SCHWINGEN: Die starke Mutter an seiner Seite

Esthi Wicki näht nicht nur die Schwinghosen von Ausnahmetalent Joel Wicki. Als Koordinatorin organisiert sie alles für ihren Sohn: von der Webseite bis zur Videoanalyse.

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Ein eingespieltes Team: Mutter Esthi Wicki mit ihrem Sohn Joel 
im Kraftraum des Willisauer Sportcenters Sportrock. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Ein eingespieltes Team: Mutter Esthi Wicki mit ihrem Sohn Joel im Kraftraum des Willisauer Sportcenters Sportrock. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Claudio Zanini

Wer einen Interview-Termin mit Joel Wicki (18) will, gelangt zuerst an dessen Mutter Esthi. Eine Frau, irgendwo zwischen 40 und 50 Jahren, oder anders gesagt: eine Frau, die man nicht nach ihrem Alter fragt. Der Grund, warum Mutter Wicki mittlerweile diese Schleusenfunktion für ihren Sohn wahrnehmen muss: Der gute Joel ist gefragter denn je. Dass er kurz vor dem Start in die Schwingsaison auch noch mit der Auszeichnung zum «Luzerner Sportler des Jahres» geehrt wurde, steigert das Interesse zusätzlich. «Seit dem Rigi-Schwinget haben die Anfragen nochmals zugenommen», sagt Esthi Wicki rückblickend. Als Joel damals im letzten Sommer König Nöldi Forrer bodigte und auf Mutter Wickis Smartphone ein Online-Medium sogleich die Rigi-Sensation vermeldete, wusste sie nicht, wie ihr geschah.

Esthi Wicki spricht mit rasantem Tempo. Schwer vorstellbar, dass es Tage gibt, an denen die Frohnatur aus Sörenberg energielos ist. An diesem Frühlingsabend sitzt sie im Willisauer Sportcenter «Sportrock» und gibt Auskunft über ihre Managertätigkeit für ihren Sohn. Immer wieder blickt sie kurz hinüber, beobachtet Joel, der mit Bruder Kevin Hanteln stemmt. «Ich bin nicht die Managerin, dieses Wort höre ich nicht so gern», sagt sie. «Joel ist im zweitletzten Lehrjahr. Ich muss gewisse Sachen für ihn übernehmen, er hätte gar keine Zeit für alle Aufgaben. Und es darf auch nicht sein, dass in der Gewerbeschule andauernd sein Telefon klingelt.» Die Lehre als Baumaschinen-Mechaniker geniesst immer noch Vorrang. Das ist nicht Mutters Credo das ist Joels bodenständige Art. Er sagt: «Nebst der Arbeit und dem Training hätte ich gar keine Zeit, mich um alles zu kümmern. Ich bin froh, übernimmt meine Mutter vieles für mich.»

Immenser Aufgabenbereich

Das Aufgabengebiet von Esthi Wicki ist umfassend. Nebst ihrem Teilzeit-Job im Dorfladen von Sörenberg sorgt sie in erster Linie für die ausgewogene Ernährung des Schwingtalents. «Das hat für mich Priorität. Ich schaue vor allem, dass er genug Eiweisse und Kohlenhydrate zu sich nimmt.» Da Joel noch nicht im Besitz des Fahrausweises ist, übernimmt seine Mutter nebst Bruder Kevin täglich Chauffeurdienste: von Sörenberg nach Hasle in die Schwinghalle und zweimal wöchentlich nach Willisau ins Fitness-Center. Sie füttert die Website des Kranzschwingers mit aktuellem Inhalt, filmt seine Gänge an den Schwingfesten für die Videoanalyse und näht gar seine Schwinghosen selbst. Aus dem Zwilchstoff stellt sie zudem Handtaschen und Portemonnaies her und verschenkt sie im Bekanntenkreis. Als wäre dem nicht genug, belegte Esthi im letzten Jahr Kurse in Sportmassage und liess sich in der Anwendung von Tapeverbänden schulen seither massiert und tapet sie Joel vor den Wettkämpfen selbst. «An den Schwingfesten fiebere ich mit. Das hört man manchmal auch auf den Videoaufnahmen», sagt sie und lacht über sich selbst.

Eine familiäre Teamarbeit

Joels Tasche packt sie ebenfalls vor allem vor den Wettkämpfen. Aber nicht, um ihm auch noch diese Arbeit abzunehmen. «Wenn er selbst seine Tasche packt, frage ich mich andauernd, ob er alles dabei hat. So bin ich weniger nervös.» Die emsige Arbeiterin entscheidet jedoch nichts über den Kopf des Teenagers hinweg. «Bei Medien- und Sponsorenanfragen beraten wir ihn, aber am Ende muss er selbst entscheiden, was er will.» Esthi Wicki sagt dies nicht, weil es sich gehört. Die Familie Wicki funktioniert tatsächlich so. Esthi, Vater Herbert, Bruder Kevin: Gemeinsam wird an der Karriere von Joel Wicki geschneidert; massgebend bleibt aber der Schwinger selbst.

Für die neue Saison hat sich Joel einiges vorgenommen. «Ich will vor allem mein bisheriges Level halten.» Zu seinen sechs Kränzen sollen noch einige dazukommen. Am ersten grossen Kranz-Fest in Küssnacht (26. April, Schwyzer Kantonales) bietet sich ihm dazu die erste Gelegenheit. Während Joel im Fitness-Center kurz Platz genommen hat, um einige Fragen zu beantworten, raunt ihm Bruder Kevin spasshaft zu. «Hey, du da! Trainierst du heute auch noch?»

Pflichtbewusst macht sich Joel wieder an die Arbeit. Im Team Wicki hat jeder sein Aufgabengebiet.