Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

SCHWINGEN: Hoffnungsträger Joel Wicki hat Hunger

Auf Joel Wicki (20) ruhen die Innerschweizer Hoffnungen am Unspunnen-Schwinget in Interlaken. Dass der Sörenberger beim Highlight der Saison überhaupt dabei ist, gleicht einem Wunder.
Claudio Zanini
Wieder genesen und entschlossen: Joel Wicki in der Talstation der Klewenalp-Bahn nach einem Medientermin des Innerschweizer Verbands. (Bild: Roger Grütter (Beckenried, 18. August 2017))

Wieder genesen und entschlossen: Joel Wicki in der Talstation der Klewenalp-Bahn nach einem Medientermin des Innerschweizer Verbands. (Bild: Roger Grütter (Beckenried, 18. August 2017))

Claudio Zanini

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

Joel Wicki lehnt sich über ein ­Absperrgitter in der Talstation ­der Klewenalp-Bahn. Der Innerschweizer Schwingerverband hat eine Woche vor dem Unspunnen-Schwinget zum Medientermin geladen. Es ist etwa 19 Uhr, Wicki hat Hunger. Hinter dem Gitter ist auf einem Tisch Trockenfleisch, Käse und Brot angerichtet – ein Imbiss für die anwesenden Journalisten. Wickis Blick weicht keinen Millimeter von der unberührten Platte ab. Irgendwann bekommt eine Servierfrau Mitleid mit dem Sörenberger. «Nein, also … ich muss diesem Schwinger ein Sandwich machen.» Hastig belegt sie ein Brot, drückt es Wicki in die Hand, dieser verzerrt es ebenso speditiv. Man atmet innerlich mit Wicki auf, die Situation ist entschärft. Ein muskelbepackter Körper wie dieser braucht Energie, logisch. Und wer will schon zusehen, wie der Hoffnungsträger unserer Region unterzuckert? Eben.

Dass Wicki überhaupt hier steht, gleicht einem Wunder. Vor rund sechs Wochen verletzte er sich im Schlussgang auf der Rigi am Fussgelenk. «Ich hätte nicht gedacht, dass ich in dieser Saison nochmals schwingen kann. So wie das damals ‹geklöpft› hat», sagt er. Wenig später folgte aber eine erste Entwarnung im Spital, nichts war gebrochen, kein böses Déjà-vu also. Denn im Vorjahr verwehrte ihm eine Unterschenkelfraktur auf der Schwägalp die Teilnahme am Eidgenössischen. In dieser Saison sollte er mit einem blauen Auge davonkommen.

Die Zuversicht wuchs im Spital stündlich. «Nach der MRI-Untersuchung wusste ich, dass etwas drinliegt, dass ich es noch schaffen kann.» Nichts hat man unversucht gelassen, um die gerissenen Aussenbänder im Fuss zu flicken. Blutegel und Salben kamen etwa zum Einsatz. «Darauf habe ich sehr gut reagiert.»

Es heisst, Wicki sei schon ziemlich bald wieder frecher geworden im Training, habe sich viel zugetraut. Und den Wettlauf gegen die Zeit gewann er, am Nordwestschweizerischen stand er vor anderthalb Wochen wieder im Einsatz und wurde Zweiter. Die Verletzung verkommt immer mehr zur Randnotiz. Seinen Frust nach dem dramatischen Schlussgang auf der Rigi hat er verdaut.

Abderhalden kürt Wicki zum Mitfavoriten

Und so rückt wieder in den Vordergrund, dass Wicki faktisch zu den drei besten Schwingern des Landes gehört. Nur Christian Stucki und Samuel Giger sammelten mehr Punkte in der Jahreswertung als der dreifache Saisonsieger aus dem Entlebuch. Der nationalen Konkurrenz ist nicht entgangen, dass der 20-Jährige in diesem Jahr nochmals ­einen Schritt nach vorne gemacht hat und technisch vielseitiger geworden ist. Jörg Abderhalden, dessen Analysen in der Szene hohes Ansehen geniessen, hob Wicki kürzlich im Schweizer Fern­sehen in den engsten Favoritenkreis. «Erwischt er einen guten Tag, kann er sehr gute Schwinger bezwingen», sagte der dreifache Schwingerkönig Abderhalden.

Wicki weiss genau, wie er in dieser Woche vorgehen will, um am Sonntag bereit zu sein. «Ich muss mir genug Erholung gönnen, genug schlafen, vielleicht noch auf die Jagd gehen und mich nicht nervös machen lassen.» Letzteres dürfte nicht einfach werden, denn der Saisonhöhepunkt entwickelt insbesondere in dieser Woche eine immense mediale Dynamik. Auf die Erfahrung von Teamroutiniers wie Schuler, Laimbacher oder Grab können Wicki und Co. nicht zählen. Ein Problem, das den Sörenberger nicht im Ansatz beschäftigt. «Die können ja auch nicht für immer schwingen. Wir müssen irgendwann ohne sie auskommen. Jetzt sind wir das Team.» Wicki meint ganz konkret Leute wie Erich Fankhauser, wie Sven Schurtenberger oder Marcel Bieri. «Wenn die gegen Kilian Wenger nicht verlieren wollen, dann verlieren die auch nicht.»

Es schwingt kein Zweckoptimismus in Joel Wickis Worten mit, wenn er sich vorstellt, wie seine Kameraden zu Knebeln im geölten Berner Getriebe werden können. Und seinen eigenen Part will er ebenso entschlossen übernehmen: «Ich will den ganzen Tag über mit der Spitze mithalten.» Wicki lässt keine Zweifel offen, der Erfolgshunger ist nach dem Rigi-Zwischenfall wieder enorm.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.