Nach Magglingen-Protokollen: Der Schweizerische Turnverband trennt sich von Chef Spitzensport – Bundesrätin Viola Amherd lädt zum Krisengipfel

Der Zwist im Schweizerischen Turnverband STV hat eine weitere personelle Konsequenz. Felix Stingelin ist nicht mehr Chef Spitzensport. Und Bundesrätin Viola Amherd lädt die Verbandsspitze und Swiss Olympic zum Krisengipfel nach Bern.

Simon Häring / SI
Drucken
Teilen
Felix Stingelin, Chef Spitzensport des Schweizerischen Turnverband, STV, spricht an einem Medientreffen am 10. Mai 2016 in Magglingen.

Felix Stingelin, Chef Spitzensport des Schweizerischen Turnverband, STV, spricht an einem Medientreffen am 10. Mai 2016 in Magglingen.

Bild: Keystone/ Manuel Lopez

Junge Frauen, die unter Essstörungen leiden, Suizidgedanken, psychische Misshandlung und ein Klima der Angst. Davon berichteten im Sommer ehemalige Gymnastinnen und zuletzt am Samstag weitere junge Frauen im «Magazin» in den «Magglingen-Protokollen». Nun zieht der Schweizerische Turnverband Konsequenzen und trennt sich von Felix Stingelin, der seit 2008 das Amt als Chef Spitzensport bekleidet hatte. Man habe das Arbeitsverhältnis per Ende Oktober in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst. «Wir danken Felix Stingelin für sein grosses Engagement und seinen unermüdlichen Einsatz und wünschen ihm für die Zukunft alles Gute», lässt sich Erwin Grossenbacher, Zentralpräsident des Schweizerischen Turnverbandes, in einer Mitteilung zitieren.

Gründe nennt die Verbandsspitze keine. Das Ende der Zusammenarbeit kommt allerdings nicht überraschend. Es fällt in eine Zeit, in der ehemalige Turnerinnen neuerlich auf Verfehlungen, physische und verbale Übergriffe von Trainern aufmerksam machten.

Als Folge davon entliess der STV die Gymnastik-Nationaltrainerin Iliana Dineva. Felix Stingelin, der Spitzensportchef, wurde im Juli bis auf weiteres suspendiert. Der Verband ordnete zudem eine externe Untersuchung an.

Unter der Führung Stingelins feierte der STV im Kunstturnen grosse Erfolge. Giulia Steingruber (5), Ariella Kaeslin, Pablo Brägger und Oliver Hegi gewannen zusammen acht EM-Titel, das Männer-Team qualifizierte sich für die Olympischen Spiele 2016 und 2021. Als Höhepunkt holte Steingruber 2016 in Rio de Janeiro als erste Schweizer Kunstturnerin mit Bronze am Sprung eine Olympia-Medaille.

Die Enthüllungen der letzten Monate dürften weitere Konsequenzen nach sich ziehen. Gegenüber «CH Media» bestätigt Erwin Grossenbacher, dass Bundesrätin Viola Amherd den Verband und Swiss Olympic für nächste Woche zu einem Krisengespräch aufgeboten hat. «Wir sind erschüttert von den Aussagen der Athletinnen. Ein solches Verhalten der Trainerinnen und Trainer ist inakzeptabel. Wir prüfen, welche Sanktionsmöglichkeiten angezeigt sind», liess sich Amherd von der «NZZ» zitieren.

Der Schweizerische Turnverband zählte heute 380'000 Mitglieder und ist damit neben dem Fussballverband der grösste Sportverband der Schweiz. Swiss Olympic alimentiert den STV mit 1,7 Millionen Franken im Jahr.