SCHWINGEN: Die Titanen sahnen ab

Das Werbegeld hat sich seit 2011 mehr als verdoppelt. Im letzten Jahr ist die Rekordsumme von 1,92 Millionen Franken ausgegeben worden. Tendenz weiterhin steigend.

Klaus Zaugg
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Wird in diesem Jahr abkassieren: Schwingerkönig Matthias Glarner. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Estavayer, 28. August 2016))

Wird in diesem Jahr abkassieren: Schwingerkönig Matthias Glarner. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Estavayer, 28. August 2016))

Klaus Zaugg

sport@luzernerzeitung.ch

Schwingen ist der einzige Sport mit exakten Zahlen zur Werbung. Die «Bösen» dürfen heute Werbegelder kassieren, was noch im letzten Jahrhundert verboten war. Im Gegenzug müssen sie 10 Prozent ihrer Werbeeinnahmen dem Eidgenössischen Schwingerverband (ESV) abliefern. Das Geld wird zweckgebunden in die Nachwuchsausbildung investiert. Diese «Reichtumssteuer» hat der damalige Obmann Ernst Schläpfer im Jahre 2011 eingeführt. Im Herbst nimmt Verbands-Geschäftsführer Rolf Gasser jeweils Einblick in die Werbeverträge und schreibt Ende Oktober jedem die entsprechende Steuerrechnung.

Die Zahlen dokumentieren den Boom des vaterländischen Sportes. Von 2011 (690 000 Franken) bis 2016 (1,92 Millionen Franken) stiegen die Werbegelder um satte 1,23 Millionen Franken (siehe Grafik). 2017 dürfte die 2-Millionen-Schallmauer fallen. Denn 2017 vermarktet sich neu auch Matthias Glarner als König.

Charismatische Könige (es gibt keine Ex-Könige, wer einmal König war, trägt diesen Titel für immer) wie Kilian Wenger und Matthias Sempach sowie Christian Stucki, der «König der Herzen», sind weiterhin aktiv, und eine neue Generation von wilden, für die Werbung attraktiven Jungen drängt weiter nach oben. Vielleicht hat es noch nie so viele so attraktive «Böse» gegeben wie 2017 – alleine im Bernbiet wird jedes Schwingfest mit Wenger, Sempach und Glarner zu einem «Dreikönigs-Tag».

Wie viel Geld verdienen die einzelnen Schwinger mit Werbung? Offizielle Zahlen gibt es nicht. Alle in den Medien genannten Werbeeinkommen der einzelnen «Bösen» sind Schätzungen, und die Beteiligten hüten sich, Zahlen zu nennen oder zu bestätigen.

Das Geld liegt im Sägemehl

Eine Umfrage ergibt erstaunliche Summen. Das Werbeeinkommen des entthronten Königs und Kilchberg-Siegers Matthias Sempach wird von Branchenkennern auf etwa 750 000 Franken geschätzt. Auch Kilian Wenger, der König von 2010, verdient nach den gleichen Quellen über 600 000 Werbefranken. Christian Stucki, dem Schlussgang-Verlierer von 2013 und «König der Herzen», wird ein «königliches Werbeeinkommen» zwischen 300 000 und 500 000 Franken attestiert. Hinter diesen Titanen gibt es eine ganze Reihe von Schwingern, die gemäss Kennern fünf- bis knapp sechsstellige Summen mit der Werbung verdienen. Das Geld liegt offensichtlich im Sägemehl. Die «Bösen» müssen es nur aufheben.

Das Problem ist bloss: Wenn wir die Schätzungen der Insider addieren, dann müsste das gesamte Werbevolumen der Schwinger inzwischen über 3 Millionen Franken ausmachen. Die Werbe-Einkommen der einzelnen Schwinger werden nach wie vor überschätzt.

