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Zuerst der Spitzensport, dann die Kinder? – Schweizer Athletinnen sollen besser unterstützt werden

Gibt es für Sportlerinnen so etwas wie einen bezahlten Mutterschaftsurlaub? Diese und andere Fragen stellen sich Athletinnen und Sportverbände derzeit.
Rainer Sommerhalder
Die frühere OL-Weltmeisterin Simone Niggli-Luder mit ihrer Tochter Malin. (Bild: ZVG)

Die frühere OL-Weltmeisterin Simone Niggli-Luder mit ihrer Tochter Malin. (Bild: ZVG)

Bis vor wenigen Jahren war die Devise für Frauen im Spitzensport klar: Zuerst die Karriere, dann die Kinder. Diese Gleichung ist nicht mehr in Stein gemeisselt. Inzwischen gibt es mehrere Beispiele, dass eine Geburt für eine Frau nicht das Ende der sportlichen Ambitionen sein muss. Die OL-Weltmeisterinnen Simone Niggli und Judith Wyder, Triathletin Nicola Spirig, Biathletin Selina Gasparin und Leichtathletin Nicole Büchler haben ihre Karrieren nach einer oder mehreren Schwangerschaften erfolgreich fortgesetzt.

Sie haben bei Themen zu sportlichen Herausforderungen während ihrer Mutterschaft nicht nur positive Erfahrungen gemacht und sind in verschiedenen Bereichen angestanden. OL-Weltmeisterin Simone Niggli büsste das rasche Comeback mit einem Ermüdungsbruch des Schambeins. Nicola Spirig erhielt die Erkenntnis, «dass Sportärzte wenig von Schwangerschaften und Gynäkologen wenig von Spitzensport verstehen».

Judith Wyder musste schmerzhaft erfahren, dass ein Sponsor nach der Schwangerschaft absprang und sie sogar Geld zurückbezahlen musste. Und Nicole Büchler erhielt bei den Abklärungen, wie es während ihrer Pause mit der finanziellen Unterstützung weitergehe den Eindruck,« als sei man mit der Situation des Mutterschafts-Urlaubs etwas überfordert». Ist der Schweizer Sport nicht gerüstet für Athletinnen, die ein Kind erwarten?

Jeder Fall wird individuell angeschaut

Lukas Gerber von der Stiftung Sporthilfe, dem grössten Unterstützer von Schweizer Sportlerinnen und Sportler, sagt, dass er in der Tat kein fixfertiges Konzept in der Schublade habe.

«Jedes Beispiel wird individuell angeschaut, denn es sind Einzelfälle. Ich empfinde diese Flexibilität aber als eine Stärke.»

2018 hat die Sporthilfe mit Förder- oder Sonderbeiträgen sowie Patenschaften erstmals mehr als 1000 Athleten finanziell unterstützt. «Weniger als drei davon sind Mütter.»

Die Schweizer Sporthilfe war in die Kritik gekommen, weil Stabhochspringerin Büchler bei ihrer Anfrage während der Schwangerschaft zuerst die Antwort erhalten hatte, man unterstütze keine Breitensportlerinnen.

Inzwischen ist aber geklärt, dass Büchler, die ihr Kind im Oktober des vergangenen Jahres zur Welt brachte, sowohl für das Jahr 2018 wie auch für 2019 den vollen Betrag von 12 000 Franken erhält.

«Wir müssen zuerst mit dem jeweiligen Verband die Situation der Athletin abklären, etwa betreffend der weiteren Karriereplanung.»

Eine entscheidende Frage stellt sich bei der Athletenförderung: Wann müssen Sportlerinnen wieder ihr volles Leistungsniveau erreichen? Werdende Mütter fühlen sich diesbezüglich besonders unter Druck und weisen auf die Einzigartigkeit jeder Schwangerschaft hin. Philipp Bandi, Leistungssportchef im Schweizer Leichtathletikverband, sagt, dass man betreffend Mutterschaft «kein spezifisches System» hat. Man entscheide von Fall zu Fall.

