Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

SCHWINGEN: Die Leichtigkeit ist zurück

Zwei Kreuzbandrisse, zwei Operationen, 21 Monate Pause: Pirmin Reichmuth (20) hat die Schattenseite des Sports hautnah erlebt. Nun kämpft er sich zurück – und hat viel vor.
Jonas von Flüe
Zuversichtlich und zufrieden: Pirmin Reichmuth posiert auf dem Grundstück seines Elternhauses in Cham. (Bild Stefan Kaiser)

Zuversichtlich und zufrieden: Pirmin Reichmuth posiert auf dem Grundstück seines Elternhauses in Cham. (Bild Stefan Kaiser)

Ein fester Händedruck, ein sympathisches Lächeln. Vor mir steht ein gut gelaunter, junger Mann mit einer imposanten Statur. 1,98 Meter gross, 102 Kilo­gramm schwer, muskulöse Oberarme. Pirmin Reichmuth empfängt zum ersten Mal seit langer, langer Zeit einen Journalisten. Von Nervosität keine Spur – im Gegenteil: Der 20-Jährige nimmt sich über eine Stunde Zeit für ein Gespräch, das sich nicht nur um den Schwingsport dreht. Zwei Nachmittage pro Woche hat er frei, muss die Zuger Metzgerei, in der er arbeitet, ohne ihn auskommen. Schon die Begrüssung verrät: Pirmin Reichmuth geht es gut, er ist zufrieden mit sich, seinem Leben und vor allem mit seinem Körper.

Perfekte Rückkehr

Denn hinter ihm liegt eine lange Leidenszeit, wie sie im Sport leider allzu oft vorkommt. Im Juli 2014 erlebte er zunächst den Höhepunkt, dann den Tiefpunkt seiner noch jungen Karriere. Vor seiner Haustüre, am Innerschweizer Schwing- und Älplerfest in Cham, stiess er bis in den Schlussgang vor, gewann den ersten Teilverbandskranz. Eine Woche später dann, auf der Rigi, passierte es: Er zog sich einen Kreuzband- und Meniskusriss im rechten Knie zu. Saisonende. Operation. Monatelanges Aufbautraining. Im März 2015 passierte es erneut, diesmal im Training: Wieder riss das Kreuzband. Wieder war die Saison zu Ende. Operation. Monatelanges Aufbautraining. Erst in diesem Februar kehrte Reichmuth ins Sägemehl zurück. Am 10. April bestritt er in Muotathal sein erstes Schwingfest. Er sei zwar extrem nervös gewesen, dennoch gewann er überraschend. «Der Sieg war nie mein Ziel», erzählt er, «ich wollte nur sehen, ob mein Knie den Belastungen standhält.» Das tat es. Obwohl sich Wasser im Knie ansammelte. «Das Knie», sagt er, «wird nie mehr so sein wie vor dem Unfall. Doch ich habe keine Schmerzen mehr und kann es voll belasten. Das ist das Wichtigste.»

Verständnisvolle Freundin

Der junge Chamer schaut nicht gerne zurück. Denn die Verletzung hat an ihm genagt. Er hinterfragte vieles, überlegte, was er ohne das Schwingen machen sollte. Mit den Klubkollegen konnte er nicht mehr so gut übers Schwingen diskutieren, weil ihm die Erfahrung aus den Wettkämpfen fehlte, plötzlich hatte er viel mehr Zeit, die er sonst im Schwingkeller verbrachte. Reichmuth mühte sich im Krafttraining ab und versuchte sich in anderen Sportarten, die sein Knie nicht so sehr strapazierten. Aber nichts konnte das Schwingen ersetzen. Er sei zuweilen unausstehlich gewesen, meint er, «meine Mutter hat mir gesagt: Zwei Verletzungen sind genug. Das wollen wir nicht nochmals durchmachen.»

Halt gab ihm die Familie – und seine Freundin Marion Betschart. Die 22-Jährige ist Torhüterin beim LK Zug, trainiert selbst vier Mal pro Woche und weiss darum, was in einem Spitzensportler vorgeht. «Sie ist wirklich ein Glückstreffer», sagt Reichmuth schmunzelnd.

