SCHWINGEN: Bessere Athletik erhöht Verletzungsrisiko

Der Chamer Pirmin Reichmuth (18) fällt wegen eines Kreuzbandrisses lange aus. Hat er nur Pech gehabt, oder ist der Schwingsport gefährlicher geworden?

Jonas von Flüe
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In dieser Aktion knickt das rechte Knie von Pirmin Reichmuth (links) im Gang gegen Bruno Gisler weg. Die Diagnose: Kreuzband- und Meniskusriss. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

In dieser Aktion knickt das rechte Knie von Pirmin Reichmuth (links) im Gang gegen Bruno Gisler weg. Die Diagnose: Kreuzband- und Meniskusriss. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

Benji von Ah weiss, wovon er spricht. Als 18-Jähriger galt er als das Talent, schnupperte ein Jahr zuvor bereits am eidgenössischen Kranz, als er sich das Kreuzband riss und ein ganzes Jahr ausfiel. «Die Gegner waren mir damals körperlich überlegen, also habe ich viel Krafttraining gemacht. Ich war übermütig, wollte zu viel», blickt der 27-Jährige heute selbstkritisch zurück. Das Kreuzband habe diesen Belastungen halt nicht standgehalten.

Der Giswiler weiss also aus eigener Erfahrung, was auf Pirmin Reichmuth zukommt, der sich – ebenfalls 18-jährig – am vergangenen Sonntag auf der Rigi das vordere Kreuzband und den Meniskus im rechten Knie gerissen hat. Zuerst muss das Knie abschwellen, dann wird der Chamer operiert und rund ein halbes Jahr ausfallen (siehe unten stehender Kasten). Für Reichmuth endet damit die Saison vorzeitig, die so viel versprechend begonnen hatte und in der er zum Innerschweizer Shootingstar aufgestiegen ist.

Erhöhter Trainingsaufwand

Reichmuth ist nicht der erste Innerschweizer, der sich in diesem Jahr schwer am Knie verletzt hat (siehe Kasten rechts). Fünf Innerschweizer, allesamt Eidgenossen oder grosse Talente, verbringen ihre Stunden statt im Schwingkeller in der Physiotherapie. Ist diese Häufung nur ein Zufall, oder wird der Schwingsport immer gefährlicher? Fakt ist: Der Trainingsaufwand ist bei den Schwingern um einiges höher als noch vor einem Jahrzehnt. Damals, in der Blütezeit des dreifachen Schwingerkönigs Jörg Abderhalden, waren es nur die absoluten Spitzenschwinger, die ihrem Erfolg alles untergeordnet haben.

«Heute trainieren auch Nichtkranzer vier- bis fünfmal in der Woche, um den Anschluss an die Spitze zu schaffen», sagt Ueli Banz. Der Entlebucher hat vor einem Jahr seine Karriere beendet – wegen einer Schulterverletzung ein paar Wochen früher als geplant. Er wurde insgesamt dreimal am Knie und zweimal an der Schulter operiert.

Weil nun immer mehr Schwinger immer professioneller trainieren, muss jeder Athlet mitziehen, will er im Sägemehl körperlich nicht total unterlegen sein. «Deshalb hat man keine Ruhepausen mehr und kann kleinere Verletzungen nicht auskurieren», sagt der 50-fache Kranzgewinner Banz.

Auch Urs P. Martin, Chefarzt der Sportmedizin in der Rennbahnklinik Muttenz und Verbandsarzt des Nordwestschweizerischen Schwingerverbands, sagt, dass die Regeneration vor allem zwischen Mai und September, also während der Kranzfest-Saison, zu kurz komme: «Die körperliche Belastung ist während der Saison extrem hoch. Die Muskeln haben so keine Zeit, sich zu regenerieren.» Und weil vor allem im Schwingsport während eines Kampfes enorme Kräfte auf die einzelnen Körperstellen wirken, kommt es zu schlimmen Verletzungen, wie etwa einem Kreuzbandriss. Die zunehmende Athletik im Schwingen birgt also auch ein höheres Verletzungsrisiko. «Man weiss nicht, ob der Mensch in einem gewissen Alter für gewisse Belastungen gemacht ist», sagt Martin. Zu intensives und vor allem eintöniges Krafttraining in jungen Jahren stellt er in Frage. Schwingen sei aber nun mal eine verletzungsträchtige Sportart, sagt Martin.

Verpflichtung gegenüber Sponsoren

Mehr Unfälle als früher, darin sind sich von Ah, Banz und Martin einig, gäbe es nicht unbedingt. «In diesem Jahr trifft es halt uns Innerschweizer», sagt von Ah. Doch die Schwinger stehen vermehrt unter Druck gegenüber ihren Fans und vor allem ihren Sponsoren. Wer zahlt, will für sein Geld auch Leistung sehen – das ist im Schwingsport nicht anders. Früher, als fast alle Schwinger den Sport nur als Hobby betrieben haben, mussten sie niemandem Rechenschaft ablegen, wenn sie sich auch während der Saison mal geschont haben. «Sind die Erwartungen im Umfeld höher, trainiert man mehr, um ihnen gerecht zu werden. Aber ich sage jedem Sportler: Hör auf deinen Körper», erzählt Urs P. Martin.

