SCHWINGEN: Schwinger verdienen weniger als vermutet

Kein Wunder, hat die Werbung das Schwingen entdeckt, denn diese Sportart ist populär wie nie. Aber inzwischen zeigt sich: Die Werbeeinnahmen der Athleten werden überschätzt.

Klaus Zaugg
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Werbung auf der Kappe und der Brust: Christian Stucki (links) und vor allem König Matthias Sempach gehören zu den wenigen Topverdienern im Schwingen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Werbung auf der Kappe und der Brust: Christian Stucki (links) und vor allem König Matthias Sempach gehören zu den wenigen Topverdienern im Schwingen. (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Wie viel Geld verdienen die einzelnen Schwinger mit Werbung? Offizielle Zahlen gibt es nicht. Alle in den Medien genannten Werbeeinkommen der einzelnen Bösen sind Schätzungen, und die Beteiligten hüten sich, Zahlen zu nennen oder zu bestätigen.

Eine Umfrage ergibt erstaunliche Summen. Das Werbeeinkommen von König und Kilchberg-Sieger Matthias Sempach wird von Branchenkennern auf etwa 750 000 Franken geschätzt. Auch Kilian Wenger, der König von 2010, verdient nach den gleichen Quellen über 600 000 Werbefranken. Christian Stucki, dem Schlussgang-Verlierer von 2013 und «König der Herzen», wird ein «königliches Werbeeinkommen» zwischen 300 000 und 500 000 Franken attestiert. Auch Noldi Forrer (König von 2001) werden sechsstellige Werbeeinnahmen zugetraut. Hinter diesen Titanen gibt es eine ganze Reihe von Schwingern, die gemäss Kennern fünf- bis knapp sechsstellig mit der Werbung verdienen. Das Geld liegt offensichtlich im Sägemehl. Die Bösen müssen es nur aufheben.

Insider schätzen zu hoch

Das Problem ist bloss: Wenn wir die Schätzungen der Insider addieren, dann müsste das gesamte Werbevolumen der Schwinger gut und gerne 3 Millionen Franken ausmachen.

Schweizer sind diskret und reden nicht über Geld. Wenn sie es doch tun, wird meistens übertrieben. Dies ist wahrscheinlich auch im Schwingen der Fall. Den Schätzungen und Mutmassungen der Branchenkenner können wir nämlich Fakten gegenüberstellen. Seit 2012 müssen die Bösen 10 Prozent ihrer Werbeeinnahmen an den Schwingerverband abliefern. Diese sogenannte Reichtumssteuer ist seinerzeit von Obmann Ernst Schläpfer zusammen mit einem entsprechenden Werbereglement eingeführt worden. Der Verband finanziert mit diesem Geld die Nachwuchsförderung. Das Schwingen ist damit der einzige Sport, der an zentraler Stelle einen vollständigen Überblick über den eigenen Werbemarkt hat.

Steuerrechnungen werden bezahlt

Im Herbst nimmt Verbandsgeschäftsführer Rolf Gasser jeweils Einblick in die Werbeverträge und schreibt dann Ende Oktober jedem die entsprechende Steuerrechnung. Er geht zwar nicht davon aus, dass ihm die Bösen jeden Werberappen offenlegen. Aber er sagt: «Es kann sein, dass da und dort nicht ganz alles deklariert wird.» Aber er gehe nicht von einem «Werbe-Schwarzmarkt» aus. Man könne ja nicht heimlich oder anonym werben. «Ich denke, im Grossen und Ganzen wird bei uns ehrlich abgerechnet.» Bis heute seien übrigens auch alle seine Steuerrechnungen ausnahmslos bezahlt worden. Dank dieser Reichtumssteuer, die in der Jahresrechnung des Verbandes aufgeführt ist, haben wir also die offiziellen Zahlen zum Werbemarkt im Sägemehl.

 

  • 2012 beträgt das offizielle Werbeaufkommen 900 000 Frankenfür36 Schwinger.
  • 2013 erzielen 52 Schwinger offizielle Werbeeinnahmen in der Höhe von 1,23Millionen Franken.
  • 2014 beträgt das offizielle Werbeaufkommen für 56 Schwinger 1,55 Millionen Franken.

 

 

Rolf Gasser unterliegt der Schweigepflicht und nennt keine einzelnen Beträge. Er kommentiert lediglich die in der Jahresrechnung offengelegten Gesamtbeträge. Er geht davon aus, dass inzwischen eine Obergrenze erreicht worden ist. «Eine Konsolidierung auf diesem Niveau ist in unserem Interesse. Wir wollen nicht Wachstum um jeden Preis.» Es gehe darum, den Charakter des Schwingens zu erhalten. Das gehe nur, wenn die Entwicklung massvoll sei. Die Werbemöglichkeiten sind begrenzt, weil die Schwinger beim Wettkampf und damit im Schwenkbereich der TV-Kameras und Fotografen, anders als die Stars in anderen Sportarten, keine Werbung auf dem Tenü machen dürfen. Auch die gesamte Arena ist werbefrei. Das schränkt das Wachstum stark ein. «Das wird so bleiben», sagt Rolf Gasser. «Da sind wir ganz stur.»

Die Schwinger haben also im Jahr 2014 für Werbung insgesamt 1,55 Millionen Franken kassiert. Rolf Huser von der Vermarktungsagentur IMG (International Management Group) ist einer der besten Szenenkenner. Als Pionier hat er 2008 mit Jörg Abderhalden die erste professionelle Vermarktung eines Schwingers aufgegleist. Er zeigt sich von diesen Zahlen überrascht. «Ich hätte gedacht, dass diese Summe wesentlich höher ist.» Er bestätigt allerdings, dass auf dem Werbemarkt nur die Titanen Matthias Sempach, Kilian Wenger, Christian Stucki und Noldi Forrer das Potenzial für sechsstellige Werbeeinnahmen haben. Am Ende sei es wohl wie im richtigen Leben: viel für ein paar wenige und wenig für viele. Zusammengefasst lässt sich wohl sagen: Die Schallmauer von 500 000 Franken pro Jahr erreichen bloss Matthias Sempach und Kilian Wenger. Es gibt im Schwingen keine Werbemillionäre. Die Zahlen zeigen, dass Werbeeinnahmen nur einem kleinen Kreis vorbehalten sind. Beim Eidgenössischen 2013 traten 278 Schwinger an. Wenn nun ein Jahr später 56 «Böse» Werbeeinnahmen erzielen, dann beschränkt sich diese Möglichkeit des Geldverdienens ziemlich genau auf den Kreis der Kranzgewinner.

Zwilchhosen nur gegen Bares

Das Schwingen wird im 21. Jahrhundert durch die Kommerzialisierung geprägt. Die Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen, scheint die Szene ganz im Sinne von Jeremias Gotthelf («Geld und Geist») zu beeinflussen. Im Guten wie im Bösen. Einer der grossen Schwinghosen-Hersteller hat kürzlich die Weisung erlassen, dass die Zwilchhosen nur noch gegen Barzahlung ausgehändigt werden. Genervt hat er sich an jenen Kunden, die die Rechnungen nicht bezahlt, aber dafür um einen Sponsorbeitrag nachgesucht haben.