Bandi weist darauf hin, dass bei Swiss Athletics Sportler jeweils für zwei Jahre einen Status erhalten. Dieser ist verknüpft mit der Höhe der finanziellen Unterstützung. Damit falle jemand wegen einer langwierigen Verletzung oder eben einer Schwangerschaft nicht aus einem Kader.

Spoortlerinnen als selbständig Erwerbende

Ein Partner, der im Fall von Nicole Büchler die Leistungen gekürzt hat, ist Weltklasse Zürich. Die Organisatoren des grössten Schweizer Leichtathletik-Meetings zahlen an eine Reihe von Botschafterinnen finanzielle Entschädigungen. Zu diesen gehört neben Büchler und anderen auch Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig. Weil Büchler aufgrund der Schwangerschaft die letzte Sommersaison auslassen musste, hat sie lediglich die halbe Entschädigung erhalten. Meeting-Co-Direktor Andreas Hediger sagt, dass Büchler aber für 2019 die Einstufung basierend auf ihrem Leistungsvermögen vor der Schwangerschaft behalten hat. Die Vergütung ist leistungsabhängig. Voll ausbezahlt wird sie, wenn sich die Stabhochspringerin für die WM in Katar qualifiziert.

Hediger betont, dass eine Athletin grundsätzlich eine selbständig Erwerbende sei. Und solche hätten in der Privatwirtschaft auch keinen bezahlten Mutterschaftsschutz. Zudem sei Sponsoring ein Geschäft mit Leistung und Gegenleistung.

Eine Athletin, die im Zusammenhang mit ihrer Schwangerschaft positive Erfahrungen gemacht hat, ist Biathletin Selina Gasparin. Das hängt auch damit zusammen, dass sie als Grenzwächterin bei der Eidgenössischen Zollverwaltung angestellt ist und vom Arbeitgeber den bezahlten Mutterschaftsurlaub erhalten hat. Auch ihr langjähriger Sponsor Roland habe sie im gewohnten Rahmen weiter unterstützt. Selbst wenn in ihrem Vertrag keine Regelung punkto Schwangerschaft existiere.

Trotz der persönlich positiven Erlebnisse unterstützt Gasparin die Anliegen ihrer Sportkolleginnen. Sie glaubt, dass es in Sponsoringverträgen in Zukunft klare Regelungen geben müsse.

« Ein Sponsor sollte sein Engagement vor allem auch über das Image einer Athletin definieren. Und da wären Kürzungen aufgrund einer Schwangerschaft unverständlich.»

Auch Orientierungsläuferin Judith Wyder sieht die Notwendigkeit von klaren Bekenntnissen. Heute habe eine Sportlerin noch immer ein Problem, wenn es um Familienplanung gehe. «Wenn man nicht durch das eigene Umfeld das ganze Polster hat, dann wird es schwierig. Dann fehlen einer Athletin genau während einer sehr intensiven und emotionalen Zeit die Sicherheiten von der Sportseite.» Wyder und Büchler sprechen von einem Druck, sehr schnell wieder Leistung bringen zu müssen.

Swiss Olympic gründet Taskforce für Frauenanliegen

Bei Swiss Olympic hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Vor einem halben Jahr hat der Dachverband des Schweizer Sports eine Arbeitsgruppe «Frau und Spitzensport» ins Leben gerufen. Geleitet wird sie von Swiss Olympic Chefarzt Patrik Noack. Neben Athletinnen wie Nicole Büchler oder Schwimmerin Martina van Berkel sind auch Vertreter der Sporthilfe, von Sportverbänden und aus der Sportpsychologie vertreten.

Noack sagt, dass die grossen Bemühungen des Internationalen Olympischen Komitees zur Geschlechtergleichheit im Sport dazu führten, dass man sich in vielen Ländern mit Hochdruck Gedanken zum Thema mache. Die Taskforce von Swiss Olympic beschäftigt sich mit einer grossen Bandbreite von Themen wie Menstruation und Training, Verhütungsmethoden, Anlaufstellen für werdende Mütter, optimale Beratung und Betreuung während der Schwangerschaft, Karriereplanung sowie Herausforderungen während der Mutterschaft. «Wir nehmen auch die Kritik der Athletinnen an der derzeitigen Situation auf jeden Fall auf», verspricht Noack.

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