicht, dass es nicht passiert», sagt Osaka.

Naomi Osaka geht auf die Strasse

Erhebt ihre Stimme und geht auf die Strasse: Naomi Osaka.

Erhebt ihre Stimme und geht auf die Strasse: Naomi Osaka.

Bild: Keystone

Doch Osaka erhebt nicht nur ihre Stimme, sondern sie geht auch auf die Strasse. Am Tag nach dem der dunkelhäutige Amerikaner George Floyd starb, weil ein weisser Polizist bei einer Festnahme so lange auf seinem Nacken gekniet war, bis er das Bewusstsein verloren hatte, mischte sie sich in Minneapolis unter die Demonstranten, skandierte die Parole, die zum Leitspruch der Black-Lives-Matter-Bewegung geworden ist: «I can't breathe!» Ich kann nicht mehr atmen. Die letzten Worte George Floyds. Tage später schloss sie sich den Demonstranten in Los Angeles an.

Naomi Osaka tut, was Sportler in einer Welt der Unverfänglichkeiten, der Diplomatie und der Konformität kaum mehr tun: Haltung beweisen, sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligen. Sie sagt: «Ich hasse es, wenn die Menschen sagen, Sportler sollten sich nicht in Politik einmischen und nur unterhalten. Erstens geht es um Menschenrechte, und zweitens: Wer hat mehr Recht, sich zu äussern als ich?» Dieser Logik folgend dürften nur Menschen über Grönlid, eine Sofa-Serie, reden, die bei Ikea arbeiten. Doch Osaka will nicht schweigen. Sie sagt: Enough is enough. Genug ist genug.

Althea Gibson und Arthur Ashe als Vorreiter

Das Tennis war bis weit in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts ein Sport der Weissen und Reichen. Es war der Zeitvertreib der Upper-Class, der Oberschicht, wurde in den USA bis in die 50er-Jahre getrennt und bis weit in die 70er-Jahre ausschliesslich in privaten Clubs gespielt. Der Konservativismus löste aber auch eine starke, progressive Reaktion aus. Das Tennis fühlt sich zwar noch immer starken Traditionen verpflichtet, ist aber zum Beispiel der einzige Weltsport, in dem Männer und Frauen bei den wichtigsten Turnieren um die gleich grossen Preisgelder spielen.

Althea Gibson gewann in den 50er-Jahren als erste schwarze Frau in Roland Garros, in Wimbledon und bei den US Open.

Althea Gibson gewann in den 50er-Jahren als erste schwarze Frau in Roland Garros, in Wimbledon und bei den US Open.

Bild: Keystone

Das hat viel mit Figuren aus der Vergangenheit zu tun. Althea Gibson zum Beispiel. Sie gewann in den 50er-Jahren als erste Schwarze die French Open, in Wimbledon und bei den US Open, wurde zwei Mal zur Sportlerin des Jahres gewählt, in einer Zeit, in der es für Schwarze schwierig war, überhaupt Tennis spielen zu können. Als Gibson später als erste Afro-Amerikanerin Profigolferin wurde, war sie regelmässig Opfer rassistischer Diskriminierung, wurde aus Hotels verwiesen, und musste sich in ihrem Auto umziehen, weil sie Umkleidekabinen nicht betreten durfte.

Oder mit Arthur Ashe, dessen Vorfahren 1735 auf einem Sklavenschiff in die USA gekommen waren. Sein Sieg bei den US Open 1968, der erste und bis heute einzige eines Afro-Amerikaners bei einem Grand-Slam-Turnier, fiel in eine politisch brisante Zeit. Ein halbes Jahr zuvor war Martin Luther King Jr. ermordert worden. Es folgten Unruhen in über hundert Städten, die vier Tage andauerten, mehr als tausend Menschen wurden verletzt, zwölf starben. Nach seinem Sieg in New York sagte er: «Ich bin schwarz, also habe ich wohl mit Black Power zu tun. Nun, ich bin definitiv nicht konservativ und moderat bei diesen Themen. Ich denke, ich bin militant, wobei es Abstufungen gibt. Vom Ausloten der Grenzen des Erlaubten bis zum tatsächlichen Töten. Ich glaube, ich bin irgendwo dazwischen.»