Rückkehr auf die Rigi

Das lädierte Knie ist nun Teil von Pirmin Reichmuth. Er versucht zwar, mehr Erholungszeit einzuplanen. Aber die am Sonntag startende Kranzfestsaison lässt vorderhand wenig Pausen zu. Eine Woche später ist er Gast am Ob-/Nidwaldner Kantonalen in Lungern, eine weitere Woche später am Schwyzer Kantonalen in Schindellegi, und sieben Tage später nimmt er am Morgartenschwinget teil. Auch auf der Rigi, dem Ort des schlimmen Unfalls, wird er wieder antreten. Wird die Rückkehr schwierig? «Eher wegen der vielen Berner als wegen des Knies», sagt er lachend.

Sportstudium in Magglingen

Ende August dann, soll das Eidgenössische in Estavayer ein weiterer Meilenstein in seiner Karriere werden. Doch jenes Schwingfest ist für Reichmuth enorm weit weg. Denn zuvor warten weitere Aufgaben auf ihn – abseits des Sägemehls.

Ende Juni bestreitet der gelernte Metzger die Aufnahmeprüfung für das Bachelorstudium Sport in Magglingen. «Ich muss heute noch fünf Kilometer joggen gehen. Für mich ist das eine Qual», sagt er lachend und wohl wissend, dass fünf Kilometer kein Marathon sind. Zudem muss er praktische Prüfungen ablegen: Geräteturnen, Leichtathletik, Gymnastik und Tanz, Schwimmen und vier Ballsportarten sind gefragt.

Rekrutenschule in Thun

Jede zweite Woche geht er in Baar ins Turntraining. «Obwohl ich eigentlich viel Hornhaut habe, bekam ich vom Reckturnen richtig viele Blasen an den Händen», erzählt er. Noch mehr Mühe bereitet ihm das Tanzen: «Bei meiner Statur wirke ich ziemlich ungelenk ...» 200 Frauen und Männer hätten sich für das Studium beworben, nur 30 werden aufgenommen. Ist Reichmuth einer davon, wird er sein Zimmer im Elternhaus im September gegen ein Zimmer im Epizentrum des Schweizer Sports oberhalb von Biel eintauschen. «Dann war es das mit dem Training in Cham», ist er sich bewusst, «aber rund um Biel gibt es ebenfalls gute Schwingklubs. Und im athletischen Bereich kann man wohl nirgends besser trainieren als in Magglingen.»

Die zweite grosse Aufgabe startet am 4. Juli. Reichmuth beginnt dann die Rekrutenschule in Thun. Als Grenadier? «Nein, nein», winkt er ab, «als Führungsstaffelsoldat.» Wichtiger als die Funktion war ihm der Standort Thun. Berner Oberland. Heimat vieler starker Schwinger. Unter anderem von Schwingerkönig Kilian Wenger. Von den Bernern ­möchte er profitieren und mit ihnen regelmässig ins Training gehen. Von Konkurrenz keine Spur. «Ich werde überall willkommen sein», meint er.

Ende August also, steht Rekrut Reichmuth mitten in seiner Ausbildung zum Führungsstaffelsoldat und unter Umständen vor dem Start seines Studiums. Zum Eidgenössischen sagt er: «Das ist momentan kein grosses Thema.» Denn er hat in seiner langen Leidenszeit gelernt, dass man im Sport keine allzu langfristigen Pläne schmieden kann. «Es wäre einfach schön, wenn ich mal beschwerdefrei ins Wintertraining steigen könnte.» Pirmin Reichmuths Ziele sind bescheiden.

Zuger Kantonalfest

Hünenberg See. Festplatz bei den beiden Schulhäusern Kemmatten und Eichmatt.Sonntag, 7.30: Anschwingen. – 10.15: Sonntagsstille. – 12.00: Mittagessen. – 13.15: Fortsetzung der Wettkämpfe. – Zirka 16.45: Schlussgang. – 18.00: Rangverkündigung in der Festhalle.

Sieger 2015: Christian Schuler (1a), Andreas Ulrich (1b), Philipp Laimbacher (1c).

Favoriten: Christian Schuler (Sieger 2013, 2014, 2015), Philipp Laimbacher (Sieger 2006, 2009, 2010, 2015), Andreas Ulrich (Sieger 2012, 2015), Martin Grab (2001, 2005, 2008, 2011), Mike Müllestein.

Kronprinzen: Bruno Nötzli, Reto Nötzli, Torsten Betschart, Pirmin Reichmuth, Franz Föhn, Dominik Waser, Remo Betschart, Florian Ulrich, Adrian Stein­auer, Ralf Schelbert.

Stärkste Gäste: Peter Imfeld (Sieger 2007), Melk Britschgi.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.