Vor dem Nati-Showdown in Gibraltar: Um Petkovic brennt bereits die Frage zur Zukunft – aber noch lauert die Gegenwart

In Gibraltar wird das Länderspieljahr der Schweiz zu 99,9 Prozent mit der Qualifikation für die EM enden. Mit der EM-Teilnahme hätte der SFV die Antrittsprämie von zehn Millionen Franken sicher, doch zuerst lauert die Gegenwart.

Christian Brägger
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Noch nicht über dem Berg: Die Schweizer Nati um Granit Xhaka (am Ball), Eray Cömert, Michael Lang, Renato Steffen und Cedric Itten (von links nach rechts).(Bild: Toto Marti/Blick/freshfocus)

Noch nicht über dem Berg: Die Schweizer Nati um Granit Xhaka (am Ball), Eray Cömert, Michael Lang, Renato Steffen und Cedric Itten (von links nach rechts).
(Bild: Toto Marti/Blick/freshfocus)

Selbst für eine ersatzgeschwächte Schweiz darf Gibraltar – mit Verlaub, werte 34000 Bewohner auf den sieben Quadratkilometern unter dem berühmten Affenfelsen – kein Stolperstein sein. Die Absenzenliste mit dem an der linken Wade verletzten Haris Seferovic ist zwar um einen nächsten Namen länger, aber der Sieg gegen die Nummer 196 der Welt ist so oder so: ein Muss. Nur schon die nackte Statistik des Gegners mit höchstens tiefstem Challenge-League-Niveau spricht Bände: 27 Qualifikationsspiele seit 2013 und der Aufnahme in die Uefa, 0 Punkte, 7:128 Tore.

«Wir können alles verlieren und sind dazu verdammt, zu gewinnen», sagt Nationaltrainer Vladimir Petkovic. Seine Mannschaft wird heute ab 20.45 Uhr auf dem Kunstrasen des Victory Stadium mit 99,9-prozentiger Wahrscheinlichkeit den Punkt holen, den es braucht, um mit halb Europa an der EM in zwölf Städten dabei zu sein. Und nur deshalb wird das Spiel in Wurfdistanz zum Militärflughafen in die Geschichte eingehen. Es bleibt also Zeit, den Blick auf 2019 und in die Zukunft zu richten.

2019: Ein Auf und Ab

Im Prinzip legt die Schweiz mit dem 2:0 in Georgien den Grundstein für die erfolgreiche EM-Qualifikation. Danach kommt sie ins Trudeln, holt lediglich fünf Punkte aus vier Spielen und verliert dabei trotz starker Leistung in Dänemark. Es gibt Diskussionen um Xherdan Shaqiri und um Stephan Lichtsteiner, den Petkovic lange nicht mehr zu brauchen glaubt. Der Captain steht im Oktober in Genf aber auf dem Platz, als die Schweiz mit dem 2:0 gegen Irland das Steuer wieder an sich reisst. Und es in der Folge nicht mehr loslässt.

Noch vor den Sommerferien gibt es das selbst verdiente Zückerchen mit der Finalteilnahme an der Nations League, Holland, England und Portugal sind auch dabei. In Lissabon zeigt die Schweiz gegen den gastgebenden Europameister das beste Spiel des Jahres – und verliert dennoch. Es ist der letzte Anlass für den abtretenden SFV-Verbandspräsidenten Peter Gilliéron, in Portugal bereits mit dabei ist sein frischgewählter Nachfolger Dominique Blanc. Die andere, weit prägendere und nach eingehender Analyse von Bernhard Heuslers Beraterfirma geforderte Veränderung erfolgt ebenfalls: Pierlugi Tami wird Nationalmannschafsdirektor, und früh einmal sagt der neue Chef von Petkovic: «Ich will keine Revolution, und ich will nicht stören.»

Tami: Erste Erkenntnisse

Wie Vincent Cavin, der Sportkoordinator im SFV, der unter anderem mit den Clubs der Schweizer Auslandprofis im Austausch steht, kümmert sich auch Tami um die Spieler. Er besucht Shaqiri in Liverpool oder trifft Kemal Ademi. Der 23-jährige Stürmer Basels mit albanischen und kosovarischen Wurzeln soll und will künftig offenbar für die Schweiz spielen, noch ist er aber nicht spielberechtigt, da er in Deutschland geboren ist. Weshalb der SFV zuerst ein Prozedere in Gang setzen muss. Ademi wäre eine willkommene Option in der Offensive, gerade weil hinter Seferovic derzeit eine grosse Lücke klafft.

Daneben recherchiert Tami, untersucht den SFV, in dem das Drei-Kammer-System mit Swiss Football League, 1. Liga und Amateure viele Dinge verkompliziert. Tami sucht vor allem Verbesserungen für die Schweizer A-Nationalmannschaft. Viele Strukturen sind festgefahren, Petkovic hat viel Macht, und in der Aussenwirkung scheint der Leisetreter Tami mit seinem wachen Geist und sanften Gemüt tatsächlich niemanden zu stören. So richtig fassbar ist der Tessiner bisher jedenfalls nicht, doch er erkennt die grossen kommunikativen Mängel ums Nationalteam, auch im Umgang mit den Journalisten. Das kann nicht schaden, zumal das Bild, welches das Publikum vom aktuellen Schweizer Team hat, diffus und distanziert ist, manchmal gar Befremden auslöst. Tami sagt:

«Wir wollen uns wieder allen annähern.»

Der Frage nach dem Wie weicht er noch aus. Anfang Januar 2020 will der 58-Jährige in der Öffentlichkeit sprechen, erste Resultate präsentieren. Und seine Pläne darlegen, wie es mit dem Nationalteam weitergehen soll.

EM: Vieles noch offen

Die brennende Frage ist: Wird der Vertrag mit Petkovic, der mit dem Erreichen der EM bis zur Endrunde nun Gültigkeit hat, nach sechsjähriger Dauer nochmals verlängert? Tami hat laut eigener Aussage ein Vorschlagsrecht an den Zentralvorstand des SFV, wie es mit dem Trainer weitergehen kann. Wann auch immer er von diesem Gebrauch machen wird. Tamis Lösung wird im Zentralvorstand diskutiert, sollte es keinen Konsens geben, müssen alle Beteiligten wieder über die Bücher. Heusler forderte in seinem Bericht auch eine Verbesserung der Trainingsstrukturen, ein nationales Leistungszentrum für alle Nationalteams wie jenes der Franzosen in Clairefontaine schwebte ihm vor. Tami hat auch dieses Thema aufgegriffen, es gibt Diskussionen im SFV, aber keine Wasserstandsmeldung.

Mit der EM-Teilnahme hat der SFV die Antrittsprämie von zehn Millionen Franken sicher, der Achtelfinaleinzug brächte 2,2 Millionen Franken. Für ein gutes Abschneiden ist die Einteilung in die vorderen Lostöpfe von Vorteil. Gewinnt die Schweiz heute am südwestlichen Zipfel Spaniens und lassen die Dänen gleichzeitig Punkte liegen, käme sie als Gruppensieger höchstwahrscheinlich in Lostopf zwei. Ansonsten drohen ihr bereits in der Vorrunde schwierige Gegner. Die Auslosung der EM erfolgt am 30. November in Bukarest – das Prozedere zu erklären, wäre aber, Uefa sei Dank, zu kompliziert. Das alles ist Zukunftsmusik, zuerst lauert heute die Gegenwart: Gibraltar.