Arthur Ashes Sieg bei den US Open 1968 fiel in eine Zeit politischer Unruhen, vier Monate nach der Ermordung von Martin Luther King Jr.

Arthur Ashes Sieg bei den US Open 1968 fiel in eine Zeit politischer Unruhen, vier Monate nach der Ermordung von Martin Luther King Jr.

Bild: Keystone

In seinem Reisetagebuch «Portrait in Motion» schrieb er: «Ich bin ein soziologisches Phänomen.» Und kondensierte sein Leben in einen Satz. Ein Leben, das pendelte zwischen zwei Welten, die sich nicht vereinen liessen. Überall war Ashe willkommen, aber nirgends gehörte er richtig dazu. Ashe führte einen lebenslangen Kampf gegen Rassismus und Apartheid. 1993 starb er mit 49 Jahren an Aids, fünf Jahre zuvor hatte er sich bei einer Herzoperation durch eine Bluttransfusion mit dem HI-Virus infiziert. Heute ist das grösste Tennis-Stadion der Welt nach ihm benannt.

Die Botschaft der 16-jährigen Coco Gauff

Ashe war wie Gibson ein Vorkämpfer im Tennis, das heute eine starke Afro-Amerikanische Tradition pflegt, zu deren Vermächtnis auch die beiden Williams-Schwestern Venus und Serena und die erst 16-Jährige Coco Gauff beitragen. Trotz ihrer Jugend schreckt sie nicht davor zurück, ihre Stimme zu erheben. Auf einem Video, das sie in den sozialen Medien verbreitet, werden Bilder von schwarzen Opfern von Polizeigewalt gezeigt. Von Ahmaud Arbery. Von Breonna Taylor. Von George Floyd. Das Video endet mit der Frage: «Bin ich die Nächste?» Die Hände erhoben.

Racket runter, Hände hoch. Mit diesen Worten möchten Frances Tiafoe und Ayan Broomfield, auch sie schwarze Tennis-Spieler, auf die soziale Ungleichheit und Rassismus aufmerksam machen und rufen zu Einheit und Solidarität auf. Dahinter steckt ein Gedanke: «Wenn ich still bleibe, kann ich nicht atmen.» Im Video erheben die Gesichter der Gemeinschaft der schwarzen Tennis-Grössen ihre Hände. Serena Williams. Gaël Monfils. Der ehemalige Spieler James Blake, der selber schon Opfer von Polizeigewalt geworden ist. Oder Jo-Wilfried Tsonga, der Franzose, der jüngst erzählte, Menschen hätten seinetwegen die Strassenseite gewechselt.

Über Tsonga schrieben die Zeitungen früher von «Jo-Wilfried Tsonga, Sohn eines kongolesischen Vaters.» Früher habe es schon Yannick Noah, den Franko-Kameruner, gegeben. «Ich habe das nie verstanden», sagt er. Aber niemand sei auf die Idee gekommen, Cédric Pioline, den Sohn eines Franzosen und einer Rumänin, als Franko-Rumäne zu bezeichnen. Man müsse kein Genie sein, um zu erkennen, wo der Fehler liege, sagte Tsonga im französischen Fernsehen. «Es gibt Dinge, die haben unauslöschliche Wunden bei mir hinterlassen, die ich mein Leben lang behalten werde.»

Naomi Osaka, Coco Gauff und Frances Tiafoe – sie sind die Gesichter und Stimmen der nächsten Generation, die sich soziale Ungleichheit, Gewalt und Rassismus nicht mehr gefallen lassen wollen. Ihnen reicht es nicht, dass Rafael Nadal, Novak Djokovic und Roger Federer am letzten Dienstag, am Aktionstag #BlackOutTuesday, in den sozialen Medien ein schwarzes Quadrat als Zeichen der Solidarität in den Orbit schickten, und dann zur Tagesordnung übergehen. Weil es nicht reicht, kein Rassist zu sein. Weil es Anti-Rassisten braucht. Und weil Schweigen in ihren Augen Verrat ist.

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