SCHWINGEN: Joel Wicki entspannt sich in der Natur

Joel Wicki ist der Überflieger des Jahres. Der Rummel um seine Person ist gross. Beim Fischen am Eisee beweist der 17-Jährige, dass er auch geduldig sein kann.

Jonas von Flüe
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Es braucht etwas Geduld, doch dann beissen sie an. Joel Wicki präsentiert die erste von zwölf gefangenen Bergforellen. (Bild Eveline Beerkircher)

Es braucht etwas Geduld, doch dann beissen sie an. Joel Wicki präsentiert die erste von zwölf gefangenen Bergforellen. (Bild Eveline Beerkircher)

Das Brienzer Rothorn ist nebelverhangen. Auf dem Sessellift hinunter zum Eisee sieht man den vorderen Sessel nur knapp. Es ist frisch auf 1900 Metern über Meer. Die ganze Nacht hat es geregnet. Nur wenige Fischer – vielleicht zehn – verirren sich an diesem Samstagmorgen um 7.30 Uhr an den Bergsee oberhalb Sörenbergs, der auf dem Gebiet der Gemeinde Giswil liegt. Die Wickis haben eine Militärpelerine dabei. Für den Fall der Fälle. Doch es bleibt trocken. Joel (17), sein sechs Jahre älterer Bruder Kevin und Vater Herbert kommen oft hier hoch, um die Ruhe, die Natur zu geniessen und möglichst viele Fische aus dem See zu ziehen. «Geräuchert mag ich sie am liebsten», erklärt Herbert.

Ehrgeiz ist stärker als Ungeduld

Beim Fischen ist Geduld gefragt. «Nicht unbedingt eine Stärke meiner Söhne», sagt Vater Herbert, dessen Wochenenden in den Sommermonaten ganz auf den jüngeren Sohn ausgerichtet sind, lachend. Als Jungschwinger hat Joel 83 Feste gewonnen, seinen Jahrgang 1997 dominiert.

Seit einem Jahr schwingt er bei den Aktiven, bereits sechs Kränze hat er auf seinem Konto, darunter jene prestigeträchtigen an den Bergkranzfesten auf der Rigi und dem Brünig. Der Sörenberger ist der Überflieger der Saison, zeigt keinen Respekt vor grossen Namen, will jeden Gang dominieren – und hat auf der Rigi den Schwingerkönig von 2001, Arnold Forrer, besiegt. Seine angriffige Schwingweise bringt dem Gegner aber auch die Chance zum Kontern.

Deshalb meint Vater Herbert, sein Sohn sollte manchmal etwas geduldiger sein – nicht nur im Sägemehl. Am Eisee scheinen die Maden den Bergforellen nicht sonderlich zu schmecken. Während unseres zweieinhalbstündigen Besuchs beissen nur zwei an. «Normalerweise stehen wir an einer anderen Stelle», erklärt Joel, «doch heute war jemand vor uns dort.» Immer wieder zieht der Nebel über den See. «Siehst du dein Buldo noch?», ruft Bruder Kevin. Die leuchtorangefarbenen Wasserkugeln, dank denen man sieht, ob ein Fisch angebissen hat, verschwinden im dicken Grau. Konsternation macht sich breit. Doch die Wickis wollen nicht aufbrechen, bevor mindestens sechs Fische gefangen sind. Ihr Ehrgeiz ist stärker als die langsam aufkommende Ungeduld.

Die Lehre geht vor

In der Natur entspannt sich Lehrling Joel von den Strapazen des Alltags, der wegen seiner Erfolge ganz schön hektisch geworden ist. Der 1,83 Meter grosse und 102 Kilogramme schwere Schwinger ist in Sörenberg, ja im ganzen Entlebuch längst allen bestens bekannt. Immer mehr Leute erkennen ihn auf der Strasse, immer mehr Kunden bei der Arbeit. «Sogar Paul Accola, der letztens bei uns in der Bude war», sagt er etwas stolz.

In zwei Jahren will Joel seine Lehre als Baumaschinen-Mechaniker abschliessen. Die Schule fordert ihn. Um zu lernen, verzichtet er auch mal aufs Training. Die Lehre geht vor. Zwei Mal pro Woche ist er in der Regel in Hasle im Schwingkeller, einmal in Willisau bei Daniel Hüsler im Fitnesstraining. Dazu kommt das steigende Medieninteresse. «Wir mussten vor dem Kilchberger Schwinget einige Anfragen ablehnen», erklärt Joels Mutter Esthi, die sich um die Termine des jungen Schwingers kümmert. Seit kurzem ist Joel auch noch Teil des Sportförderprogramms des Kantons Luzern, was die Familie enorm freut und finanziell entlastet, aber auch jetzt, kurz vor dem Saisonhöhepunkt, einige Verpflichtungen nach sich zieht.

Noch häufiger als am Eisee trifft man Joel im Sommer auf der Alp seines Göttis, wo auch das Rind Mona, das er vor zwei Jahren am Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag in Hasle gewonnen hat, weidet. Auf der Alp Satz, unterhalb des Sörenberger Hausbergs Haglere, fühlt er sich wohl, packt er gerne mit an. «Ich bin naturverbunden und mag den Umgang mit den Tieren», erzählt Joel. Der Bauernberuf fasziniert ihn. Nicht nur wegen der Tiere, sondern auch wegen der vielen Maschinen, die auf einem Landwirtschaftsbetrieb eingesetzt werden. Da passt seine Lehre als Baumaschinen-Mechaniker ja bestens. Joel kann sich durchaus vorstellen, später einen Bauernbetrieb zu übernehmen. «Ich habe mich aber bewusst für einen anderen Beruf entschieden, damit ich zuerst Geld verdienen und sparen kann», sagt er.

Wichtige Unterstützung der Eltern

Dass der 17-Jährige am Sonntag am Kilchberger Schwinget teilnehmen kann, verdankt er nicht nur seinem Talent und dem hohen Trainingsaufwand, den er betreibt, sondern vor allem auch seiner Familie. «Ohne ihre Unterstützung wäre ich nie so weit gekommen», weiss er. Bruder Kevin ist praktisch an jedem Schwingfest vor Ort. Und seine Eltern haben ihn schon als Jungschwinger mit dem Auto zu den Trainings nach Hasle und zu den Schwingfesten in der ganzen Schweiz gefahren. Weil Joel noch nicht volljährig ist und er von Sörenberg nicht immer eine Mitfahrgelegenheit in die Trainings hat, müssen Esthi und Herbert auch heute noch oft ins Auto steigen und die Kurven hinunter nach Schüpfheim unter die Räder nehmen. Das geht auch ins Geld. Einzelne Sponsoren entlasten die Wickis. Wenn Joel im Februar 18-jährig wird, will er die Autoprüfung sofort in Angriff nehmen. Die Eltern freut das.

Dass sich Hartnäckigkeit und Geduld auszahlen, erlebt Joel nicht nur im Sägemehl. Die Wickis harren noch länger am Eisee aus, wechseln ihren Standort. Kaum in Luzern angekommen, erhalten wir eine SMS von Joel: «Wir haben zwölf Fische gefangen.» Mittlerweile scheint auch die Sonne.

Joel Wicki. – Wohnort: Sörenberg. – Geburtsdatum: 20.2.1997. – Beruf: Baumaschinen-Mechaniker (3. Lehrjahr). – Grösse: 1,83 Meter. – Gewicht: 102 Kilogramm. – Kränze: 6. – 2014: 5 Kränze.