Werbegelder für den Schwingsport

Werbegelder für den Schwingsport

Rolf Huser, der ehemalige Mitarbeiter der Vermarktungsagentur IMG (International Management Group), ist einer der besten Szenenkenner. Als Pionier hat er 2008 mit Jörg Abderhalden die erste professionelle Vermarktung eines Schwingers aufgegleist. Er bestätigt, dass auf dem Werbemarkt nur die Titanen Matthias Sempach, Kilian Wenger und Christian Stucki sowie der neue König Matthias Glarner das Potenzial für sechsstellige Werbeeinnahmen haben. Er schliesst zudem aus, dass ein «Böser» eine halbe Million oder gar mehr verdient, und sagt: «Die Obergrenze für einen einzelnen Schwinger dürfte zwischen 300 000 und 400 000 Franken liegen.» Verbandsgeschäftsführer Rolf Gasser gibt zu bedenken: «Der Werbemarkt beschränkt sich auf die Deutschschweiz.» Am Ende sei es wohl wie im richtigen Leben: viel für ein paar wenige und wenig für viele.

Aber eine gewisse Demokratisierung gibt es doch: 2011 teilten sich knapp 30 «Böse» das Werbegeld. Jetzt sind es 62. «Aber der grösste Teil verdient mit der Werbung bloss einen Zustupf», sagt Rolf Gasser. Zehn Schwinger dürften 80 Prozent der Gesamtsumme für sich beanspruchen. Somit beschränkt sich die Möglichkeit des Geldverdienens ziemlich genau auf den Kreis der eidgenössischen Kranzgewinner. Sechsstellige Werbe-Einahmen fliessen nur für die drei Könige Kilian Wenger, Matthias Sempach und Matthias Glarner sowie Christian Stucki. Also nur für Berner.

Für die «wilden» Jungen – allen voran Armon Orlik – muss es das Ziel sein, 2017 ein sechsstelliger «Böser» zu werden. Der Unspunnen-Schwinget (27. August) hat daher nicht nur eine grosse sportliche, sondern auch eine kommerzielle Bedeutung.

Schwingen prosperiert finanziell und ist sportlich erstaunlich stabil. Seit Jahren pendelt die Zahl der Aktiven stabil um etwa 6000 – die Hälfte davon Jungschwinger. Rolf Gasser sagt: «Damit das weiter so bleibt, ist es wichtig, dass wir unseren Anteil an den Werbeeinnahmen in die Nachwuchsarbeit investieren können.» Soeben ist ein neues Schwinger-Lehrbuch erarbeitet worden.

Der Verband duldet fremde Richter

Seit dem 1. Januar 2017 ist der ESV Mitglied von Swiss Olympic mit allen Rechten und Pflichten. Ein historisches Datum: Zum ersten Mal seit der Gründung (1896) duldet der ESV fremde Richter. Dopingkontrollen haben die Schwinger zwar auch bisher durchgeführt – aber seit dem 1. Januar werden Dopingvergehen nicht mehr von der verbandseigenen Justiz sanktioniert, sondern von Swiss Olympic. Also von fremden Richtern.

«Das ist ganz im Sinne der Transparenz und der Gewaltentrennung gut so», sagt Verbands-Geschäftsführer Gasser.

So ist Werbung im Schwingen erlaubt

 In der Schwingerarena, also im Schwenkbereich der Fernsehkameras, darf nach wie vor keine Werbung platziert werden. Hingegen ist es heute den «Bösen» selber erlaubt, Werbung zu machen. Verboten ist aber Werbung, die anstössig oder sexistisch ist, Werbung, welche die politische Neutralität des Schwingens verletzt oder für Mittel wirbt, die mit den Grundwerten des Schwingens nicht vereinbar sind.

Es sind lediglich Werbeaufschriften in der Grösse von 90 Quadratzentimetern auf Kleidungsstücken inklusive Rucksack erlaubt, aber nicht auf dem Wettkampf-Tenü und auf der Festbekleidung. Das bedeutet, dass ein Schwinger dann, wenn er im Sägemehl kämpft und im Fokus der TV-Kameras steht, keinerlei Werbeaufschriften tragen darf. Darin unterscheidet sich Schwingen von anderen Einzelsportarten (wie Tennis, Rad, Ski), die Werbung sowohl in der Arena als auch auf dem Wettkampf-Tenü erlauben.

Immerhin darf ein Schwinger bei Werbekampagnen mit Festbekleidung und Kranz, in Wettkampf-Tenüs und Schwingerhosen auftreten. Alle Werbe- und PR-Aktivitäten sowie Werbeverträge müssen durch den Verband genehmigt werden. (kza)