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Schwingen ist businessmässig ein Riesending

Im Zuge der Swissness hat das Schwingen wieder an Popularität gewonnen. Solche Wellen gab es indes schon mehrmals. Doch der Sex-Appeal der Schwinger ist neuartig.
Klaus Zaugg
Auch nachdem die Zwilchhose ausgezogen ist: Erfolgreiche Schwinger machen heute allenthalben Kasse und gute Figur. (Bild: Keystone)

Auch nachdem die Zwilchhose ausgezogen ist: Erfolgreiche Schwinger machen heute allenthalben Kasse und gute Figur. (Bild: Keystone)

Auf den ersten Blick ist es einfach ein Boom. So wie ihn andere Sportarten hin und wieder erleben. Doch wenn wir genauer hin­sehen, ist es auch ein gesellschaftliches Phänomen. An sich hat sich das Schwingen seit der Verbandsgründung von 1895 nur geringfügig verändert. Es sind immer noch die gleichen Regeln wie damals, die Wettkämpfe haben die gleiche Struktur, und die Zahl der Aktiven ist seit 1895, dem Gründungsjahr des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV), sogar zurückgegangen: von 3770 auf heute 2930. Es gibt also nicht mehr Schwinger als früher. Aber inzwischen interessieren sich so viele Menschen fürs Schwingen wie noch nie.

Budget fünfmal höher als 1980

Die Zuschauerzahl beim Eidgenössischen hat sich seit 1980 von 33 000 in St. Gallen auf 52 000 in Burgdorf nahezu verdoppelt. Das Budget ist mit 25 Millionen Franken fünfmal höher. Und inzwischen hat die Werbeindustrie das Schwingen entdeckt: Geschätzte 45 Prozent des Budgets von Burgdorf werden durch Sponsoren gedeckt. Die Eintrittspreise haben sich seit 1983 verdoppelt: von 112 auf 225 Franken. In Burgdorf kostet ein Ticket in der Kategorie gedeckter Sitzplatz erstmals mehr als 200 Franken, und es gibt erstmals VIP-­Tickets für 1250 Franken zu kaufen.

Die dritte «Swissness»-Welle

Diesen Boom hat das Schwingen nicht primär durch eigene Anstrengungen provoziert. Er kommt als Resultat einer gesellschaftlichen Entwicklung. Wir erleben die dritte Revolution des Hosenlupfes und die dritte «Swissness»-Welle.

Die Erste verwandelt 1805 ein ländliches Spiel in ein nationales Kulturgut. Die Schweiz ist nach dem Einmarsch der Franzosen zerrissen. Besonders das Bernbiet. Der Berner Schultheiss Niklaus Friedrich von Mülinen (1760–1833) begründet das Unspunnenfest in Inter­laken. Nach Jahren des Diktats und der Demütigung durch die Franzosen sollen schweizerische Kampfspiele und Brauchtum das Selbstgefühl und das Nationalbewusstsein stärken. «Swissness» im Zeitalter Napoléons.

Es wird ein voller Erfolg. Der «Hinkende Bote» berichtet erfreut: «In der besten, schönsten Ordnung, im lieblichsten Frieden und Ruhe gieng dies Fest vor sich und machte alle den bösen Prophezeyungen ängstlicher oder hämischer Menschen zu Schanden, die Mord, Tod und allerley Uebels – samt Krieg, Pestilenz und Einfall der Türken voraussahen.»

Beinahe 100 Jahre später folgt die zweite Revolution, die zweite «Swissness»-Welle. Die Idee der modernen Olympischen Spiele kommt auf und wird 1896 verwirklicht. Erste Formen des Profisports (Fussball!) entwickeln sich, die Welt erlebt ihre erste Globalisierung. Die Sorge geht um, das Schwingen, ja das nationale Gedankengut könnte durch ausländische Einflüsse verdorben werden, und die Jugend werde sich vom Schwingen abwenden. Zum Schutze und zur Förderung des Schwingens und anderer nationaler Spiele (wie Hornussen, Steinstossen, Nationalturnen und Sackgumpen) kommt es 1895 zur Gründung des Eidgenössischen Schwingerverbandes (ESV). Eigentlich ist «Swissness» der Grund für die Gründung.

Schwingen als heile Gegenwelt

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird Schwingen uncool. Die Welt ist in Gut und Böse, in Ost und West, aufgeteilt. Alles hat seine Ordnung, die Wirtschaft brummt, doch die Schweiz wird gerade von Jungen kritisch und als zu konservativ betrachtet. Im 21. Jahrhundert führt die Globalisierung, die vermehrte Einmischung von aussen, die Diskussionen um die europäische Integration führen zum Zusammenrücken. Die Menschen entdecken das Schwingen als heile Gegenwelt. Es ist die dritte Revolution. Das bleibt der Werbeindustrie nicht verborgen: Der vaterländische Hosenlupf wird erstmals «Big Business». Burgdorf 2013 markiert den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung.