Benji von Ah hat gelernt, auf seinen Körper zu hören. Das Kreuzband hat er zweimal ganz und einmal angerissen, operiert wurde er schon unzählige Male. Er trainiere den kompletten Körper, schaue, dass er ein abwechslungsreiches Trainingsprogramm habe, und mache auch mal eine Wettkampfpause. Doch auch er weiss: Eine weitere schlimme Verletzung kann ihn stets erwischen.

Diese Schwinger fallen lange aus

Zwangspause jvf. Neben dem Chamer Talent Pirmin Reichmuth haben sich in dieser Saison auch vier eidgenössische Kranzschwinger aus der Innerschweiz ziemlich schwer am Knie verletzt. Alle Athleten werden voraussichtlich erst im Frühjahr 2015 ins Sägemehl zurückkehren können.

Pirmin Reichmuth (18)
Kreuzbandriss, zugezogen am 13. Juli am Bergkranzfest auf der Rigi.

Martin Grab (35)
Kreuzbandriss, zugezogen am 4. Mai am Zuger Kantonalen.

Philipp Gloggner (23)
Kreuzbandriss, zugezogen am 15. Juni am Bergschwinget Schwarzenberg.

Martin Suppiger (29)
Innenbandriss und Knorpelschaden, zugezogen am 18. Mai am Schwyzer Kantonalen.

Erich Fankhauser (23)
Innenbandriss, zugezogen am 15. Mai im Schwingtraining.

Kreuzbänder: So funktionieren sie – und darum reissen sie

Verletzung jvf. Ein Kreuzbandriss ist eine der schlimmsten Diagnosen, die ein Sportler erhalten kann. Er weiss sofort, was auf ihn zukommt: eine Operation und mindestens sechs Monate Aufbautraining, bevor er wieder richtig trainieren kann. Doch welche Funktion haben die Kreuzbänder überhaupt? Und warum dauert die Aufbauphase so lange? Urs P. Martin, der Chefarzt der Sportmedizin in der Rennbahnklinik Muttenz, klärt die häufigsten Fragen:

Welche Aufgabe Haben die Kreuzbänder?
In jedem Knie gibt es zwei Kreuzbänder: das vordere und das hintere. Gemeinsam mit den Seitenbändern halten sie das Kniegelenk zusammen. Die Kreuzbänder stabilisieren das Knie und sind dafür verantwortlich, dass das Knie nicht nach vorne oder nach hinten rutscht, wenn eine Kraft darauf wirkt. Sie sind die wichtigsten Bänder im Knie und sozusagen ein passiver Stabilisator, im Gegensatz zu den Muskeln, die ein aktiver Stabilisator sind.

Warum gibt es so viele KreuzbandVerletzungen?
In vielen Sportarten wirken enorme Kräfte auf die Knie, welche die Kreuzbänder aushalten müssen. Bleibt zum Beispiel ein Schwinger mit dem Fuss im Sägemehl oder ein Fussballer im Gras hängen, wenn das Knie eine Rotation macht, gibt es einen hohen Zug auf dem Kreuzband. Manchmal hält es dieser Belastung nicht stand und reisst. Was passiert bei einem Kreuzbandriss? Ist ein Kreuzband gerissen, rutscht das Knie nach vorne, was meist einen Knorpelschaden und eine Beschädigung der Menisken nach sich zieht.

Wie kann man einen Kreuzbandriss behandeln?
Bei jungen Leuten bin ich der Meinung, dass man das Knie stabilisieren und operieren muss. Bei Schwingern ist eine Operation gar unumgänglich, weil ihr Knie sehr hohen Belastungen ausgesetzt ist. Man kann natürlich versuchen, kurzfristig mit Schienen und Koordinationsübungen eine Operation zu vermeiden, wenn zum Beispiel bald ein wichtiger Wettkampf stattfindet. Aber ich bin der Meinung, dass es mittel- und langfristig eine Operation braucht. Auch bei Hobbysportlern. Denn ohne intaktes Kreuzband ist das Arthroserisiko viel grösser.

Warum fällt man mit einem Kreuzbandriss ein halbes Jahr aus?
Sportler fallen nach einem Kreuzbandriss in der Regel sechs bis acht Monate aus. Je schneller sich die Muskeln wieder aufbauen, desto rascher kann das Knie nach der Operation belastet werden. Bei der Operation wird das Kreuzband mit einer Sehne rekonstruiert, es wird also komplett ersetzt und nicht zusammengenäht. Es dauert einige Monate, bis sich die Sehne in ein Bandgewebe umgewandelt hat.

Kann man ohne Kreuzband weiter Sport betreiben?
Es gibt Skirennfahrer, die kein Kreuzband mehr haben. Das ist aber nur möglich, weil sie eine sehr starke Muskulatur haben, die das Knie stabilisiert. Hobbysportler wechseln nach einem Kreuzbandriss häufig die Sportart, fahren zum Beispiel Velo oder spielen Tennis, weil da die Belastung auf dem Knie deutlich geringer ist als bei schnelleren Sportarten.

Hinweis
Urs P. Martin ist Chefarzt der Sportmedizin in der Rennbahnklinik Muttenz und Verbandsarzt des Nordwestschweizerischen Schwingerverbandes. Die Rennbahnklinik gilt in der Schweiz als führende Klinik im Bereich Sport- medizin. In Muttenz wurden unter anderem die Skirennfahrerin Dominique Gisin, der Fussballer Marco Wölfli, der Handballer Nicolas Raemy und der Schwinger Mario Thürig erfolgreich operiert.

Urs P. Martin

Urs P. Martin