Schwingerkönig «exkommuniziert»

Dabei war das Schwingen lange Zeit von der Heimsuchung des Mammons verschont geblieben. Noch 1977 wird Rudolf Hunsperger, der König von 1966, 1969 und 1974, durch Obmann Ernst Marti aus der Schwingergemeinde «exkommuniziert». Weil er nach seinem Rücktritt ein bisschen für Herrenanzüge Werbung gemacht und im Circus Knie mit einem Bären gerungen hat. Huns­perger soll beim Eidgenössischen in Basel für Radio Beromünster arbeiten. Marti verwehrt ihm den Zutritt und droht, das Eidgenössische werde nicht beginnen, wenn sich Hunsperger in der Arena aufhalte. «Rüedu» ignoriert den Zorn des Zwilchhosen-Ajatollahs, schreitet stolz an allen Eingangskontrollen vorbei, nimmt hinter dem Mikrofon Platz, und das Fest beginnt.

Für unerlaubte Werbung wird in den 1980er-Jahren selbst Dr. Ernst Schläpfer, König von 1980 und 1983, bestraft. Er darf eine Saison lang kein Fest ausserhalb seines Teilverbandes bestreiten.

Die Zeiten ändern sich. Wie «Rüedu» sich trotz des Verbotes einfach Zutritt verschafft hat, so ist im 21. Jahrhundert das Geschäft doch ins Schwingen eingezogen. Und der ESV belegt die «Bösen» nicht mehr mit dem Bannfluch. Sondern kassiert mit. Die Arena bleibt, wie zu den Zeiten unserer Vorväter, nach wie vor werbefrei. Die Sponsoren dürfen sich nur rund um die Arena präsentieren, die Umgebung der Arena mahnt an den Werbetross der Tour de Suisse.

Ein Muni – zwei Sponsoren

Inzwischen werden Mann und Muni vermarktet. Beim Eidgenössischen 1995 in Chur entdeckt Christoph Blocher die Werbewirksamkeit des Siegermunis. In Burgdorf schaffte man es gar, im Namen dieses Munis gleich zwei Sponsoren unterzubringen: Für «Fors von der Lueg» zahlen der Beizer von der Lueg und ein Futtermittelhersteller für das Viehfutter Fors. Inzwischen dürfen die Schwinger als «Posterboys» Werbegelder kassieren.

Das statutarisch verankerte Werbeverbot ist 2010 mit Einführung des Werbereglements und einer «Reichtumssteuer» aufgehoben worden. Ein Schwinger darf beliebig Werbung machen, muss aber die Verträge beim ESV deponieren und 10 Prozent der Vertragssumme in die Verbandskasse abliefern. Jeweils im September schreibt Geschäftsführer Rolf Gasser die Rechnung. Auf die Ehrlichkeit der Schwinger kann er bauen: Heimlich werben ist kaum möglich. Zur Sicherheit wirft Gasser jeweils, bevor er die Rechnung abschickt, einen Blick auf die Homepage seiner Bösen. Dort sind die Sponsoren fein säuberlich aufgelistet.

Wenige Werbe-Titanen

Im letzten Jahr hat der ESV aus 35 eingereichten Werbeverträgen ziemlich genau 100 000 Franken eingenommen. Das bedeutet, dass im letzten Jahr 35 Schwinger Werbung gemacht und dafür insgesamt eine Million kassiert haben. Den grössten Teil teilen eine Handvoll Schwinger unter sich auf: Die drei Berner Titanen Kilian Wenger, Matthias Sempach und Christian Stucki sowie Jörg Abderhalden, der nur noch in der Werbung aktive König von 1998, 2004 und 2007. Nach dem Rücktritt wird ein Schwinger noch drei Jahre lang zum reduzierten Satz von 5 Prozent auf seinen Werbeeinnahmen besteuert.

Werbegurus haben den Werbewert des Schwingerkönigs indes schon oft zu hoch auf eine Million geschätzt. Tatsächlich hat bisher noch kein König viel mehr als eine halbe Million Werbegelder pro Jahr erhalten. Das könnte allerdings noch werden.

Oder hält man es mit Niklaus von Flüe (1417 bis 1487), der einst die Eidgenossen vor weiteren Eroberungen mahnte: «Machet den Zun nid zu wit!» Auf das Schwingen übertragen: «Macht die Tresore nicht zu weit auf.» Denn «Swissness» steht eben auch für Bescheidenheit.

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